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Chronik: 40 Jahre Grüne – der lange Weg einer Öko-Partei

Der Gründungsparteitag der Grünen am 13.01.1980 in Karlsruhe (Bild: Albert Ostertag/dpa)

1980 war der Startpunkt: Seitdem sind für die Grünen gefühlte Lichtjahre vergangen. Ein Blick auf turbulente Wanderjahre.

Eine Chronik von Jan Rübel

Heute sind die Grünen die 23-Prozent-Partei in den Umfragen. Heute werden ihre Spitzenpolitiker als mögliche Kanzler gehandelt, als Alternative – nicht zur herrschenden Politik, sondern zu den bisherigen Politikern. Sollte ein Gründungsmitglied der Grünen 1980 ins Koma gefallen sein und heute aufwachen: Beim Blick auf die Grünen würde es sich lange umgucken.

Denn die Wandlung ist enorm. Zwar ist kein Bruch erkennbar, jede Veränderung erklärt sich aus dem natürlichen Lauf der Geschichte. Doch die zurückgelegte Wegstrecke ist lang. Und: Es gibt noch immer viele Gemeinsamkeiten zwischen damals und heute.

Die „wilden“ Siebziger

Die Anfänge waren chaotisch. Ein Sammelsurium an Gruppen einigte sich auf ein gemeinsames Dach: In den Siebzigern des vorigen Jahrhunderts lebten verschiedene Bewegungen den Geist von 1968, dem Jahr der Studierendenproteste, fort. Da gab es die linken Kommunisten, die in den Siebzigern versucht hatten, die Arbeiter in der Bundesrepublik von Marx, Engels, Mao oder Trotzki zu überzeugen, aber damit komplett scheiterten. Da gab es Frauengruppen, die es satt hatten, dass auch bei den Studierendenprotesten ein machistischer Geist dominiert hatte. Und vor allem gab es viele Umweltgruppen, welche aus der Anti-Atomkraft-Bewegung kamen.

Es gibt ja nur eine Natur

Damals wie heute trieb die Leute eine Angst um: dass der Mensch es zu wild treibt mit dem Raubbau. Heute wie damals regierte eine SPD, und vor 40 Jahren hingen die Sozialdemokraten noch mehr als heute dem Glauben an, dass Fortschritt durch Wachstum kommt, und dieses fossil befeuert wird. Dabei gab es damals schon die ersten Störfälle in Kernkraftwerken, und Bäume starben. Schon 1972 hatte der Club of Rome den Klassiker „Die Grenzen des Wachstums“ herausgegeben – eine Studie der renommierten US-Universität MIT, die auf mehreren hundert Seiten Vorhersagen traf, die sich heute sehr aktuell lesen. Dieses Buch erschreckte die Menschen. Und so kamen im Januar all diese Bewegten, die Kommunisten, die Feministinnen und Umweltschützer von Links bis Rechts zusammen, um die „Grünen“ zu gründen.

Anfangs Anti

Zu Beginn war man eine Anti-Partei-Partei. Opposition war angesagt, mit den etablierten Parteien wollten die Grünen nichts zu tun haben – und die grenzten sich ab; nur Knoblauch hingen Union, SPD und FDP nicht an ihre Bürotüren. Und die Grünen verbuchten rasche Erfolge.

Die Grünen-Abgeordnete Christa Nickels strickt 1983 in ihrer "atomwaffenfreien Zone" (Bild:: Heinrich Sanden/dpa)

Geist des Widerstands

Zur Furcht vor einem Umweltsterben gesellte sich Kriegsangst. Denn der Kalte Krieg zwischen Nato und Warschauer Pakt schickte Atomwaffen aufs Feld, Schauplatz Deutschland: Hüben und drüben der Mauer wurden Atomraketen aufgestellt, im Kriegsfall wäre Deutschland Vergangenheit gewesen. So entstand die Friedensbewegung, mit den Grünen als Parteiarm. Im Oktober 1981 kamen in Bonn rund 300.000 Menschen zusammen, um gegen die Aufrüstung zu demonstrieren. Es wurde die bis dahin größte Friedensdemo in der Geschichte der Bundesrepublik.

Es wird parlamentarisch

1983 schon ziehen die Grünen in den Bundestag ein. Und bringen einen neuen Style ein: Wollpullover, Vollbärte, Babys werden gestillt – die Herren in Anzug und Krawatte zeigten sich empört. Aber man gewöhnte sich aneinander. Auch im Streit: 1984 schrieb sich Joschka Fischer mit einem einzigen Zwischenruf in die Geschichtsbücher. Zuvor hatte Bundestagsvizepräsident Richard Stücklen (CSU) den grünen Abgeordneten Jürgen Reents von der Debatte ausgeschlossen, weil dieser Kanzler Helmut Kohl (CDU) als „von Flick freigekauft“ bezeichnet hatte; es ging um massenhafte rechtswidrige Parteispenden des Flick-Konzerns und also um eine Äußerung, die so falsch nicht war. Fischer meldete sich nun zu Wort sagte: „Herr Präsident, mit Verlaub, Sie sind ein Arschloch.“ Tumulte waren die Folge. Und der Einzug des Pop in die Politik.

