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Was Chinas Zugriese in Europa vorhat – und woran er zu scheitern droht

Schlesiger, Christian
·Lesedauer: 4 Min.

Der chinesische Zugbauer CRRC ZELC hat 2020 das Vossloh-Lokomotiv-Werk übernommen. Ein internes Papier zeigt die Ambitionen in Europa und die Strategie gegen Alstom-Bombardier. Doch Erfolge lassen auf sich warten.

Geahnt hatten es viele, nun wird es konkret. Der chinesische Zugbauer CRRC ZELC will die im vergangenen Jahr erworbene Tochter Vossloh Locomotives in Kiel in einen Zugbauer ausbauen. In einer internen Präsentation heißt es zu der „mittel- bis langfristigen Produktstrategie“: Es würden „schrittweise“ neue Fahrzeuge für den europäischen Markt in das Produktionsprogramm aufgenommen, darunter „Fahrzeuge für den städtischen Nahverkehr, Intercity-Elektrotriebwagen und Fahrzeuge mit erneuerbarer Energie“.

CRRC ZELC, eine Tochter der China Railway Rolling Stock Corporation (CRRC), hat seine Europazentrale in Wien und sieht sich als „Technologieführer chinesischer Elektrolokomotiven“, etwa für den Güter- und Personenverkehr sowie für Rangierarbeiten. Außerdem baut CRRC ZELC eine Reihe von Nahverkehrszügen, die als Konkurrenzmodelle sowohl im S-Bahn- als auch Regionalbahnverkehr zum Einsatz kommen könnten. Selbst Magnetschwebebahnen gehören – zumindest in China – zum Produktangebot.

Darüber hinaus hat CRRC ZELC auch Triebzüge mit einer Geschwindigkeit bis zu 160 km/h im Programm. Das entspricht dem Marktsegment der Intercity-2-Züge von Bombardier für die Deutsche Bahn – und dürfte Zugbauer in Europa aufhorchen lassen. Der Intercity-2 ist ein Zug, den die Deutsche Bahn im Fernverkehr einsetzt, etwa zwischen Leipzig und Norddeich, Hamburg und Berlin oder Stuttgart und Zürich. Dass CRRC ZELC in Kiel auch „Intercity-Elektrotriebwagen“ herstellen will, dürfte ein Indiz dafür sein, dass das Unternehmen auch den Fernverkehr ins Visier nimmt.

Damit bekommen die europäischen Zugbauer Siemens, Alstom und Bombardier starke Konkurrenz in ihren Heimatmärkten. Um sich dafür zu rüsten, kauft Alstom gerade Bombardier. Das Closing soll am 29. Januar abgeschlossen sein. Alstom-Bombardier soll so der neue europäische Branchenprimus mit einem aggregierten Umsatz von rund 16 Milliarden Euro Umsatz werden. Das neue Unternehmen muss in den kommenden Monaten aus Wettbewerbsgründen noch einzelne Werke verkaufen, etwa im französischen Reichshoffen und die Produktion des Nahverkehrszugs Talent 3 in Hennigsdorf bei Berlin. Der tschechische Zugbauer Skoda und die spanische CAF seien interessiert, heißt es aus Branchenkreisen.

Als neuer Wettbewerber bei Ausschreibungen um Zugaufträge in Europa dürfte CRRC ZELC bald Angebote einreichen. Das chinesische Unternehmen löst mit dem Erwerb des Kieler Vossloh-Werks ein wichtiges Knowhow-Thema: die Zulassung der Züge in Europa. „Zertifizierung“ wird in der internen Unterlage explizit als Dienstleistung der zugekauften Vossloh-Sparte genannt. Kurzfristig liege der Schwerpunkt noch „auf dem Vertrieb von Lokomotiven“ – darunter Diesel- und Hybridlokomotiven, die sowohl elektrisch als auch mit Diesel angetrieben werden können, inklusive Wartung und Ersatzteilen.

Der Start in Deutschland ging 2020 aber gründlich daneben. Einen Lok-Auftrag hat die Deutsche Bahn an Siemens vergeben. Die Güterbahn DB Cargo bestellt bei den Münchenern 100 Hybrid-Lokomotiven. Hinzu kommt eine Option über 300 weitere Loks. Der Rahmenvertrag hat ein Volumen von etwas mehr als einer Milliarde Euro. Auch Vossloh hatte sich um den Auftrag bemüht.

Der Fehlstart in Europa lässt Experten daher auch an den Ambitionen der Chinesen zweifeln. Wunsch und Wirklichkeit würden derzeit „drastisch auseinander fallen“, sagt die Bahnexpertin Maria Leenen vom Hamburger Beratungsunternehmen SCI Verkehr. CRRC ZELC konnte bislang „keine nennenswerten Erfolge vermelden“. Dass der Zugbauer die Bahn-Ausschreibung verloren habe, sei „ganz bitter für den Standort Kiel, der zumindest mit einem Teil dieses Großauftrags gerechnet hatte“. Leenen fehle daher der Glaube, dass CRRC ZELC die Ziele in Europa tatsächlich wird realisieren können.

Die Auftragseingänge seien weiterhin mau. „Bislang ist uns bekannt, dass ZELC eine Rangierlok an die ÖBB geliefert und einen Vertrag mit Rail Cargo Ungarn über die Entwicklung und Lieferung von Elektro-Hybrid-Rangierlokomotiven geschlossen hat“, sagt Leenen. Allerdings seien auch hier die Stückzahlen mit gerade mal zwei Fahrzeugen innerhalb der ersten drei Jahre sehr überschaubar.

Dazu kommt eine Option von weiteren 40 Loks. Zudem sehe der Vertrag vor, dass Rail Cargo Ungarn die ersten beiden Fahrzeuge zunächst für vier Jahre mieten werde, bevor sie endgültig entscheiden, ob sie kaufen. „Bei der Performance müssen sich die etablierten Wettbewerber um Alstom-Bombardier, Siemens und Stadler keine Sorgen machen“, sagt Leenen. Da sei die Sorge um die Zukunft des Standorts Kiel sehr viel berechtigter.

Derzeit bauen die Vossloh-Beschäftigten bestehende Aufträge ab. Mitunter arbeiten sie kurz. Die Marke Vossloh Locomotives bleibe „während der dreijährigen Übergangszeit“ bestehen, aber man arbeite „an einer Mehrmarkenstrategie“, heißt es in dem Papier. Bald dürfte dann wohl auch CRRC im Logo stecken.

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