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Wo sich in China gerade Finanzmarktrisiken aufbauen

·Lesedauer: 6 Min.

Durch die Coronakrise sind auch die Gefahren für das Finanzsystem der Volksrepublik gestiegen. Experten schlagen Alarm. Die Regierung will gegenhalten.

Der chinesische Finanzmarkt könnte vor einer harten Belastungsprobe stehen. Foto: dpa
Der chinesische Finanzmarkt könnte vor einer harten Belastungsprobe stehen. Foto: dpa

In China passieren gerade Dinge, die lange Zeit für nahezu unmöglich gehalten wurden: Kurz hintereinander mussten mehrere große Staatsunternehmen einräumen, dass sie ihre Schulden nicht pünktlich zurückzahlen können.

Die Ausfälle bei den Anleihen ließen die Finanzmärkte aufschrecken, denn es sind durchaus prominente Namen dabei: Im Oktober war es Huachen, der Mutterkonzern von BMWs chinesischem Joint-Venture-Partner Brilliance, der einen Bond in Höhe von einer Milliarde Yuan (rund 120 Millionen Euro) nicht zurückzahlen konnte.

Im November erging es dem staatseigenen Bergbauunternehmen Yongcheng Coal and Electricity Holding Group ähnlich. In einem dritten Fall konnte die Tsinghua Unigroup, ein Chiphersteller, der von Pekings renommierter Tsinghua-Universität unterstützt wird, gleich zwei Anleihen nicht pünktlich zurückzahlen.

Das sind längst keine Einzelfälle mehr: In den ersten zehn Monaten des Jahres kam es nach Berechnungen der Ratingagentur Fitch zu einem Rekordausfall bei Bonds von staatseigenen Unternehmen in Höhe von 40 Milliarden Yuan (rund fünf Milliarden Euro).

Experten glauben, dass es in den nächsten Monaten noch mehr Erschütterungen geben wird. „Wir werden ein steigendes Refinanzierungs- und Repricing-Risiko für schwächere staatlich gelenkte Firmen sehen, was zu einer steigenden Ausfallrate führen wird“, sagt Andrew Chan, Analyst bei Bloomberg Intelligence. „Bail-outs sind unserer Ansicht nach unwahrscheinlich, da China darauf abzielt, zombieartige staatsnahe Firmen zu restrukturieren, zu konsolidieren und zu eliminieren, sofern dies nicht zu systemischen Risiken führt.“

Der chinesische Finanzmarkt könnte trotzdem vor einer harten Belastungsprobe stehen. Denn zu den Problemen im Anleihemarkt gesellen sich gerade weitere hinzu: Der in der Coronakrise weiter gestiegene, enorm hohe Schuldenstand der Lokalregierungen und der privaten Verbraucher, der unregulierte Schattenbankenmarkt und vor allem der sich immer weiter aufblähende Immobilienmarkt machen auch den chinesischen Aufsehern Sorgen.

Unter dem Einfluss der Pandemie hätten sich alte und neue Probleme miteinander vermischt, warnte Guo Shuqing, Vorstand der China Banking and Insurance Regulatory Commission (CBIRC), Anfang Dezember in einem Grundsatzaufsatz.

Der Bondmarkt Ein schwer kalkulierbares Risiko

Die meisten Forderungen gegenüber staatseigenen Unternehmen werden im Inland gehalten. Ausländische Investoren halten nur zu einem sehr geringen Anteil chinesische Unternehmensanleihen. Damit erscheinen die Konsequenzen für die internationalen Märkte zunächst überschaubar, wie die Analysten von S & P Global Ratings feststellen: „Trotz unserer Erwartung höherer Ausfallraten dürfte die immer noch niedrige Gesamtausfallrate nicht zu einem systemischen Risiko führen“, heißt es in einer Analyse von Anfang Dezember.

Andere Analysten warnen jedoch, dass es sehr schwierig ist, das Risiko überhaupt zuverlässig abzuschätzen. Die Behörden könnten nicht wissen, wie viel Kreditrisiko eine breitere Ansteckung verursachen könne, schreibt Logan Wright, Direktor bei der Rhodium Group. Es gebe eben keinen Präzedenzfall in China.

Sorgen macht Logan auch die Nachricht, die von den Anleiheausfällen der Staatsunternehmen ausgeht. Denn bislang waren staatliche Stellen immer eingeschritten, wenn es eng wurde. „Die Glaubwürdigkeit der Staatsgarantien war bisher das wichtigste Bollwerk gegen die Krise“, erklärt der Experte. „Jetzt sehen wir Anzeichen, dass diese Glaubwürdigkeit erodiert.“

Hohe Verschuldung bis hin zur Kreditkarte

Doch die mangelnde Zahlungsfähigkeit der Staatskonzerne ist nur ein Teil des Problems. Bereits Anfang des Jahres hatten Ökonomen davor gewarnt, dass die Schulden insbesondere der Lokalregierungen aufgrund der Krise stark ansteigen würden.

