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China entkoppelt sich zunehmend von der Weltwirtschaft – das sind die Folgen für europäische Firmen

Heide, Dana Hoppe, Till Scheuer, Stephan
·Lesedauer: 9 Min.

Die Volksrepublik, aber auch die USA und Europa streben nach Autonomie. Die Entflechtung macht sich bei Unternehmen bereits bemerkbar – und sie fürchten noch Schlimmeres.

Xi Jinping (Mitte) will das Land unabhängiger von der Weltkonjunktur machen. Foto: dpa
Xi Jinping (Mitte) will das Land unabhängiger von der Weltkonjunktur machen. Foto: dpa

Meist einmal im Jahr hält Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping in der zentralen Hochschule der Kommunistischen Partei vor hochrangigen Ministeriums- und Provinzführern eine Rede, die den Kurs für das Jahr vorgibt. Doch dieses Mal hatte sie eine besondere Bedeutung. Denn gerade wird der Fünfjahresplan finalisiert, der ab März bis zum Jahr 2025 die Weichen für die Wirtschaft in der Volksrepublik stellen soll.

Vertreter ausländischer Unternehmen dürfte nicht gefallen haben, was Xi Anfang der Woche hinter verschlossener Tür sagte. „Das wesentlichste Merkmal des Aufbaus eines neuen Entwicklungsmusters ist es“, so Xi, „ein hohes Maß an Autarkie und Selbstverbesserung zu erreichen“.

Xi will, dass China wirtschaftlich unabhängiger vom Ausland wird. In den vergangenen Monaten ging es in vielen hochrangigen Gesprächen in Peking um die „Dual-Circulation-Strategie“, die Eingang in den Fünf-Jahres-Plan finden soll. Im Fokus der Strategie stehen die Stärkung des Binnenkonsums, der heimischen Wirtschaft sowie mehr Unabhängigkeit vom Ausland.

Zwar verfolgt China unter Xi schon seit Jahren eine Politik der Entflechtung. Doch der Streit mit den USA, aber auch die Pandemie, haben der Führung noch deutlicher vor Augen geführt, welche Risiken eine vom Ausland sehr abhängige Wirtschaft haben kann.

Die Weltwirtschaft entkoppelt sich – mit großen Konsequenzen für europäische Unternehmen. Laut einer Studie der Europäischen Handelskammer in China und dem Berliner China-Think-Tank Merics, die am Donnerstag in Peking vorgestellt wurde, sagen 96 Prozent der europäischen Firmen in China, dass sie von der Entflechtung, also dem Decoupling, betroffen sind.

Mehr als die Hälfte der befragten Firmen spürt bereits konkrete negative Effekte auf ihre Geschäfte, 72 Prozent gaben an, dass sie mit weiteren Auswirkungen rechnen. „Das ist ein Weckruf“ sagt Jörg Wuttke, Präsident der EU-Handelskammer in Peking. „Wir sehen einen Sturm aufziehen.“ Der Wirtschaftsvertreter appellierte an die EU-Mitgliedsstaaten und Brüssel, europäische Unternehmen vor dem „Schaden, der durch Washington und Peking verursacht wird“, zu schützen.

Keine Umkehr vom Decoupling

Der Streit zwischen den beiden größten Volkswirtschaften der Welt spitzt sich seit Monaten immer weiter zu: Erst wurden etliche Strafzölle verhängt, dann überzogen sich die USA und China gegenseitig mit Sanktionen. Die US-Regierung setzte große chinesische Tech-Firmen auf eine schwarze Liste. Die Volksrepublik konterte mit einer eigenen Liste, auf der aber bislang noch keine Namen stehen.

Nach Einschätzung von Merics und der Europäischen Handelskammer wird auch der Wechsel in der amerikanischen Führung den Trend zur Entkoppelung nicht umkehren. „Eine Biden-Administration wird wahrscheinlich weniger bissig sein und weniger Unruhen innerhalb der globalen Wirtschaftsordnung hervorrufen“, heißt es in der Studie. Aber der massive Wandel in der öffentlichen Meinung gegenüber China sowie der wachsende parteiübergreifende Konsens in Washington, China als strategischen Konkurrenten auf einem abweichenden Kurs zu betrachten, bedeute, dass es wahrscheinlich nicht zu einer „erneuerten Globalisierung“ kommen werde.

Vor diesem Hintergrund scheint es China umso wichtiger zu sein, die eigenen Firmen zu stärken. China-Ökonominnen wie Alicia Garcia-Herrero von der französischen Investmentbank Natixis warnen davor, dass Produkte von ausländischen Unternehmen in China gezielt mit einheimischen substituiert werden könnten.

