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CEO in Teilzeit: Wie Marcus Diekmann mehrere Unternehmen gleichzeitig managed — und was ihr von ihm lernen könnt

·Lesedauer: 7 Min.
Marcus Diekmann leitet seit Anfang des Jahres in Teilzeit die Peek & Cloppenburg Tochter International Brands Company.
Marcus Diekmann leitet seit Anfang des Jahres in Teilzeit die Peek & Cloppenburg Tochter International Brands Company.

Wenig Freizeit, viel Arbeit: So sieht das Leben vieler Top-Manager aus. Ein Meeting reiht sich an das andere. Auch am Wochenende und nach Feierabend klingelt das Telefon. Rund 62 Stunden arbeitet ein CEO laut einer Langzeitbeobachtung der Harvard Business School im Durchschnitt. Einer deutschen Erhebung des Jobportals Gehalt.de zufolge haben Führungskräfte im vergangenen Jahr etwa 7,6 Überstunden pro Woche gemacht.

Ein Unternehmen zu leiten, geht also meistens mit einem enormen Arbeitspensum einher. Wie muss sich das erst anfühlen, wenn man an der Spitze gleich mehrerer Unternehmen steht? Marcus Diekmann weiß es. Der 42-jährige E-Commerce-Experte steckt in so vielen Projekten, dass man genau nachfragen muss, um zu verstehen, was er alles wo macht.

Der Vater zweier Kinder ist nicht nur geschäftsführender Gesellschafter bei dem Fahrradhändler Rose Bikes, seit Anfang des Jahres leitet er mit Konstantin Kirchfeld auch die International Brands Company KG, eine Tochter des Modeunternehmens Peek & Cloppenburg. Dort soll er Eigenmarken voranbringen, indem er den Direktvertrieb, die strategische Ausrichtung im Digitalbusiness sowie das Marketing der Marken übernimmt.

Daneben hat er eine eigene kleine Investmentfirma, mit der er sich an Startups beteiligt, ist Werbegesicht mehrerer Firmen und hat bis vor kurzem den Fußballverein Borussia Dortmund in E-Commerce-Fragen beraten. Zudem engagiert er sich ehrenamtlich für der Initiative "Händler helfen Händlern" und ist Initiator einer Charity-Radtour, bei der er mit Prominente wie Schauspieler Jan Josef Liefers und Sänger Tim Bendzko Spenden für benachteiligte Kinder sammelt. "Ich habe viele verschiedene Rollen", sagt Diekmann, der niemand zu sein scheint, der lange ruhig sitzen bleiben kann. Auch während unseres Video-Interviews wechselt er mehrmals mit seinem Laptop den Raum. Er redet schnell und viel, aber präzise.

Weil Diekmanns Zeit begrenzt ist, muss er gut planen, um allen seinen Positionen gerecht zu werden. Eine typische Arbeitswoche sieht bei ihm so aus: An einem Tag kümmert er sich um sein Netzwerk – übt sein Ehrenamt aus, macht Lobbyarbeit, teilt sein Wissen, zum Beispiel als Gast in einem Podcast. Zwei Tage sind für die Geschäftsführung der International Brands Company reserviert, ein weiterer für Rose Bikes. Am letzten Tag seiner Arbeitswoche beschäftigt er sich mit den Startups, in die er investiert und allem, was liegen geblieben ist.

Sparrings-Partner statt Vollzeit-CEO

Funktionieren kann dieses Prinzip nur, weil Diekmann delegieren kann. Er selbst, so sagt er, sei für das strategische „Was“ in den Unternehmen, für die er arbeitet, verantwortlich. In der Umsetzung aber gibt er seinen Teams maximale Freiheiten. "Auf den jeweiligen Fachgebieten wissen die Mitarbeiter viel mehr als ich", sagt er. "Ich brauche nicht in jedem Meeting dabei zu sitzen."

Anstatt sich in alles einzumischen, vertraut er seinen Teams, lässt sie Entscheidungen treffen und selbstständig Lösungen für anstehende Herausforderungen finden. Diekmann fungiert dabei als eine Art Sparrings-Partner, der unterstützt, Impulse gibt und seine Mitarbeiter motiviert. Werden Ziele nicht erreicht, schaltet er sich ebenfalls ein. "Dann sprechen wir offen darüber, woran es lag und was man hätte besser machen können", sagt er.

Die Basis, auf der Diekmann aufbaut, sind also verlässliche Mitarbeiter. Denn nur, wer sich sicher sein kann, dass sein Team kompetent und zuverlässig ist, kann ihm guten Gewissens verantwortungsvolle Aufgaben übertragen. Steht Diekmann vor einer neuen Herausforderung, überlegt er sich, was er erreichen will und welche Expertise er dafür braucht. "Wichtig ist, die Leute auf Themen setzen, für die sie brennen", sagt er. Fehle dem Team Know-How, dann hole er sich jemanden von außen dazu. "Man muss den Mut haben, an der bestehenden Struktur der Teams etwas zu ändern, wenn es notwendig ist.

Das ist aus seiner Sicht auch das große Problem vieler Unternehmen: Die Teams seien nicht optimal zusammengestellt. Entweder aus dem Grund, dass sich Führungskräfte am liebsten nur mit Ja-Sagern umgäben, die eine Idee der Chefetage auch dann feierten, wenn sie wüssten, dass sie nicht gewinnbringend sei. Oder aber, weil Mitarbeiter in für sie falsche Rollen gesteckt würden. Beide Fehler versucht Diekmann zu vermeiden. "Ich suche nach Leuten, die meine Werte teilen", sagt er. "Aber sie können eine komplett andere Denkweise haben als ich."

