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Chef von Elektro-Lkw-Bauer Nikola tritt zurück – was Zweifel am Geschäftsgebaren der Firma nährt

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Nach einem kritischen Bericht eines Leerverkäufers tritt Nikola-Chef Trevor Milton den Rückzug an. Ein GM-Veteran soll die Geschäfte des Elektro-Start-ups übernehmen.

Der US-Hersteller von Elektrolastwagen verliert inmitten des Streits mit dem Leerverkäufer Hindenburg seinen Chef. Firmengründer und Chairman Trevor Milton sei an den Vorstand herangetreten und habe angeboten, freiwillig aus dem Amt auszuscheiden, teilte das Unternehmen mit.

„Nikola liegt mir wirklich am Herzen, und das wird immer so sein“, wird Milton in einer Erklärung des Start-ups zitiert. Der Fokus sollte aber aus seiner Sicht auf dem Unternehmen und seiner „weltverändernden Mission liegen, nicht auf mir“, sagte der 39-Jährige. „Es war eine unglaubliche Ehre, Nikola zu gründen und zu einem Unternehmen auszubauen, das den Transport zum Besseren verändert und zum Schutz des Weltklimas beiträgt.“

Der Rücktritt von Nikolas Mastermind nährt die Zweifel am Geschäftsgebaren der amerikanischen Firma, die mit Batterie- und Wasserstofftrucks arrivierte Lkw-Hersteller wie Daimler, Traton (MAN, Scania) oder Volvo Trucks ausbremsen will. Der Shortseller Hindenburg hatte Nikola am 10. September in einem mehr als 60-seitigen Report vorgeworfen, seine Aktionäre und Geschäftspartner in die Irre geführt zu haben. Die Anschuldigungen sind schwerwiegend und reichen von Betrug bis Vetternwirtschaft.

Nikola-Aktie bricht zweistellig ein

Mit einer sechsseitigen Gegendarstellung stemmte sich Nikola gegen die Vorwürfe von Hindenburg und bezichtigte den Shortseller, den Aktienkurs von Nikola zu seinen Gunsten manipulieren zu wollen. Gänzlich ausräumen konnte der Truck-Hersteller die Anschuldigungen freilich nicht. Insbesondere Firmengründer Milton geriet in den vergangenen Tagen ins Zwielicht und massiv unter Druck.

Der Studienabbrecher sei ein „extremer Geist“, sagen selbst ihm Wohlgesinnte. Einerseits sei Milton ein genialer Stratege und begnadeter Netzwerker. Andererseits könne er aber „äußerst anstrengend“ sein und stelle Sachverhalte vielleicht manchmal übereuphorisch dar, bekundet ein Weggefährte.

Mit seinem Rücktritt will Milton die Anschuldigungen auf sich konzentrieren und von Nikola als Firma trennen, glaubt ein Bekannter des Unternehmers. Für ein Start-up sei es „nicht hilfreich“, wenn dessen Gallionsfigur so stark angefeindet wird wie das bei Milton der Fall ist, heißt es auch in Finanzkreisen. Ob der Rücktritt von Milton aber wirklich zu so etwas wie einem Befreiungsschlag für Nikola wird, ist offen.

Die Nikola-Aktie brach in einer ersten Reaktion zunächst um 26 Prozent ein. Im Vergleich zu seinem Börsenpeak Anfang Juni hat Nikola in den vergangenen Wochen mehr als die Hälfte seines einstigen Börsenwerts eingebüßt. Obwohl die Firma nahezu keinen Umsatz generiert und nach Analystenschätzungen wohl erst 2024 erstmals Gewinne schreiben wird, beträgt die Marktkapitalisierung des Start-ups aber immer noch mehr als zehn Milliarden Dollar.

GM-Veteran Stephen Girsky soll übernehmen

Als Miltons Nachfolger hat Nikola mit sofortiger Wirkung das Board-Mitglied Stephen Girsky ernannt. Der ehemalige stellvertretende Vorsitzende des Autobauers GM soll als neuer Chairman dafür sorgen, dass bei dem Start-up wieder Ruhe einkehrt. Operativ wurde Nikola schon bisher von CEO Mark Russel gemanagt.

Für Girsky steht viel auf dem Spiel. Der frühere Autoanalyst war lange Zeit eine der Schlüsselfiguren bei GM, half dem Autoriesen nach der Finanzkrise aus dem Konkursverfahren und kam in Deutschland 2012 in die Schlagzeilen, als er Chef der früheren GM-Tochter Opel wurde. Der 58-Jährige saß bis 2016 als Vice-Chairman im Verwaltungsrat von GM.