Auch der Deutschen Auslandshandelskammer in Peking bereitet die Entwicklung Sorgen. Die deutschen Unternehmen in China zeigen sich bislang zwar selbstbewusst. „Aus einer aktuellen Umfrage unter unseren Mitgliedern wissen wir, dass nur für rund 15 Prozent eine Substituierung von Produkten oder Dienstleistungen mit chinesischen Äquivalenten überhaupt und ohne Abstriche möglich wären“, sagte Andreas Feege, Mitglied im Vorstand der Deutschen Handelskammer in Nordchina und Leiter der German Practice bei KPMG China, dem Handelsblatt.

Deutsche Unternehmen in China seien zum großen Teil davon überzeugt, dass ihre Produkte bei gleicher Qualität und gleichem technischen Niveau noch nicht mit chinesischen Erzeugnissen absehbar substituierbar seien.

Bundesregierung in Sorge

Die Unternehmen ziehen bereits erste Konsequenzen aus der drohenden Entkopplung Chinas: So berichtet der Autobauer BMW auf Handelsblatt-Nachfrage, dass er „ständig“ prüfe, ob und wie gesetzliche Änderungen in den Bereichen Technologie und Exportkontrolle das Unternehmen betreffen und wie er am besten darauf reagieren kann. Bislang sei BMW China von solchen Änderungen noch nicht betroffen, heißt es in der Stellungnahme.

„Decoupling-Maßnahmen sowohl seitens der USA wie auch Chinas bergen Risiken für globale Lieferketten“, heißt es in einer Stellungnahme von Volkswagen China. Das Management industrieller und geschäftlicher Prozesse werde für international tätige Unternehmen dadurch noch komplexer. „Ein besonderes Risiko sehen wir zudem im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie, die insbesondere für Anwendungen wie das vernetzte Fahren von Bedeutung ist“, so VW China weiter.

Auch die Bundesregierung beobachtet die Entkoppelungsbemühungen mit wachsender Besorgnis. Es müsse „sichergestellt sein, dass es nicht zu Diskriminierung deutscher und europäischer Unternehmen in China kommt“, sagte ein Sprecher von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU).

Das Investitionsabkommen, auf das sich die EU und China kürzlich im Grundsatz verständigt haben, sei hierbei „ein wichtiger Schritt“: Es sorge für mehr Rechtssicherheit für europäische Unternehmen in China, verbessere deren Marktzugang und sorge für fairere Wettbewerbsbedingungen.

Die Europäische Handelskammer warnt jedoch davor, dass das Investitionsabkommen zwischen der EU und China nicht ausreicht, um die Auswirkungen des Decoupling zu adressieren. „Das ist ein Heftpflaster und man kann keine Amputation mit einem Heftpflaster behandeln“, sagte EU-Kammer-Präsident Wuttke. „Viele der Themen sind einfach nicht durch den Vertrag abgedeckt“, so Merics-Chef Mikko Huotari.

Wirtschaftsminister Altmaier und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sorgen sich schon länger, dass die exportabhängige deutsche Wirtschaft durch die handels- und technologiepolitischen Konflikte in Mitleidenschaft gezogen wird. Sie bemühen sich daher, auf Washington und Peking mäßigend einzuwirken, ohne sich dabei auf eine der beiden Seiten zu schlagen. Wie Frankreichs Präsident Emmanuel Macron plädieren sie dafür, als Europäische Union einen eigenständigen Kurs zu verfolgen.

Paris will Abhängigkeiten verringern – doch Berlin bremst

Mit dem Investitionsabkommen habe die EU ein „klares Signal“ gesendet, dass sie strategische Autonomie anstrebe, meint Noah Barkin, Experte beim German Marshall Fund in Berlin. Der Deal zwischen Brüssel und Peking kurz vor Amtsantritt des neuen US-Präsidenten Biden hatte in Washington viel Kritik ausgelöst. Stattdessen hätten die transatlantischen Verbündeten ihr Vorgehen gegenüber China abstimmen sollen, so der Tenor.

Im Bundeswirtschaftsministerium heißt es auch, man wolle „vertrauensvoll und intensiv“ mit der künftigen US-Administration zusammenarbeiten. So bemühen sich Europäer und Amerikaner gemeinsam mit Japan, im Rahmen der Welthandelsorganisation (WTO) strengere Regeln für Staatshilfen und erzwungenen Technologietransfer zu erwirken – das zielt vor allem auf China.

Allerdings will sich Berlin nicht allzu sehr auf die Biden-Regierung verlassen. Schließlich dürfte diese stark damit beschäftigt sein, die innenpolitischen Gräben zwischen Demokraten und Republikanern zu überbrücken.

