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Chefdirigent mit 25 Jahren: Was ihr von Shootingstar Patrick Hahn über Selbstvertrauen lernen könnt

·Lesedauer: 5 Min.

Musik live zu erleben ist gerade nur wenigen vergönnt. Noch sind die Konzertsäle für die Öffentlichkeit wegen Corona geschlossen. Für den Dirigenten Patrick Hahn sind digitale Konzerte aber eine willkommene Überbrückung. Er ist an diesem Märztag, als er mit uns spricht, in Beykoz, Istanbul, wo er sich auf ein Konzert mit dem Borusan Istanbul Philharmonic Orchestra vorbereitet. Er wird es dirigieren — mit 25 Jahren.

Wie jung der blonde schlanke Mann ist, sieht man trotz seiner erwachsenen Brille. Hahn gilt als Shootingstar der internationalen Dirigentenszene. Ab dem kommenden Sommer wird er beim Sinfonieorchester Wuppertal den Takt vorgeben. Der Pianist, Komponist und Dirigent aus dem steirischen Dorf Eggersdorf bei Graz hat sich schnell hochdirigiert — zum jüngsten Generalmusikdirektor Deutschlands. Wie hat er das geschafft?

Neben der Schule ins Klavierstudium

Klar, er hat Talent. Anderen fiel das früh auf. Aber das war nicht das alles Entscheidende. Das weiß man nicht gleich, wenn man nur die imposante Kurzbiografie liest. Mit elf Jahren ging Patrick Hahn neben der Schule ins Klavierstudium an der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz, mit zwölf schrieb er seine erste eigene Oper („Die Frittatensuppe“), die unter seiner Leitung uraufgeführt wurde. Mit 19 leitete er als Dirigent ein Orchester in Graz. Mit 21 machte er seinen Master of Arts in Orchesterdirigieren und Korrepetition. Eine Blitzkarriere.

Man weiß aber erst, was Patrick Hahns Erfolg ausmacht, wenn man genauer hinsieht.

Dirigent Patrick Hahn.
Dirigent Patrick Hahn.

Anders als bei vielen Musiktalenten war Patrick Hahns Weg nicht vorgezeichnet. Seine Mutter ist Industriekauffrau, der Vater Schlosser. Keine Musiker, die Frühförderung betrieben und schon im Kindergarten schauten, welches Instrument dem Kleinen wohl am besten lag. Zusammen mit seinen zwei Brüdern sang Hahn im Kirchenchor des Heimatdorfes Eggersdorf, so wie viele Kinder aus dem Dorf auch. Jedes der drei Geschwister lernte ein Instrument. „Bei mir war es zufällig das Klavier“, sagt Hahn.

Ein guter Zufall, denn Hahn war am Klavier virtuos. Auch der Kirchenchor war offenbar ein guter Zufall. "Der Junge ist ganz geschickt und singt gern“, erzählt Hahn darüber, was seine Lehrerinnen und Lehrer wohl dachten. Sie empfahlen Hahn nach Graz zu den Grazer Kapellknaben. Dort wurde er Solist im Chor, ging mit auf Konzertreisen. Mit elf Jahren begann er außerdem ein Klavierstudium in Graz. Das ging, die Schule fiel ihm nicht schwer, sagt er. Wenn es zeitlich passte, saß er sonntags trotzdem weiter regelmäßig in Eggersdorf an der Kirchenorgel.

Klingt nach viel Programm, viel Druck und viel Verantwortung für einen Jungen, der noch nicht einmal im Teenager-Alter war. Fragt man Hahn aber nach seinem ungewöhnlichen Weg, spricht er von "vielen kleinen Ereignissen", die seinen Weg prägten. Das muss keine falsche Bescheidenheit sein. Es kann auch etwas über die Art verraten, wie er denkt: immer einen Schritt nach dem anderen zu machen, eine kleine Herausforderung nach der nächsten annehmen — im Vertrauen, dass er jede einzelne nacheinander auch bewältigen kann.

