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China, Russland, Katar: So viel Wohlstand würde es Deutschland kosten, keine Geschäfte mehr mit Autokratien zu machen

Wirtschaftsminister Robert Habeck besucht Katars Energieminister Saad Sharida al-Kaabi  - Copyright: Bernd von Jutrczenka/picture alliance via Getty Images
Wirtschaftsminister Robert Habeck besucht Katars Energieminister Saad Sharida al-Kaabi - Copyright: Bernd von Jutrczenka/picture alliance via Getty Images

Kein anderes großes Industrieland ist so stark in die Weltwirtschaft eingebunden wie Deutschland. Gut 30 Prozent der gesamten deutschen Wertschöpfung stammen aus dem Export. In der Industrie sind es sogar 60 Prozent. Viele dieser Geschäfte sind wiederum nur möglich durch den Import von Energie, Rohstoffen oder Vorprodukten.

Über Jahrzehnte war diese hoch optimierte Einbettung in die weltweiten Liefer- und Produktionsnetzwerke einer der Erfolgsgaranten der Exportnation Deutschland.

Dann machte zunächst die Corona-Krise mit der Störung der Lieferketten und schließlich Russlands Überfall auf die Ukraine die Risiken des Geschäftsmodells deutlich: Wirtschaft und Wohlstand in Deutschland sind nicht nur in hohem Maße vom reibungslosen Funktionieren der weltweiten Netzwerke abhängig, sondern auch von Geschäften mit nicht-demokratischen Ländern.

12 Prozent aller Exporte gehen in Autokratien

Zwölf Prozent aller Exporte deutscher Firmen gehen in Autokratien wie China, Russland oder arabische Länder. Sogar 15 Prozent aller Importe stammen aus nicht demokratisch regierten Ländern.

„Es wird deutlich, dass die Handelsbeziehungen mit Autokratien für Deutschland sowohl auf der Import- als auch auf der Exportseite eine größere Rolle spielen als es für die EU-27 insgesamt der Fall ist“, schreibt das ifo Institut für Wirtschaftsforschung in einer neuen Studie.

Schon der Titel macht deutlich, dass es dabei um Grundsätzliches geht: „Geopolitische Herausforderungen und ihre Folgen für das deutsche Wirtschaftsmodell“. Denn wenn die deutsche Wirtschaft besonders verwoben ist, wären auch die Folgen einer Entflechtung besonders gravierend.

Die Münchener Ökonomen um ifo-Präsident Clemens Fuest haben sich der Mammutaufgabe gestellt, diese Folgen zu berechnen. Sie untersuchten zum Beispiel, was es bedeuten würde, Produktion aus China nach Deutschland, Europa oder den Mittelmeerraum zurückzuholen. Sie untersuchten die Folgen von Handelsbeschränkungen, sei es durch Deutschland allein oder die gesamte EU.

Das Ergebnis kann in der Richtung nicht überraschen: Die Entkopplung der deutschen Wirtschaft von Staaten wie China, Russland oder Katar wäre teuer. „Jede Form der De-Globalisierung kostet Wohlstand", schreiben die ifo-Ökonomen. Dies gilt nicht nur für Deutschland, sondern in den meisten Szenarien für alle beteiligten oder betroffenen Länder und Regionen.

Aber wie stark wären die Effekte bei den verschiedenen Szenarien und welche Branchen wären besonders betroffen?

„Jede De-Globalisierung kostet Wohlstand“

Am stärksten wären die Effekte auf den Wohlstand in Deutschland durch eine Rückverlagerung von Aktivitäten etwa aus China nach Deutschland (Reshoring) oder zusätzlich auch in die EU, die Türkei und Nordafrika (Nearshoring). Im Falle der Renationalisierung würde Deutschland nach Rechnung des ifo Instituts rund zehn Prozent seiner Wirtschaftskraft verlieren. Beim Nearshoring immer noch gut 4,2 Prozent. In beiden Fällen gäbe es in keiner betroffenen Region Gewinner.

„Folglich spricht aus ökonomischer Sicht sehr vieles gegen eine breit angelegte Rückverlagerung von Produktionsprozessen ins Inland bzw. in benachbarte Länder“, schreibt ifo.

In einem zweiten Szenario untersuchen die Forscher eine "Entkopplung der EU von China" - vor allem durch den Aufbau von Handelshemmnissen wie Zöllen oder Regulierung. Im Falle einer einseitigen Entkopplung durch die EU würde das deutsche Bruttoinlandsprodukt um 0,52 Prozent fallen. Sollte China darauf mit Gegenmaßnahmen reagieren, würden die Einbußen 0,8 Prozent ausmachen.

Das ifo verweist darauf, dass die Zahl nicht groß erscheinen mag. Die Einbußen seien aber mindestens viermal so stark wie der negative Effekt durch den Austritt Großbritanniens aus der EU (Brexit).

Neben anderen Szenarien simulierten die Forscher auch eine Entkopplung Deutschlands und der EU von allen autokratischen Staaten. Bei der Frage, welche Staaten als autokratisch gelten, folgt ifo der Definition des britischen "The Economist". Als Instrument der Entkopplung werden wieder vor allem hohe Zölle unterstellt.

Ergebnis: „Bei einer einseitigen Entkopplung Deutschlands von allen Autokratien würde das reale BIP Deutschlands geschätzt um 0,96 Prozent zurückgehen.“ Sollte die gesamte EU sich entscheiden, weitestgehend auf den Handel mit autokratischen Ländern zu verzichten, würde Deutschland noch etwas stärker, nämlich rund 1,2 Prozent des BIP verlieren.

Betrachtet man die Effekte nach Branchen, so besonders die deutsche Industrie und allen voran die wichtigste Branche, die Autoindustrie verlieren. „Lediglich wenige Wirtschaftsbereiche wie zum Beispiel die Textil- und Kleidungsindustrien könnten positive Wertschöpfungseffekte durch eine Entkopplung von China und weiteren Autokratien erwirtschaften, da einerseits wieder mehr Wertschöpfung zu Hause stattfindet, während andererseits der Export in Autokratien für diese Industrie weniger relevant ist.“

Das deutsche Erfolgsmodell wankt

In ihrer Schlussfolgerung schreiben die Ökonomen: „Neue geopolitische Herausforderungen haben das Erfolgsmodell der deutschen Wirtschaft mit seiner starken Außenhandelsorientierung ins Wanken gebracht“. Sie warnen aber, dass eine „De-Globalisierung“ in jeder Form erhebliche Wohlstandsverluste für Deutschland und viele andere beteiligte Länder bedeuten würde. Dies könne „nicht nur zu erhöhter Arbeitslosigkeit und geringerem Wohlstand führen, sondern letztlich auch die politische Stabilität des Landes gefährden¡, schreiben die Ökonomen.

Sie empfehlen daher eine andere Strategie: „Aus diesem Grund sollte nicht die Nationalisierung von Lieferketten, sondern die Schaffung von geeigneten Rahmenbedingungen für deren Diversifizierung das Ziel der deutschen und europäischen Wirtschaftspolitik sein.“

Die vollständige Studie und Hinweise zur Methodik findet ihr hier

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