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Chinas Impfstoff ist beliebter als vielleicht vermutet

Petring, Jörn
·Lesedauer: 3 Min.

Die Regierung in Peking hat bislang vor allem Entwicklungsländern auf der Südhalbkugel ihre Impfstoffe angeboten. Doch auch in Europa finden die Chinesen immer mehr dankbare Abnehmer.

Der Streit zwischen Großbritannien und der EU um die Lieferung des Impfstoffes von AstraZeneca scheint in China ziemlich weit weg zu sein. Trotzdem brauchte die parteinahe Zeitung „Global Times“ nicht lange, um das Thema für sich zu entdecken. „Inmitten eines heißen Rennens um die Verteilung von Impfstoffen wären chinesische Impfstoffe eine verlässliche Wahl und ein weiteres Instrument für die EU, um die Öffentlichkeit so schnell wie möglich zu impfen“, analysierte die Zeitung kürzlich.

Genau das dachte sich offenbar auch Ungarns Ministerpräsident Victor Orban. Nachdem er bereits in Moskau zwei Millionen Dosen des russischen Impfstoffs Sputnik V bestellt hatte, ließ er Ende vergangener Woche auch fünf Millionen Dosen des Impfstoffes der chinesischen Firma Sinopharm bestellen.

Ungarns oberste Amtsärztin Cecilia Müller hatte zuvor erklärt, dass Sinopharm in Ungarn eine Notzulassung erhalten habe. Möglich ist das nur, weil Orban eine Verordnung erließ, die es ermöglicht, nicht in der EU zugelassene Impfstoffe gegen das Coronavirus unter bestimmten Bedingungen ohne Prüfung einzusetzen.

Ungarn ist zwar das erste EU-Land, das auf einen chinesischen Impfstoff setzt. Auf dem europäischen Kontinent gibt es aber schon eine ganze Reihe anderer Staaten, die ähnlich vorgehen.

Der EU-Beitrittskandiat Serbien erhält bereits seit Beginn seiner Impfkampagne Impfstoff aus China, wozu die „Global Times“ ebenfalls eine eindeutige Meinung liefert: „Serbiens Bemühungen, seine Beziehungen zu China aufzubauen, zahlen sich mit der Führerschaft bei Impfungen in Europa aus“, schrieb das Blatt. Auch die Ukraine und die Türkei haben sich für Impfstoff aus China entschieden. Mit Belarus laufen darüber Gespräche, wie das chinesische Außenministerium mitteilte.

Beobachter in Peking gehen davon aus, dass die chinesische Regierung auch auf dem für kommende Woche geplanten Online-Gipfel mit 17 mittel- und osteuropäischen Nationen für seine Impfstoffe werben wird. Der sogenannte 17+1-Gipfel, von dem Kritiker sagen, dass er China als Plattform dient, um seinen Einfluss in Europa auszuweiten, war davor zwei Mal in Folge wegen der Coronapandemie abgesagt worden.

Längst wird auch im Herzen der EU über die Zulassung chinesischer und russischer Impfstoffe offen nachgedacht. „Wenn ein Impfstoff sicher und wirksam ist, egal in welchem Land er hergestellt wurde, dann kann er bei der Bewältigung der Pandemie natürlich helfen“, zitierte die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ am Wochenende Gesundheitsminister Jens Spahn. Zuvor hatte sich bereits Bayern Ministerpräsident Markus Söder (CSU) dafür ausgesprochen, dass die europäischen Zulassungsbehörden schnellstens auch den russischen und chinesischen Impfstoff prüfen.

Kritik an der Intransparenz der chinesischen Impfstoffe gibt es dabei längst nicht nur im Westen. Selbst chinesische Forscher beklagen sich darüber. So kommen Untersuchungen in verschiedenen Ländern zu sehr unterschiedlichen Quoten bei der Impfstoffwirksamkeit. Im Unterschied zu den chinesischen Impfstoffen sind die Testreihen zum Beispiel von Biontech längst in international renommierten Fachzeitschriften veröffentlicht.

China selbst geht bei der Impfung der eigenen Bevölkerung pragmatisch vor. Zwar griffen chinesische Staatsmedien zuletzt Fake-News auf, wonach der Impfstoff von Biontech in Europa eine ungewöhnlich große Zahl von Todesfällen unter alten Menschen ausgelöst habe. Doch daran, dass der Impfstoff der Mainzer bald in der Volksrepublik zum Einsatz kommen wird, gibt es keine Zweifel.

Wie so viele waren auch die Chinesen bei ihrer Bestellung schneller als die EU. Bereits im März 2020 hatten Biontech und Fosun Pharma eine Zusammenarbeit vereinbart. Fosun kümmert sich um die Zulassung und die Vermarktung der Impfstoffe in China. Die Gewinne daraus wollen sich beide Unternehmen teilen.

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