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Dieser Mann soll das deutsche Gesundheitssystem modernisieren

Der Mediziner Markus Leyck Dieken, Geschäftsführer der Gematik, steht vor einer klaren, doch hoch komplexen Aufgabe: Deutschlands Ärzte und Patienten in die digitale Moderne zu hieven.

„Ulmmmerr!“ Schlachtrufe wie diese sind im Sport bekannt. Im Gesundheitswesen dagegen nicht. Doch Markus Leyck Dieken bringt beides zusammen. In seiner Zeit als Geschäftsführer von Ratiopharm peitschte er mit dem langgezogenen Ruf auch einmal die Fans des Ulmer Basketball-Bundesligisten an, dessen Hauptsponsor das Pharma-Unternehmen ist.

Mittlerweile ist Leyck Dieken Chef der Gematik. Als Sponsor im Sport tritt die nicht auf. Grund, sein Umfeld anzupeitschen, hat Leyck Dieken trotzdem. Vor einem Jahr, am 1. Juli 2019, trat der 55-Jährige den Posten an der Berliner Friedrichstraße an – mit der schweren Last, die Digitalisierung des Gesundheitswesens in Deutschland endlich aus ihrem Tiefschlaf zu erwecken.

Die Gematik existiert seit 2005. Der Staat hat ihr den Auftrag übertragen, im Gesundheitswesen digitale Lösungen zu etablieren, insbesondere durch den Aufbau des Datennetzwerks mit dem sperrigen Namen Telematikinfrastruktur (TI).

Doch jahrelang blockierten sich die Gematik-Gründungsgesellschafter unter der Selbstverwaltung aus Ärzteschaft und Krankenkassen gegenseitig. Die Folge: Deutschland ist mit seinem Gesundheitswesen ein Digitalisierungsschlusslicht. Viele Ärzte dokumentieren auf Papier; Patienten haben ihre Daten nicht, wenn sie sie brauchen; während der Corona-Pandemie faxen die meisten Gesundheitsämter die Zahlen der Infizierten.

Das führt für die Patienten nicht nur zu Doppeluntersuchungen oder Fehlmedikationen, sondern macht das ganze Gesundheitssystem ineffizient und teuer. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte deshalb die Mehrheit an der Gematik übernommen und installierte Leyck Dieken als neuen Chef – und als Motivator. Leyck Dieken hat in seinem ersten Jahr mit dem Kraftakt begonnen, die Gematik von Grund auf zu erneuern und so das ganze deutsche Gesundheitssystem endlich in ein digitales Zeitalter zu führen.

Von der lethargischen, verschlossenen Gesellschaft soll die Gematik zum digitalen Innovationsmotor werden. Ob Leyck Dieken seine Rolle als Motivator meistern kann, werden ausgerechnet die nächsten Tage zeigen: Denn der Einfluss des promovierten Arztes auf die Medizin der Zukunft in Deutschland wird am Freitag umfassend ausgebaut. Dann will der Bundestag das Patientendaten-Schutz-Gesetz (PDSG) verabschieden – inklusive weitreichender neuer Befugnisse für die Gematik.

Leyck Dieken und sein 300 Mitarbeiter starkes Team sollen unter anderem dafür sorgen, dass nach Arztpraxen, Krankenhäusern und Apotheken sich auch Pflegeheime, Hebammen und Therapeuten an die TI anschließen. Die Gematik soll Mutterpass, Untersuchungsheft, Impfausweis und Zahnbonusheft in digitaler Form auf den Weg bringen sowie die Möglichkeit schaffen, dass Patienten ihre digitalen Daten allgemein für die Forschung freigeben können. Fast 300 Mal findet sich der Name der Gematik im Gesetz.

Am Dienstag bereits veröffentlichte Leyck Dieken die Vorgaben für das elektronische Rezept (E-Rezept). Ärzte verschreiben Medikamente bislang immer noch auf Papierrezepten. Das macht es nicht nur für die Patienten kompliziert, sondern auch für den gesamten bürokratischen Prozess. Das soll sich mit dem digitalen Rezept ändern.

Allzu spannend war die Veröffentlichung der Vorgaben allerdings nicht, denn der Großteil ist schon bekannt. Das ist kein Versehen, sondern Ausdruck der neuen Gematik, die Leyck Dieken geformt hat. Während die alte Gematik die Dokumente noch einfach am Stichtag „über den Zaun geworfen“ hätte, wie manche aus der Branche immer wieder ächzten, ist die Erstellung der Vorgaben mittlerweile zu einem offenen Prozess geworden.

Und auch eine Verbindung zum Sport hat Leyck Dieken bei der Gematik beibehalten. „Wir bauen die Arena, auf dessen Spielfeld die Industrie ihre digitalen Lösungen in den Gesundheitsmarkt bringen kann. Und dabei achten wir darauf, dass alle Regeln eingehalten werden“, sagt er dem Handelsblatt.