Synergien nutzen

Weil er sich voll auf seine Teams verlassen kann, ist es auch noch nie vorgekommen, dass er große Schwierigkeiten in seiner beruflichen Doppelrolle bekommen hätte - er zum Beispiel zeitgleich von zwei Unternehmen gleichzeitig gebraucht wurde, weil ein unvorhergesehenes Problem aufgetaucht wäre. "Selbst wenn der Online-Shop von Rose Bikes abstürzen würde: Dann schaue ich zwar, was das für das Unternehmen bedeutet, aber ich muss nicht daneben sitzen, während das IT-Team den wieder hochfährt", sagt er.

Zu kurz komme durch seine Teilzeit-Beschäftigung also keines der Unternehmen, davon ist Diekmann überzeugt. "In vielen Unternehmen aktiv zu sein, davon profitieren alle", sagt er. Denn wer ständig nur in ein und demselben Büro sitze, der werde irgendwann betriebsblind. Die Synergien, die sich durch seine "Teilzeit-Jobs" ergeben, glaubt Diekmann, helfen ihm dagegen, immer am Ball zu bleiben.

Aktuell beschäftigt er sich zum Beispiel intensiv mit Social Commerce, also damit, wie soziale Medien als Werbeplattform genutzt werden können. Wissen, das er sowohl bei Rose Bikes als auch bei der International Brands Company und den Startups gebrauchen kann. Was er bei dem einen Unternehmen lerne, könne er bei dem anderen einbringen. "Meine Learnings kommen allen gleichermaßen zugute", sagt der Teilzeit-CEO.

Auch wenn Diekmann sich nicht um jede Kleinigkeit kümmern muss, die in den Unternehmen passieren, die er leitet - seine vielen Positionen verlangen ihm viel ab. Dass er komplett runterfährt, komme innerhalb einer Arbeitswoche so gut wie gar nicht vor. Selbst wenn Diekmann durch die Stadt läuft, etwa auf dem Weg zum Einkaufen, fielen ihm immer Ideen ein, wie er seine Unternehmen nach vorne bringen könne. Kommt ihm eine Idee, spricht er sie in sein Smartphone. Sieht er etwas, das ihn inspiriert, fotografiert er es. Manchmal, erzählt er, gehe er auch einfach in einen Laden und frage bei der Leitung nach deren Konzept. Das Wochenende aber sei für seine Familie und seine Kinder reserviert. "An diesen beiden Tagen gibt es kein Business, keine Arbeit, gar nichts", sagt er.

Niemals eingleisig fahren

Diekmann würde sich selbst nicht als Workaholic bezeichnen. An vielen Stellschrauben gleichzeitig zu drehen, erzählt er, das begleite ihn schon sein ganzes Leben. Sein soziales Umfeld nimmt es gelassen. "Die kennen das nicht anders", sagt er. Viele seiner Freunde, erzählt es, arbeiten selbst im Handel oder der IT. Er sei vielleicht nicht derjenige, mit dem man sich jede Woche auf ein Bier treffen könne. „Wenn mich meine Freunde brauchen, bin ich aber für sie da.“ Das sei ähnlich wie bei seiner Funktion als Teilzeit-CEO: "Wenn ich etwas mache, dann mache ich es richtig und mit vollem Herzen."

Diekmanns Konzept scheint jedenfalls zu funktionieren – zumindest für ihn. Er gilt als einer der gefragtesten Digital-Experten Deutschlands. Bevor er vor drei Jahren bei Rose Bikes einstieg, war er für die digitale Transformation beim Matratzenhersteller Concord verantwortlich und danach Chief Digital Officer bei dem Fahrradhersteller Accell. Und laut einem Bericht der Plattform Fashionunited konnte Rose Bikes nach dem Eintritt Diekmanns seine Erfolgsbilanz enorm steigern. Insgesamt ist der Jahresumsatz seit 2019 von 85 auf 148 Millionen Euro gestiegen.

Auch wenn der Arbeitsstil von Marcus Diekmann wahrscheinlich nicht für jeden etwas ist, kann sich wohl jeder etwas von ihm abschauen. Zum Beispiel, wie wichtig es ist, sich regelmäßig mit Menschen aus dem eigenen Netzwerk auszutauschen und es zu erweitern. Und auch, sich neben dem Hauptjob weitere Herausforderungen zu suchen, hält Diekmann für sehr sinnvoll. Vorausgesetzt, man macht Projekte nicht deshalb, weil einen die eigene Arbeit nur noch langweilt und man sie eigentlich gar nicht mehr machen will. "Wichtig ist, dass sich beides ergänzt", sagt er. Wer zum Beispiel im Marketing arbeitet und nebenher einen eigenen Blog betreiben will, sollte das tun. Und danach seinem Chef erklären, was er dabei über Selbstvermarktung gelernt hat. "Dann wird man besser im Job", sagt Diekmann.

Was sich auf jeden Fall von Diekmann lernen lässt, ist: Eine Führungskraft muss nicht jede Entscheidung mit treffen, an jedem Tisch bei jedem Meeting dabei sitzen und rund um die Uhr erreichbar sein. Stattdessen können CEOs oder Team-Leads oft auch einfach darauf setzen, dass ihre Mitarbeiter selbstständig auf gute Lösungen kommen. Wer weiß: Vielleicht würde sich auf diese Weise auch die Überstundenzahl vieler CEOs und Unternehmer reduzieren.

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