"Mit 15 wusste ich, dass ich dirigieren möchte"

So lassen sich große Aufgaben in kleine, bewältigbare aufteilen. Hahn sah es so: Mal sang er, mal komponierte er, mal dirigierte er. Der Chorleiter der Kapellknaben in Graz, Matthias Unterkofler, sah es wahrscheinlich eher so: Der Junge hat einfach alles, was es braucht, um ein verdammt guter Dirigent zu werden. Er ließ Hahn den Chor am Klavier begleiten, ließ ihn für einen Teil des Chores die Proben halten, nahm ihn zu Erwachsenenchören mit. Hahn sagt, das sei doch praktisch gewesen — so musste der Chorleiter nicht alles allein machen.

Wer einen Chor leiten will, muss sich zurücknehmen können, bescheiden und pragmatisch sein — und ein Gespür für menschliche Dynamiken haben. Hahn war fasziniert davon. „Mit 15 wusste ich, dass ich dirigieren möchte", sagt er. Er übernahm im selben Jahr die Leitung des Kirchenchors in Eggersdorf.

Er leitete ihn auch noch, als er wenig später im Klavier- und Dirigierstudium bei namhaften Dirigenten wie Kurt Masur und Bernard Haitink lernte oder Preise bei Wettbewerben gewann: in New York, Chicago, Salzburg oder Wien. Bald reiste er an die Ungarische Staatsoper nach Budapest, später nach Rouen, Luzern, Hamburg, München. 2019 tourte er mit dem Orchestra Ensemble Kanazawa durch Japan.

„Ich habe noch nie geführt, also habe ich keine Erfahrung“

Zehn Jahre sind vergangen seit dem Entschluss, dirigieren zu willen. Nun übernimmt Patrick Hahn also in Wuppertal. Generalmusikdirektor zu sein, das heißt nicht nur, dass er den Dirigentenstab schwingt — als Chefdirigent leitet er das aus 88 Musikern bestehende Orchester und bestimmt auch künstlerisch und wirtschaftlich die Richtung des Hauses mit.

Es ist eine hohe Führungsposition, für die der 25-Jährige ausgewählt wurde — und für die die elfköpfige Findungskommission 99 andere, meist viel erfahrenere Bewerber abgelehnt hat. Von Angst vor der großen Aufgabe ist aber nichts zu spüren. Hahn freut sich auf das Potenzial der Musiker, will das Orchester "noch mehr ins Licht heben", wie er sagt.

Das ist es wieder, dieses tiefe, unerschütterliche Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Sie lässt Hahn Möglichkeiten sehen, wo andere die Gefahr des Scheiterns wittern würden. Es muss auch das sein, was die Findungskommission in ihm gesehen hat.

Patrick Hahn dirigiert das Orchestra Ensemble Kanazawa (Japan).
Patrick Hahn dirigiert das Orchestra Ensemble Kanazawa (Japan).

Peter Vaupel, Vorsitzender der Freunde der Wuppertaler Bühnen und des Sinfonieorchesters Wuppertal, war Teil der elfköpfigen Kommission. Er war fasziniert von Hahn, seit er ihn im Januar 2020 als Gastdirigenten in Wuppertal gesehen hatte. Mit dem Orchester, das er nicht kannte, sollte Hahn ausgerechnet Beethovens Fünfte Sinfonie spielen — "ein Stück, das er noch nie dirigiert hatte“. Hahn hatte sich ein anderes gewünscht, kniete sich aber rein. Abend für Abend, Probe für Probe. Am Ende sei es ein "fantastisches Erlebnis" gewesen, das Stück zu sehen.

Früher war Vaupel Vorsitzender der Stadtsparkasse Wuppertal gewesen, er hatte dort in seinem Job einige hundert Führungskräfte eingestellt. Er fragte auch Hahn nach seiner Führungserfahrung, als der als Bewerber vor der Kommission stand. „Der sagte: ‚Ich habe noch nie geführt, also habe ich keine Erfahrung‘“, erzählt Vaupel. „Er trug sein Herz einfach auf der Zunge.“

Es mag sein, dass Patrick Hahns Blick auf sich selbst etwas zu bescheiden ist in dieser Hinsicht — und vielleicht auch in anderen. Geschadet hat es ihm nicht. Sein Erfolgsrezept hat nichts mit Selbstinszenierung zu tun, nichts mit einem großen Ego oder mit dem Glauben an Talent im Überfluss. Für ihn besteht sein Erfolg — wenn er es überhaupt so nennen würde — aus ein paar Zufällen, die er genutzt hat, und ein paar Herausforderungen, die er gemeistert hat. Mit viel Vertrauen in sich selbst, eine nach der anderen.

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