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Causa Instafreight: Wie Darlehen Startups ins Insolvenzverfahren treiben können

Ein Gesetz milderte die Insolvenzordnung in den vergangenen Jahren ab – jetzt ist es ausgelaufen. - Copyright: C.J. Burton / Getty Images
Ein Gesetz milderte die Insolvenzordnung in den vergangenen Jahren ab – jetzt ist es ausgelaufen. - Copyright: C.J. Burton / Getty Images

Viele dürfte die Nachricht überrascht haben: Im Dezember 2023 wurde bekannt, dass Instafreight Insolvenz angemeldet hat. Dabei galt die digitale Speditions-Plattform als eines der Vorzeige-Startups: Seit Gründung im Jahr 2016 bekam das Unternehmen mehr als 70 Millionen Euro Eigen- und Fremdkapital von Investoren, das Logistikunternehmen glänzte mit beeindrucken Umsatzzahlen und heimste Preise ein. Was ist also passiert, dass das Unternehmen jetzt vor einer möglichen Insolvenz steht?

„Bilanzielle Überschuldung“ lautet das entscheidende Stichwort in der Causa Instafreight. Die ist unter Startups nicht ungewöhnlich – aber kann in einer speziellen Situation zum Problem werden. So wie jetzt auch bei Instafreight, erklärt Co-Founder und Geschäftsführer Philipp Ortwein im Gespräch mit Gründerszene.

Für Unternehmen mit Fremdkapital gelten besondere Regeln

Darum geht’s: Zum Jahreswechsel 2021/22 hatte das Logistik-Startup die letzte Finanzierungsrunde abgeschlossen. Damals erhielt Instafreight nach eigenen Angaben so viel zusätzliches Kapital wie noch nie: 40 Millionen Euro. Die Finanzierungsrunde wurde angeführt von Heliad und der Europäischen Investitionsbank (EIB). Letztere steuerte Fremdkapital in Form eines Darlehens bei. Und genau das ist zum Problem für das Startup geworden.

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Paragraf 19, Absatz zwei der Insolvenzordnung schreibt nämlich vor, dass Unternehmen, die ein Darlehen erhalten haben, mindestens 12 Monate durchfinanziert sein müssen – ansonsten liegt eine Überschuldung vor und das Unternehmen ist verpflichtet, Insolvenz anzumelden.

Genau dieses Gesetz wurde zuletzt stark abgemildert: Im Oktober 2022 hatte der Bundestag das sogenannte "Gesetz zur vorübergehenden Anpassung sanierungs- und insolvenzrechtlicher Vorschriften zur Abmilderung von Krisenfolgen", kurz: SanInsKG, verabschiedet. Ziel dieser Gesetzesänderung war es, die Insolvenzantragspflicht wegen Überschuldung abzumildern. Die Regierung reagierte damit auf die deutliche erhöhten Belastungen für die Wirtschaft im Zuge des Ukrainekriegs. Die Gesetzesänderung legte unter anderem fest, dass Unternehmen nur noch vier, statt 12 Monate durchfinanziert sein mussten, um ein Darlehen aufzunehmen. So sollte verhindert werden, dass zahlreiche Unternehmen Insolvenz anmelden müssen, die durchaus weiterhin bestehen konnten. Schon zuvor war ein ähnliches Gesetz im Zuge der Corona-Pandemie verabschiedet worden. Seit Anfang 2020 galten für Unternehmen damit die abgemilderten Regelungen. Bis jetzt.

