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Chinas sanfter Handelskrieg und die Folgen: Bitcoin-Boom, Währungsspirale ‒ und Zinswende (?)

Ralf Anders, Motley Fool beitragender Investmentanalyst

Der Bitcoin ist erneut weit über die Marke von 10.000 Euro hinausgeschossen. Was steckt dahinter? Viele Anzeichen sprechen dafür, dass China eine Menge damit zu tun hat. Dabei geht es auch um Chinas unspektakuläre, aber hocheffektive Reaktion auf die amerikanischen Aggressionen im Handelskrieg.

Die Bitcoin-Rakete zündet wieder

Seitdem der Bitcoin-Kurs im Dezember 2017 seinen Höhepunkt erreichte, schien es zunächst, als ob es nur noch abwärtsgehen könnte. Nach mehreren kleineren Rallyes sowie einem weiteren Einbruch im November 2018 wurde jedoch im Frühjahr 2019 ein neuer spektakulärer Aufstieg eingeleitet, der durchaus Ähnlichkeit mit der Bewegung von 2017 hat.

Mein primärer Erklärungsansatz, der bisher meist ganz gut funktioniert hat, bestand darin, dass mächtige Gruppierungen rund um Kryptowährungsbörsen und Zockerplattformen versuchen, einerseits den bei aktiven Tradern bisher so beliebten Bitcoin am Leben zu halten und andererseits ebenjene Trader mit überraschenden Kursbewegungen zu überrumpeln.

Dabei kann es auch sein, dass sich die Strippenzieher das wiederaufflammende Interesse an digitalen Währungen durch Facebook (WKN: A1JWVX)’s Libra-Projekt und die allgemeine Verunsicherung rund um die Auswirkungen des Handelskriegs zunutze machen.

Allerdings ist dabei zu bedenken, dass diese Argumente eher die westliche Welt betreffen. Die Verantwortlichen in der Kommunistischen Partei haben ja eine Art Bann für Kryptobörsen ausgesprochen. Der größte Teil der Mining-Aktivitäten findet Berichten zufolge erstaunlicherweise noch immer in China statt.

Chinas zwielichtige Rolle

Nun ist es so, dass die Bank of China (WKN: A0M4WZ) kürzlich eine recht aufwendig gestaltete Infografik zu Bitcoin erstellt hat, mit geschichtlichem Hintergrund, Funktionsweise und vielem mehr. Sogar Warren Buffett wird zitiert. In praktisch sämtlichen Krypto-Blogs lautete der Tenor, dass es dem Anschein nach eine Trendwende gebe hin zu einer freundlicheren Haltung gegenüber Bitcoin.

Einige Blogs vermittelten auch den falschen Eindruck, dass die „Bank of China“ die Zentralbank sei. Dabei handelt es sich um eine der vier großen Geschäftsbanken des Landes. Trotzdem ist festzustellen, dass sie mehrheitlich in Staatsbesitz ist. Wir können daraus schließen, dass die dortigen Politiker weiterhin intensiv mit Bitcoin beschäftigt sind.

Dabei ist zu beobachten, dass sich der staatliche Widerstand im Wesentlichen auf den verlustträchtigen Handel beschränkt. Die Gewinnung von Bitcoins und deren Verwertung wird hingegen durchaus mit Wohlwollen begleitet (der Überwachungsstaat hätte ja sicherlich Werkzeuge in der Hand, um die teilnehmenden Rechenzentren abzuschalten). Chinesische Akteure kommen so an ausländische Devisen, ohne dafür Yuan Renminbi einsetzen zu müssen.

Und auf dem Gebiet der Devisen liegen Chinas schärfste Waffen, um sich gegen die Attacken der USA zur Wehr zu setzen. Viele Beobachter legten am Anfang des Handelskriegs ihren Fokus auf die immens hohen Dollarreserven Chinas. Würden diese auf den Markt geworfen, dann hätte es einen Atombombeneffekt auf den Wert des Dollars und die Zinssätze, so das Kalkül. Allerdings würden damit auch die Reserven selbst im Wert einbrechen, weshalb China sich nicht ins eigene Fleisch schneidet.

Wie China doppelt profitiert

Vielmehr profitiert China davon, wenn die Werte von Bitcoin und Dollar steigen. Die Abwertung des Yuan Renminbi ist deshalb eine viel aussichtsreichere Maßnahme. So werden die Reserven um gewaltige Beträge aufgewertet, während sich die Nachfrage nach Importprodukten auf natürliche Weise reduziert. Zudem können die im Inland gewonnenen Bitcoins lukrativ im Ausland versilbert werden.

Nun ist der Kurs der chinesischen Währung zum Dollar am 5. August auf ein Elfjahrestief gefallen und das US-Regime (t)wittert „Währungsmanipulation“ – nachdem es selbst gerade wochenlang Druck auf die eigene Zentralbank ausgeübt hatte, sie möge doch bitte den Dollar schwächen.


Mit einer schwachen Währung lässt sich eben leichter Wachstum produzieren, das wussten schon die Italiener …

Auch die britische Regierung und die Bank of England (das ist nun wirklich eine Zentralbank) setzen dem Pfundverfall zu Folge auf dieses Mittel.

Anleger sollten diese Entwicklungen im Auge behalten

Was bedeutet es, wenn nun im Zuge von BREXIT und Handelskrieg möglicherweise überall auf der Welt ein Wettlauf um die schwächste Währung entsteht?

Wenn man davon ausgeht, dass die Europäische Zentralbank eines der strengsten Regelwerke hat, was die Geldstabilität angeht, dann würde ich mal schätzen, dass sich die zuletzt leichte Aufwertung des Euros weiter fortsetzen könnte. Vermögen in anderen Währungsräumen würde dann an Wert verlieren und die Exportwirtschaft in Mitleidenschaft gezogen.

Teilweise kompensierend wirken billigere Importe. Hält sich das Spiel noch im Rahmen, dann werden die Auswirkungen daher begrenzt sein. Im anderen Fall ist zudem mit einer Rückkehr der Inflation und Zinserhöhungen zu rechnen. Davon würden zum Beispiel die Banken in besonderem Maße profitieren – allerdings nur, wenn trotz des geopolitischen Chaos die Konjunktur nicht völlig abgewürgt wird.

Auch wenn der Bitcoin bei alldem vielleicht eine kleine Rolle spielt – einen sicheren Zufluchtsort stellt er keinesfalls dar. Vielmehr sollten wir uns noch tiefere Gedanken darüber machen, welche Aktien im aufgezeigten Szenario einen Schub bekommen könnten – und welche bei steigenden Finanzierungskosten mit dem Rücken zur Wand stehen.

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Ralf Anders besitzt keine der erwähnten Aktien und keine Kryptowährungen. The Motley Fool besitzt keine der erwähnten Aktien und Kryptowährungen. Randi Zuckerberg, eine frühere Leiterin der Marktentwicklung und Sprecherin von Facebook sowie Schwester von CEO Mark Zuckerberg, sitzt im Vorstand von The Motley Fool. The Motley Fool besitzt und empfiehlt Aktien von Facebook.

Motley Fool Deutschland 2019