Nun ist genau das eingetreten. „Sowohl die Zentralregierung als auch die lokalen Regierungen haben ihre ausstehenden Schulden ausgeweitet“, heißt es in einer Analyse der französischen Investmentbank Natixis.

Inzwischen liegt die Schuldenquote von Chinas Haushalten, Unternehmen und Staatsverbindlichkeiten zusammen, gemessen am Anteil des Bruttoinlandprodukts (BIP), bei 272 Prozent. „Wir gehen davon aus, dass die Verschuldung Chinas in Relation zum BIP weiter ansteigen wird, was bedeutet, dass China in eine weitere Liga aufsteigen wird, nämlich die der hochverschuldeten Länder“, schreiben die Natixis-Analysten.

Auch Aufseher Guo von der staatlichen Regulierungsbehörde CBIRC schaut sehr genau auf die Zahlen – und die Folgen für die Kreditgeber: Der Druck durch notleidende Kredite im Bankensektor sei wieder angestiegen, schrieb er in seinem Grundsatzaufsatz. Nach der offiziellen Statistik ist die Quote der ausfallgefährdeten Darlehen im dritten Quartal auf 1,96 Prozent geklettert – den höchsten Stand seit mindestens sechs Jahren.

Laut einer Analyse der Rhodium Gruppe wuchsen private Konsumentenkredite in den vergangenen Jahren zudem sehr schnell. Die Kreditkartenverschuldung in China übersteige inzwischen in absoluten Zahlen das US-Niveau, heißt es darin. In nur fünf Jahren sei die Verschuldung der privaten Haushalte auf 128 Prozent des Haushaltseinkommens und 56 Prozent des chinesischen BIP angestiegen.

Verdoppelung der Immobilienpreise

Guo sprach auch die Gefahr einer Immobilienblase in China an. Selbst während der Coronakrise in diesem Jahr stiegen die Preise auf dem Markt weiter an: Laut chinesischen Medienberichten haben sich die Preise für Wohnungen und Häuser in den reicheren Metropolen der Volksrepublik teilweise sogar verdoppelt.

Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping hatte in der Vergangenheit wiederholt gemahnt, dass Häuser dazu da seien, um darin zu wohnen, und nicht, um damit zu spekulieren. Maßnahmen auf lokaler Ebene, die steigenden Preise zu begrenzen, fruchteten bislang jedoch nicht.

Nicht nur der Markt mit Wohnungen, auch Chinas gewerblicher Immobilienmarkt ist in den vergangenen Jahren enorm gewachsen. „Seit dem letzten Jahrhundert standen von mehr als 130 Finanzkrisen in der Welt mehr als 100 im Zusammenhang mit Immobilien“, warnte Guo.

Vor der Subprime-Hypothekenkrise 2008 überstiegen die US-Immobilienhypothekenkredite in jenem Jahr 32 Prozent des BIP. Derzeit machten die immobilienbezogenen Kredite in China 39 Prozent der Bankkredite aus.

„Man kann sagen, dass Immobilien das größte ,graue Nashorn‘ in Bezug auf finanzielle Risiken in unserem Land in diesem Stadium sind“, warnt Guo in seinem Aufsatz. Die Bezeichnung „graues Nashorn“ beschreibt Gefahren, die in der Breite vernachlässigt werden, deren Eintreten aber sehr wahrscheinlich ist und die sehr große Auswirkungen haben, wenn sie tatsächlich eintreffen. Die Begrifflichkeit wurde von der Politikanalystin Michele Wucker geprägt.

Kampf gegen die Schattenbanken

Weil der staatlich dominierte Bankensektor Kredite vor allem an staatseigene Unternehmen vergibt, haben insbesondere kleinere Privatunternehmen und -haushalte Schwierigkeiten, sich Geld zu leihen. Das Problem hat sich in der Krise noch verschärft. Sie wenden sich deshalb häufig an Institutionen außerhalb des formellen Bankensektors. In den vergangenen Jahren hatte sich so ein riesiger, kaum regulierter Markt für Kreditvergaben entwickelt.

Seit 2017 versuchen Chinas Finanzaufsichtsbehörden, diesen Schattenbankensektor einzudämmen. Laut einem aktuellen Report der Aufsichtsbehörde CBIRC schrumpfte der Bereich von einem Höchststand von 100,4 Billionen Yuan (rund 12,5 Billionen Euro) Anfang 2017 auf 84,8 Billionen Yuan (rund 10,6 Billionen Euro) bis Ende 2019.

Doch gleichzeitig wuchsen auch die Fintech-Anbieter, die privaten Haushalten und Unternehmen abseits des klassischen und regulierten Bankensektors immer mehr Geld leihen. Anfang November holte Chinas Regierung zu einem folgenschweren Schlag gegen die Fintechbranche aus.

Schärfere Regulierungen trafen auch Jack Mas Finanzdienstleistungsunternehmen Ant Financial. Wegen der neuen Regeln musste der milliardenschwere Börsengang des Unternehmens zwei Tage vor dem Starttermin an der Schanghaier und Hongkonger Börse abgesagt werden.