Die Gematik bringt die digitalen Innovationen nämlich nicht selbst in den Markt. Sie schafft mit dem Datennetzwerk die Infrastruktur und erarbeitet die Vorgaben, damit die Systeme untereinander kompatibel und sicher sind. Digitale Innovationen lassen sich nicht staatlich orchestrieren, findet Leyck Dieken: „Aber im hochkomplexen und hochsensiblen Gesundheitswesen funktioniert es ohne nähere Vorgaben nicht. Dafür gibt es die Gematik.“

Die Industrie ist begeistert

Die einst verschlossene Gematik dringt immer weiter nach außen, veranstaltet Industrie-Foren und runde Tische. Und sie gibt frühe Versionen ihrer Entwicklungen zur Debatte frei. Das Staatstragende sei verloren gegangen, sagt Leyck Dieken.

Die Industrie kriegt sich auch deshalb vor Lobhudelei über den neuen Mann an der Spitze kaum noch ein. Ein Abend Ende 2019: Als die Corona-Pandemie gefühlt noch weit entfernt war, hatte ein Industrieverband aus dem Gesundheitswesen zum Dinner geladen. In einem Saal eines Berliner Hotels in Mitte brannten Kerzen auf weißen Tischdecken, zum Rinderbraten gab es Kartoffelgratin.

Doch viel Aufmerksamkeit schenkten die anwesenden Industrievertreter aus der Gesundheits-IT dem Essen nicht. Und Gematik-Chef Leyck Dieken selbst, der zu Beginn die Keynote gehalten hatte, kam kaum zum Essen. Den gesamten Abend wurde er von Managern und Informatikern belagert, die mit ihm über die Zukunft des digitalen Gesundheitswesens sprechen wollten – was der stets gut gelaunte Deutsch-Brasilianer wohlwollend zuließ. Zeitweise bildete sich neben Leyck Diekens Stuhl eine Schlange mit all denen, die mit ihm reden wollten.

Doch die Übernahme von 51 Prozent an der Gematik durch Spahn und der Anbruch des Zeitalters der neuen Gematik mit Leyck Dieken an der Spitze, sorgt auch dafür, dass der ehemalige Pharma-Manager nicht überall Freunde hat.

Die mit der Übernahme entmachtete Selbstverwaltung aus Ärzteschaft und Krankenkassen fühlt sich hintergangen. So kommt es vor, dass Leyck Dieken in manchem Büro der Selbstverwaltung auch mal mit „Leyck Dings“ diffamiert wird. Die Aufmüpfigkeit fußt aber nicht nur auf dem angeschlagenen Ego. Die Kassen- und Ärztevertreter fühlen sich zu wenig beteiligt. Und Leyck Dieken gesteht ganz offen: „Dieser Vorwurf ist nicht von der Hand zu weisen.“

Doch müsse man das im Kontext betrachten: „Es bringt das Gesundheitswesen nicht weiter, wenn über jede Kleinigkeit diskutiert wird. Es ist wie bei der Entwicklung eines Autos: Wir sprechen gerne mit allen Beteiligten, wie viel Leistung und welche Größe es haben soll – aber nicht, wie viel Kupfer der Glühdraht des Blinkers enthalten soll.“

Störung noch nicht komplett behoben

Nicht einmal die Corona-Pandemie konnte Leyck Dieken bislang aufhalten. Im Gegenteil, im Hauruckverfahren half die Gematik dabei, die Meldewege der Labore zu digitalisieren. Doch dann kam der 27. Mai. Bei bis zu 80.000 Ärzten wurde es plötzlich wieder analog, weil sie sich wegen eines zentralen Fehlers nicht mehr mit dem Datennetzwerk TI verbinden konnten.

Bis heute haben noch nicht alle Ärzte die Störung behoben. „Eine Störung kostet natürlich Vertrauen. So etwas müssen wir in Zukunft verhindern“, sagt Leyck Dieken. Obwohl die Gematik schnell reagierte, indem sie etwa einen Krisenstab aufbaute, machte die Gesellschaft bei der Kommunikation nicht immer eine glückliche Figur. Wer für die Kosten für die Behebung der Störung aufkommen muss, ist unklar. Wo der Fehler überhaupt lag, wurde erst nach einer Woche kommuniziert.

Hätte sich die alte Gematik vielleicht noch in der verminten Gemengelage zwischen aufgebrachter Ärzteschaft und nervösen IT-Dienstleistern zurückgehalten, weiß Leyck Dieken, dass er jetzt handeln muss: „Um künftig Störungen der TI wie die aktuelle zu verhindern, sollte die Gematik mehr Möglichkeiten bekommen.“ Manchmal reicht es eben nicht, „die Arena“ zu errichten und den Motivator zu geben.