Um die eigenen Handlungsspielräume zu vergrößern, wollen sich Berlin und Brüssel zudem neue Werkzeuge an die Hand geben. So will die Bundesregierung in mehr Sektoren als bisher einschreiten können, wenn Investoren etwa aus China sich an heimischen Unternehmen beteiligen wollen. Die entsprechende Änderung der Außenwirtschaftsverordnung soll in Kürze vorgestellt werden. Die EU-Kommission arbeitet überdies an neuen Instrumenten, um im Binnenmarkt besser gegen staatlich subventionierte Unternehmen aus Drittstaaten vorgehen zu können.

In Europa gibt es zudem Bestrebungen, die eigene Abhängigkeit von nicht-europäischen Standorten zu verringern. Die Corona-Pandemie habe gezeigt, dass Autonomie geboten sei, sagte Frankreichs Wirtschafts- und Finanzminister Bruno Le Maire kürzlich im Handelsblatt-Interview: Die Aufgabe sei nun, „einen Teil der Wertschöpfungsketten zurückzuverlagern“.

Die Bundesregierung bremst hier allerdings den französischen Eifer: Sie will lediglich bei kritischen Medizinprodukten etwa nach Indien und China verlagerte Produktionsstätten zurückholen und die Standortentscheidungen ansonsten den Unternehmen überlassen.
Auch das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) warnt vor politischen Überreaktionen auf die Lieferschwierigkeiten, die während des ersten Lockdowns im vergangenen Frühjahr aufgetreten waren. Die mit internationalen Wertschöpfungsketten verbundenen Risiken stünden „derzeit zu sehr im Vordergrund der öffentlichen Debatte“, heißt es in einer neuen Studie im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. Der Umgang mit diesen Risiken müsse eine unternehmerische Entscheidung bleiben.

China sichert sich ab

Die IW-Autorin Galina Kolev warnt, gerade Deutschland habe bei einer neuen Welle des Protektionismus „viel zu verlieren“. In der hypothetischen Situation eines von den USA losgetretenen Handelskonflikts mit Zöllen von 25 Prozent auf Waren aus der EU, China und weiteren wichtigen Handelspartnern würde die deutsche Wirtschaftsleistung laut den Berechnungen mittelfristig um mehr als 100 Milliarden Euro jährlich reduziert. Das entspreche einem Rückgang des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) um mehr als drei Prozent.

Telekomunternehmen und Netzausrüster werden zunehmend aus dem chinesischen Markt gedrängt

Ein Bereich, in dem sich die europäischen Unternehmen in China besonders Sorgen über ein zunehmendes Entkoppeln der Weltregionen machen, ist die Technologie. Dies betrifft insbesondere den Transfer von Daten und technische Standards. „Die EU und China werden sich wahrscheinlich gegenseitig an der Datenfront entkoppeln“, heißt es in der Studie von Merics und der Europäischen Handelskammer. Die Datenschutzbestimmungen in China und der EU schränken den Datentransfer über die Grenzen dieser Länder bereits stark ein, was zu erheblichen Compliance-Risiken für Unternehmen führe.

Auch der grenzüberschreitende Einsatz von Software hat das Potenzial, zu einem großen Problem zu werden. „Europäische Unternehmen aus so unterschiedlichen Branchen wie der Automobilindustrie, dem Maschinenbau und der Chemieindustrie gaben an, dass sie erwarten, dass sie Firewalls zwischen ihren Betrieben und Lieferketten in den USA und China einrichten müssen“, heißt es in der Studie.

Besonders Telekomunternehmen und Netzausrüster werden jetzt schon zunehmend aus dem chinesischen Markt gedrängt. Der EU-Botschafter in China, Nicolas Chapuis, prangerte laut einem Bericht des Portals Technode im Dezember an, dass die europäischen Netzausrüster massiv benachteiligt würden. 80 Prozent der Aufträge für 5G-Basisstationen seien an die chinesischen Ausrüster Huawei und ZTE gegangen. Der Marktanteil von Nokia und Ericsson in China sei sukzessive gefallen und belaufe sich derzeit nur noch auf elf Prozent, rechnete der Botschafter vor.

China ist der mit Abstand wichtigste Markt für Telekommunikation auf der Welt. In der Volksrepublik gibt es fast so viele Mobilfunkstationen wie im Rest der Welt zusammen. Entsprechend wichtig ist das Geschäft für Nokia und Ericsson.

Beim Ausbau des Echtzeitmobilfunks 5G haben die drei Staatsunternehmen China Mobile, China Telekom und China Unicom aber Nokia bei der Vergabe von Aufträgen für 5G-Basisstationen leer ausgehen lassen. Ericsson erhielt zwar Aufträge, aber in einem deutlich geringeren Niveau als die chinesischen Wettbewerber.

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Auch der Machtwechsel in den USA wird die bilateralen Beziehungen kaum verbessern, sind Experten überzeugt. Foto: dpa
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