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Chefposten unbesetzt: Was hinter dem Machtvakuum bei Unicredit steckt

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Noch immer fehlt der Bank ein Nachfolger für den scheidenden Vorstandschef Jean Pierre Mustier. Das hat gewichtige Gründe – und Folgen für die künftige Strategie.

Seit mehr als drei Wochen ist Italiens zweitgrößte Bank wie gelähmt. Noch ist Jean Pierre Mustier zwar Vorstandschef von Unicredit. Doch nach seiner überraschenden Ankündigung, sein Mandat über den April hinaus nicht verlängern zu wollen, kann er kaum noch Veränderungen anstoßen.

Die Suche nach einem Nachfolger für den Franzosen läuft auf Hochtouren, die Headhunter der Agentur Spencer Stuart sondieren den Markt. Zwar kursieren schon Dutzende Namen in Mailand, einen Favoriten gibt es aber noch nicht.

Der Grund für die langwierige Suche könnte der gleiche sein wie der für Mustiers Abschied: Der 59-Jährige und der Verwaltungsrat waren sich nicht mehr einig über die künftige Strategie der Bank. Mustier hatte sich immer wieder entschieden gegen weitere Zukäufe gewehrt. Vor allem gegen einen ganz speziellen, der zum Politikum geworden ist: der Kauf der verstaatlichten Krisenbank Monte dei Paschi di Siena (MPS). Italiens Regierung macht Unicredit offenbar Druck, ihr den Klotz am Bein abzukaufen.

Um die Bank vor der Pleite zu retten, stieg der Staat ein, er hält heute rund 68 Prozent an der MPS. Bedingung der EU für Italiens acht Milliarden Euro schweres Rettungspaket im Jahr 2017: Das Institut muss 2021 zurück in die Privatwirtschaft.

Noch ist die Politik uneins über den Verkauf. Eugenio Giani, Präsident der Toskana, in der die MPS ihren Sitz hat, will unbedingt die Unabhängigkeit des Instituts. Manche Parlamentarier der in Rom mitregierenden Bewegung Fünf Sterne würden das Institut lieber komplett verstaatlichen oder zusammen mit der Banca Popolare di Bari und der Banca Carige aus Genua einen neuen nationalen Großakteur schmieden.

Rückkehr zur klassischen Bank?

Die Debatte um die MPS ist aber nur eine Herausforderung bei der Wahl des neuen Unicredit-Chefs. Es geht auch um die langfristige Ausrichtung. Viele Aktionäre und Berater wollen aus Unicredit wieder eine klassische Bank mit nationaler Priorität formen. Mehr Präsenz in Italien, weniger Fokus aufs Ausland. Mehr Filialgeschäft, weniger Investmentbanking.

Wobei die Sparte keineswegs abgeschafft werden soll: Unicredit ist erfolgreich im Markt, im Investmentbanking und Corporate-Bereich einer der großen Player in Europa. Auch die deutsche Tochter Hypo-Vereinsbank, seit 15 Jahren Teil des Unicredit-Reichs, ist in Mailand gut gelitten – sorgt sie doch seit Jahren für gute Zahlen.

Um die Bank nachhaltig zu konsolidieren und sich günstiger zu refinanzieren, soll Mustier die Idee einer Holding in Deutschland gehabt haben, wird in der Finanzszene kolportiert. Der Plan scheiterte aber im Verwaltungsrat – zehn der 14 Mitglieder sind Italiener. Es ging wohl die Angst um, den italienischen Kern der Bank zu verlieren.

Zuletzt kam Bewegung auf den lange Zeit starren italienischen Bankenmarkt. Unicredits größter nationaler Konkurrent, Intesa Sanpaolo, übernahm Ende Juli den kleineren Konkurrenten UBI Banca – und will sich zunehmend aufs Italiengeschäft konzentrieren. US-Analysten von JP Morgan und Jefferies gehen davon aus, dass Mustiers Abgang auch bei Unicredit den Weg für Fusionen frei macht.

Vier Jahre amtierte Mustier in Mailand. Sein größtes Verdienst: Er baute faule Kredite in Milliardenhöhe ab. Allerdings gingen unter seiner Ägide auch 20.000 Jobs verloren. Ganze Sparten veräußerte er, zog sich aus Joint Ventures im Ausland zurück. Statt weiter zuzukaufen, wollte er die Aktionäre mit Dividenden überschütten.

Corona und das Dividendenverbot der Europäischen Zentralbank haben diese Pläne zunichtegemacht. Mustier hatte die Bank, die auf eine Marktkapitalisierung von 18 Milliarden Euro kommt, stramm auf Wachstum getrimmt. Bis 2023 sollte der Nettogewinn auf fünf Milliarden Euro steigen. Auch im Corona-Jahr 2020 peilt Unicredit noch einen Gewinn von einer Milliarde an.

Interessante Kandidaten auf der Liste

Die Aktie hat seit Bekanntwerden von Mustiers Abschied stetig an Wert verloren. Lag der Kurs am 27. November noch bei mehr als neun Euro, notierte das Papier zuletzt bei 7,46 Euro. Bei vielen Aktionären geht die Angst um, dass der neue Vorstandschef nun einer von politischen Gnaden sein könnte.

Die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs senkte das Kursziel für Unicredit kürzlich von 12,70 auf 10,70 Euro. Die Papiere wurden von der aktuellen Empfehlungsliste genommen, die Bewertung liegt jedoch weiter bei „kaufen“. Da Mustier seinen Abgang auch mit Meinungsverschiedenheiten in Strategiefragen begründete, könne dies eine bedeutende Veränderung signalisieren, schrieb Analyst Jean-François Neuez in einer Studie.

Auf der Kandidatenliste stehen interessante Personen: Verwaltungsratsmitglied Diego De Giorgi gilt als aussichtsreichster interner Kandidat. Von außen werden Alberto Nagel, Chef von Mediobanca, oder Nexi-Finanzvorstand Bernardo Mingrone gehandelt.

Für die MPS-Übernahme würde sich Marco Morelli empfehlen – Ex-Chef der Bank aus Siena. Die finale Entscheidung über Mustiers Nachfolge, der auf eine Abfindung verzichtet, wird sich voraussichtlich noch bis zum 14. Januar hinziehen. Erst dann tagt der Verwaltungsrat das nächste Mal.

Mustiers Nachfolge ist derweil nicht die einzige personelle Neuausrichtung: Mitte April kommenden Jahres wählt die Hauptversammlung einen neuen Verwaltungsrat. Der bisherige Präsident, Cesare Bisoni, wird nicht erneut kandidieren. Sein designierter Nachfolger ist Pier Carlo Padoan, der für die Stadt Siena im Parlament sitzt. Sollte Unicredit tatsächlich die MPS übernehmen, würde sich für den Sozialdemokraten ein Kreis schließen: Padoan war zum Zeitpunkt der Verstaatlichung italienischer Wirtschaftsminister.