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Chaos auf der Insel: Die Boris-Johnson-Methode funktioniert nicht mehr

Leitel, Kerstin
·Lesedauer: 3 Min.

2019 feierte der britische Premierminister noch einen triumphalen Wahlsieg und machte vollmundige Versprechungen. 2020 steht er in der Kritik wie nie zuvor.

Vor genau einem Jahr konnte Boris Johnson triumphieren. Mit dem Einberufen von Wahlen war er aufs Ganze gegangen, hatte sein Amt aufs Spiel gesetzt – um die Kritik an ihm zum Verstummen zu bringen. Er hatte damit Erfolg: Mit deutlichem Abstand gewann der ehemalige Bürgermeister Londons die Wahlen. 2020 würde ein „fantastisches Jahr“ werden, versprach Johnson daraufhin gewohnt vollmundig.

Jetzt, zwölf Monate später, erweisen sich diese Worte lediglich als ein weiteres Versprechen, das er nicht einlöst. Großbritannien steckt im Chaos – und immer mehr Briten geben Johnson die Schuld daran. Viele Länder haben Probleme angesichts der Corona-Pandemie, aber die Insel hat es besonders hart getroffen.

Am Montag musste der britische Premier den Nationalen Sicherheitsrat einberufen, nachdem Dutzende Länder die Grenzen zu Großbritannien dichtgemacht hatten, weil sie die Ausbreitung einer Mutation des Covid-19-Erregers aus Südengland verhindern wollen.

In den britischen Häfen, die schon seit Wochen überlastet sind und in denen Container mit Corona-Schutzmasken nutzlos herumstehen, herrscht Stillstand. Die Staus werden länger und länger, immer mehr Lastwagen mit Lieferungen bleiben stecken. Supermärkte warnen davor, dass die Briten zu Weihnachten auf frische Produkte wie Salat, Orangen oder Blumenkohl verzichten müssen.

An den Flughäfen und Bahnhöfen füllen sich die Hallen mit Menschen, die aus London fliehen wollen – trotz oder gerade wegen der verhängten Ausgangsbeschränkungen, die von allen Seiten kritisiert werden: Einigen Briten sind sie zu drastisch, sie werfen Johnson Panikmache vor, anderen kommen sie zu spät und wieder andere machen Johnson den Vorwurf, eine Kehrtwende einzulegen, nachdem er versprochen hatte, dass über Weihnachten keine harten Einschränkungen zu erwarten seien.

Mehr als 67.400 Tote hat das Land verzeichnet, Millionen Briten waren infiziert – auch der Premierminister selbst. Nach seiner Genesung versuchte Johnson konsequenter durchzugreifen. Doch dabei legte er sich mit den Kritikern von Lockdown-Maßnahmen an, die vor allem auch in den Reihen der konservativen Partei zu finden sind.

Sinkende Umfragewerte

Die Zahl seiner Unterstützer jedenfalls sinkt. In Umfragen, wer der beste Premierminister für Großbritannien ist, zieht der amtierende Regierungschef seit Monaten den Kürzeren. Eine Mehrheit der Briten hält mittlerweile den Chef der Opposition, Labour-Chef Keir Starmer, für kompetenter. Das spricht Bände.

Schließlich stellen sich die Wähler in Krisen sonst lieber hinter den amtierenden Regierungschef. Doch es wird zunehmend deutlich, dass Johnson nur Versprechungen machte, die er nicht halten kann – wie auch bei seiner Brexit-Strategie.

Seit Jahren hatte der Brite mit dem überbordenden Selbstbewusstsein darauf gesetzt, dass die EU einknickt und die britischen Brexit-Träume akzeptiert. Er versprach seinem Volk, die Zahlungen nach Brüssel einzustellen, eine vollkommene Souveränität ohne lästige EU-Regeln, doch gleichzeitig die Vorzüge des europäischen Binnenmarktes.

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In neun Tagen endet die Übergangsfrist. Aber noch immer verhandeln beide Seiten und Rufe nach einer Verlängerung der Gespräche werden – wieder einmal – laut. Ein Vorhaben, das etwa Schottlands Regierungschefin Nicola Sturgeon befürwortet, von Brexit-Befürwortern aber kategorisch abgelehnt wird.

All dem hat Johnson wenig entgegenzusetzen: Seine emotionalen Appelle und medienwirksamen Auftritte, die noch vor einem Jahr viele Wähler begeisterten, funktionieren nicht – weder im Kampf gegen das Virus noch in den Verhandlungen mit der EU. Dass der 56-Jährige mit der stets bewusst zerzausten Frisur noch im Amt ist, dürfte allein daran liegen, dass keiner mit ihm tauschen will.

Nicht einmal Johnson, dem nachgesagt wird, dass er nur allzu gern über Fakten und Details hinwegsieht, dürfte 2020 als „fantastisches Jahr“ betrachten.

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