„Ich frage mich, wie viele Gründer das überhaupt auf dem Schirm haben“

Inzwischen hat sich die wirtschaftliche Lage zwar kaum verbessert, aber die Regelungen des SanInsKG sind zum Jahresende 2023 ohne Verlängerung ausgelaufen. Für Unternehmen gilt seit 2024 also wieder die 12-Monats-Frist. Das bedeutet aus Sicht von Gründer Ortwein: Obwohl das Unternehmen liquide sei und zuletzt sogar mit DPD einen weiteren Großkunden gewinnen konnte – neben anderen Großkunden wie Coca-Cola oder Ikea –, habe es Ende 2023 wegen Überschuldung Insolvenz anmelden müssen, um sich nicht einer Insolvenzverschleppung strafbar zu machen. Gründer Ortwein sagt: „Ich frage mich, wie viele Gründer das überhaupt auf dem Schirm haben“. Denn in der gleichen Situation könnten derzeit auch andere Unternehmen sein. Instfreights Insolvenzverwalter Philipp Hackländer bestätigte die spezielle Situation des Startups gegenüber Gründerszene. Ähnliche Fälle seien ihm bisher nicht bekannt. Auf die Frage, ob er glaube, dass die Rückänderung des Gesetzes im Laufe des Jahres für Probleme sorgen könnte, antwortete er Gründerszene: „Könnte sein.“

Knapp zwei Jahre nachdem Instafreight das Darlehen der EIB bekommen hat, betrachtet Ortwein diese Art der Finanzierung nun kritischer. Für Instafreight hatte das Darlehen in den vergangenen Monaten nämlich noch einen weiteren Nachteil: Als das Startup zuletzt auf der Suche nach neuem Kapital war, um die Finanzierung für einen längeren Zeitraum zu sichern, seien die Verhandlungen nicht zuletzt wegen des bestehenden Darlehens gescheitert. Denn im Falle einer möglichen Überschuldungs-Insolvenz bekommen Fremdkapitalgeber wie die EIB ihr Geld noch vor den Eigenkapitalgebern zurück – egal, ob die später investiert haben. Investoren, die bereit waren, Instafreight (erneut) Geld zu geben, hätten deshalb auf einer Sonderregelung gepocht. Die EIB und die potenziellen Investoren haben sich aber nicht entsprechend einigen können, so Ortwein. Am Ende kam keine neue Finanzierungsrunde zustande.

Ortwein sagt, er wolle trotzdem auf keinen Fall „mit dem Finger auf die EIB zeigen.“ „Ich finde nach wie vor, dass Venture Debt ein cooles Finanzierungsinstrument ist, aber wenn es mal schwierigere Phasen gibt – im Markt oder im eigenen Unternehmen – kann dir das echt auf die Füße fallen. So wie bei uns jetzt“, so der Gründer.

Wie geht es jetzt weiter bei Instafreight?

Ziel des Unternehmens sei es jetzt, entweder strategische Investoren oder Käufer zu finden. Ortwein hält Letzteres für realistischer. Das einzige Problem sei das Timing: Aktuell sucht nämlich der US-amerikanische Konkurrent Convoy, der unter anderem von Jeff Bezos und Bill Gates finanziert wurde, ebenfalls einen Käufer. Genauso wie DB Schenker.

Trotzdem ist Ortwein zuversichtlich. Er glaubt an sein Unternehmen und das dahinterstehende Modell. „Wir haben extrem viele große Kunden, das würde überhaupt keinen Sinn ergeben, das jetzt einzustellen“, sagt er. Aktuell werde es – auch mithilfe des Insolvenzverwalters – restrukturiert. Das Portfolio des Unternehmens werde „sicherlich kleiner gemacht werden müssen“, so Ortwein. Schon in der Vergangenheit habe sich das Unternehmen dafür unter anderem mehr und mehr aus dem reinen Spediteurs-Geschäft entfernt. Das sei zu kostenintensiv.

Instafreight will sich stattdessen auf das Management der Transporte konzentrieren. Dafür übernimmt das Startup weiterhin die Vermittlung und Abwicklung der Logistik – aber nicht die Preisverhandlungen. Wie viele Startups will Instafreight zudem zukünftig weniger abhängig von Investoren werden und langsam aber sicher Richtung Profitabilität gehen.