Mit seiner Beratung Vecto IQ brachte Girsky Nikola vor drei Monaten an die Börse. Bei der vor Kurzem geschlossenen Partnerschaft zwischen Nikola und GM im Wert von zwei Milliarden Dollar spielte er eine zentrale Rolle. Eine „Armee“ von Experten und Mitarbeitern hätte beim Börsengang die Firma geprüft, sagt Girsky. „Ich selbst habe diese Lastwagen viermal gefahren.“

Milton twitterte, sich gegen die Anschuldigungen, die gegen ihn erhoben wurden, weiter verteidigen zu wollen. Der Gründer ist mit 35 Prozent der größte Aktionär von Nikola. Weitere Großaktionäre sind der Autohersteller General Motors, der elf Prozent besitzt, und Vermögensverwalter Blackrock mit Anteilen von rund neun Prozent.

Nikola will seine Trucks ausschließlich verleasen

Nikola-CEO Russel beteuert: „Unsere Prioritäten bleiben unverändert.“ Man fokussiere sich darauf, klimaschonende Schwerlasttransporter und Pick-ups zu bauen.

Nikola plant etwa gemeinsam mit Iveco, einem Nutzfahrzeughersteller im Teilbesitz des italienischen Agnelli-Clans, in Ulm in Baden-Württemberg ab Ende 2021 pro Jahr gut 3000 Batterie-Trucks (Nikola Tre) mit einer Reichweite von 400 Kilometern zu produzieren. „Es werden Tausende Jobs entstehen“, versprach Milton im August im Gespräch mit dem Handelsblatt. Auch weil 2023 auf den Strom-Truck ein mit Wasserstoff befeuertes Modell folgen soll, das bis zu 800 Kilometer Reichweite schaffen soll.

Anders als die Konkurrenz will Nikola seine Trucks aber nicht verkaufen, sondern nur verleasen. Spediteure und andere Kunden zahlen einen Gesamtpreis pro Kilometer – Wartung, Reparatur und Treibstoff inklusive.

Der Clou dabei: Nikola will zumindest den Wasserstoff für die tonnenschweren Sattelschlepper künftig selbst herstellen. Dazu will die Firma allein in Nordamerika 700 Tankstellen errichten und in Elektrolyseuren vor Ort grünen Wasserstoff zu Kampfpreisen erzeugen. In der Kombination aus Energie- und Transportgeschäft sieht Nikola einen klaren Wettbewerbsvorteil. Doch Experten zweifeln seit jeher an dem Konzept.

Wasserstoff-Infrastruktur braucht große Investitionen

Denn zunächst sind Investitionen in Milliardenhöhe vonnöten, um die Trucks und die Wasserstoff-Infrastruktur aufzubauen. „Es bleibt ein hohes Umsetzungsrisiko“, gab Emmanuel Rosner, Analyst bei der Deutschen Bank, schon vor Wochen zu bedenken. Der Kapitalbedarf von Nikola ist immens.

Daher ist es für die Firma essenziell wichtig, dass Investoren an die Vision des Unternehmens aus Arizona mit mehr als 400 Mitarbeitern glauben und in den nächsten Jahren fortwährend Finanzspritzen gewähren. Bleiben die Kritik und die Vorwürfe gegen Nikola bestehen, könnte die Firma früher oder später ein Liquiditätsproblem bekommen.

Analysten hatten Trevor Milton bereits vor dessen Abtritt kritisiert. Ähnlich wie Tesla-Chef Elon Musk nutzte der Amerikaner Twitter, um zahlreiche neue Produkte oder technische Durchbrüche zu verkünden. Allerdings fehlte es Milton manchmal an Klarheit, er sprach von elektrischen Lastwagen in Europa und brennstoffgetriebenen Lkws in den USA. „Es ist ein wenig verwirrend, Trevor auf all den verschiedenen sozialen Netzwerken zu folgen“, klagte Analyst Jeff Osborne von Cowen bei der jüngsten Telefonkonferenz zu den Quartalsergebnissen von Nikola.

Doch wichtige Partner stehen weiter hinter dem Start-up. „Wir stehen uneingeschränkt hinter der Partnerschaft mit Nikola“, sagte Iveco-Chef Gerrit Marx jüngst dem Handelsblatt. Auch der Autozulieferer Bosch, der bei Nikola investiert ist und die Brennstoffzelle liefern wird, will weiter mit dem Start-up Geschäfte machen. „Bosch ist seit mehreren Jahren Lieferant von Nikola und hat in frühen Finanzierungsrunden des Unternehmens investiert. Wir planen auch weiterhin, mit Nikola zusammenzuarbeiten und stehen im kontinuierlichen Austausch mit dem Unternehmen und seinem Management“, erklärte der Stuttgarter Konzern auf Anfrage. Die Personalentscheidung wollten die Schwaben nicht kommentieren.

Und auch der dritte große Partner, GM, sprang Nikola jüngst zur Seite. „Wir haben schon mit vielen verschiedenen Partnern gearbeitet und wir haben ein sehr fähiges Team, das die angemessene Due Diligence durchgeführt hat“, sagte GM-Chefin Mary Barra.