Ein Jahr später wurde Fischer in Hessen als erster grüner Minister vereidigt, als Landesumweltminister, und die weißen Turnschuhe, die er dabei trug, erregten damals solches Aufsehen, dass sie heute im Museum stehen. Heute sind Sportschuhe, auch im Bundestag, alles andere als revolutionär. Aber so waren damals die Zeiten.

Joschka Fischer wird 1985 von Holger Börner (SPD) als Minister für Umwelt und Energie im Landtag in Wiesbaden vereidigt (Bild: Heinz Wieseler/dpa)

Eben anders

Die Grünen stellten der Politik damals den Spiegel auf. In Hamburg zum Beispiel kam es Mitte der Achtziger zu einer Fraktion in der Bürgerschaft, dem Landesparlament, die nur aus Frauen bestand.

Mauer im Kopf

Und als es 1989 zum Zusammenbruch der DDR kam, gehörten die Grünen im allgemeinen Jubel und Trubel zu den Bedenkenträgern. Kohl schwärmte von „blühenden Landschaften“, eine Art verschärftes „Wir schaffen das“, während bei den Grünen die Zweistaatlichkeit noch stark dominierte. Im Wahlkampf 1990 plakatierten sie „Alle reden von Deutschland. Wir reden vom Wetter.“ Das war cool, aber auch arrogant. Dafür wurden die Grünen abgestraft, sie scheiterten an der Fünf-Prozent-Hürde.

Neuausrichtung

Diesen Schock nahmen die Grünen ernst. 1993 fusionierten sie mit der Bürgerbewegung „Bündnis 90“, einem Zusammenschluss aus DDR-Oppositionellen. Im Osten blieben sie zwar schwach, lernten aber hinzu, auch an Lebenserfahrungen und Perspektiven auf Biographien. Die Grünen reiften.

Plötzlich in Verantwortung

1998 erreichte der Überdruss über die langen Jahre der Kanzlerschaft von Kohl einen Höhepunkt. Die SPD fand in Gerhard Schröder einen charismatischen Spitzenkandidaten – und Rot-Grün hatte die Mehrheit im Bundestag. Plötzlich waren Grüne Außen- , Umwelt- und Gesundheitsminister. Kaum hatten sie an den Schalthebeln Platz genommen, erwischte sie ein Stresstest nach dem anderen. Schröder träumte vom „dritten Weg“, eine Art Genossen-Kapitalismus, und die Grünen mussten bei einer Politik mitregieren, die Arbeitgeber und Börsenspekulanten bevorzugte. Dann kam der Jugoslawienkrieg, und die Grünen mussten entscheiden, ob sie die Regierung verlassen oder bei den fürchterlichen Luftangriffen gegen Serbien mitmachen. Sie entschieden sich für letzteres.

Joschka Fischer wurde 1999 auf dem Sonderparteitag der Grünen zum Kosovo-Krieg Opfer einer Farbbeutel-Attacke (Bild: Bernd Thissen/dpa)

Es kam beim Bielefelder Sonderparteitag 1999 zum Eklat, als Fischer ein roter Farbbeutel ans Ohr geworfen wurde und ihm das Trommelfell platzte. Fischer warb für seine Politik mit den Worten: „Auschwitz ist unvergleichbar. Aber ich stehe auf zwei Grundsätzen, nie wieder Krieg, nie wieder Auschwitz, nie wieder Völkermord, nie wieder Faschismus. Beides gehört bei mir zusammen.“ Fischer begründete also sein Votum für eine Kriegsbeteiligung mit dem Argument, einen Völkermord an den Kosovo-Albanern durch die Serben zu verhindern. Das war in der Sache stark übertrieben. Aber wirkte. Die Grünen wurden zur Kriegspartei.

Irgendwie smart

Wie auch immer man zu den politischen Positionen der Grünen steht: Zwischen 1998 und 2002 zeigten die Grünen, dass sie regieren können. Die Totalopposition einer Anti-Anti-Partei lag weit hinter ihnen. Und die Hartz-IV-Reformen, die sie mit der SPD durchwinkten, wurden meist der SPD angelastet; die Grünen wirkten wie unbeteiligt. Noch immer wirkten sie neu und frisch.

Die Wende

Jahre der Opposition folgten. Doch dann geschah Fukushima – die Nuklearkatastrophe in Japan im Jahr 2011. Die alten Umweltängste kamen wieder hoch, und als in Baden-Württemberg Landtagswahlen anstanden, öffnete sich für die Grünen ein historisches Zeitfenster: Der CDU-Ministerpräsident legte eine ignorante Performance hin, die SPD zeigte sich schwach – und Grünen-Spitzenkandidat Winfried Kretschmann, der schon 1980 in den Landtag gezogen war, wurde plötzlich Ministerpräsident. Eine Zeitenwende. Die Grünen waren in der Mitte angekommen. Nun waren sie keine lauten Parolenrufer mehr, sie waren die gemäßigten Hinhörer. Die Andere ernst nahmen und nicht sofort verdammten. Das Vertrauen in die Grünen ist seitdem gewachsen. Warum nicht die mal? Das fragen sich immer mehr Bürger. Und das spült die Grünen gerade nach vorn.