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Carlos Ghosn: Der „Cost Killer“ ist abgestürzt


Alle Kameras richten sich auf Hiroto Saikawa. „Es ist sehr schwer, meine Gefühle in Worten auszudrücken“, sagt der Nissan-Chef sichtlich konsterniert. „Ich fühle große Enttäuschung und Verzweiflung.“ Es ist 22.02 Uhr in Yokohama.

In der Zentrale des japanischen Autobauers hat Saikawa kurzfristig zu einer Pressekonferenz geladen. Er entschuldigt sich bei den Journalisten für die ungewöhnliche Uhrzeit, aber das, was er zu sagen hat, kann einfach nicht länger warten.

Im Rahmen interner Untersuchungen, holt Saikawa aus, habe sein Konzern ein schweres, nicht hinnehmbares „Fehlverhalten“ bei führenden Managern festgestellt – allen voran bei Carlos Ghosn. Der Verwaltungsratschef von Nissan – und somit sein direkter Chef – soll Konzerngelder für private Zwecke veruntreut haben.

Konkret habe Ghosn mutmaßlich Aktienberichte getürkt und sowohl sein Einkommen als auch Investitionen falsch dargestellt. Dadurch könnte sich der 64-Jährige um fünf Milliarden Yen bereichert haben. Das sind etwa 40 Millionen Euro.

Die Vorwürfe wiegen so schwer, dass Ghosn noch am Montag in Japan festgenommen wurde. Nissan will sich unverzüglich von dem Manager trennen. Die Verhaftung und bevorstehende Entlassung von Ghosn gleicht einem Erdbeben, das die gesamte Automobilwelt heftig durchschütteln dürfte. „Da bahnt sich ein riesiger Skandal an“, fürchtet Frank Schwope, Analyst bei der NordLB. Denn Ghosn ist nicht irgendwer.


Als Chef der Allianz der drei Fahrzeughersteller Renault, Nissan und Mitsubishi Motors befehligt der Manager ein Heer aus mehr als 450.000 Mitarbeitern in nahezu 200 Ländern. Rund 10,6 Millionen Fahrzeuge verkauft seine Truppe pro Jahr und liefert sich damit beim Absatz ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Volkswagen um die Krone des größten Fahrzeugherstellers der Welt.

Die jetzt bekannt gewordenen Vorwürfe gegen Ghosn „werfen einen Schatten auf das Bündnis“, erklärt Schwope. Der Kapitalmarktexperte erwartet „deutliche Auswirkungen“ auf das operative Geschäft. Die Börse reagierte entsetzt. Der Aktienkurs von Nissan sackte am Montag zwischenzeitlich um mehr als fünf Prozent ab, jener von Renault sogar um fast zwölf Prozent.

In Frankreich treibt die Affäre nicht nur den Kapitalmarkt um, sondern die Regierungsspitzen. Schließlich ist der französische Staat mit etwa 15 Prozent an Renault beteiligt. Präsident Emmanuel Macron äußerte sich vage. Er erklärte, der französische Staat blicke „sehr wachsam“ auf „die Stabilität“ des Autobauers und die Zukunft der Allianz mit Nissan. „Es ist zu früh, etwas über den Wahrheitsgehalt der Anschuldigungen zu sagen“, erklärte Macron. Ihm seien keine Details bekannt.

Die Aufsichtsratsgremien von Renault wollen sich alsbald mit der Causa befassen. Erhärten sich die Vorwürfe aus Japan, scheint Ghosn auch in Paris nicht länger tragbar. Auch der japanische Partner Mitsubishi Motors (MMC) reagierte prompt.

„Als Antwort auf die Verhaftung von Ghosn und weil der Vorwurf des Fehlverhaltens mit Fragen der Unternehmensführung und Compliance verbunden ist, schlägt der Vorstand vor, Ghosn sofort von seiner Position als MMCs Verwaltungsratsvorsitzendem und repräsentativem Direktor zu entbinden“, teilte das Unternehmen kurz vor Mitternacht japanischer Zeit mit. Das Unternehmen wolle zudem prüfen, ob Ghosn auch bei MMC gegen die Regeln verstoßen habe.


Es ist ein beispielloser Absturz. Bis zu seiner Festnahme war Ghosn in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft hoch angesehen. Die Berater von Pricewaterhouse Coopers zählten ihn mehrmals zu den Managern mit dem weltweit größten Renommee. In Japan wurde sein Leben in einem Manga-Comic verewigt.

Mit Daimler-Chef Dieter Zetsche pflegt er eine „harte, aber herzliche Männerfreundschaft“. In Frankreich gilt er als „Le Cost Killer“, der Nissan vor dem Ruin bewahrt und Renault in die Zukunft geführt hat. „Ohne Ghosn gäbe es Renault heute in dieser Form wahrscheinlich gar nicht“, erklärt Professor Ferdinand Dudenhöffer.

Ghosn ist ein Aufsteiger par excellence. Der Franzose mit libanesischen Wurzeln wurde in Brasilien geboren. Sein Credo: „Ein Leader ist jemand, der Leistung bringt.“ Ghosn gilt als Arbeitstier. In Paris am Renault-Sitz tauche er oft gegen 7.30 Uhr auf, nachdem er schon einige Stunden gearbeitet habe, berichtet die Zeitung „Le Figaro“.

Der Vater von vier Kindern war schon immer höchst ehrgeizig, spricht angeblich sieben Sprachen. Er hat ein Diplom der französischen Eliteschule Polytechnique, begann seine Karriere beim Reifenhersteller Michelin und stieg schnell zur Nummer zwei auf. 1996 wurde er vom damaligen Renault-Chef Louis Schweitzer abgeworben, der ihn schon als seinen eigenen Nachfolger sah.

Der Gründer der Dreierallianz

Doch Ghosn wechselte 1999 von Renault an die Spitze von Nissan, um den verschuldeten Konzern aus der Krise zu führen. 2005 eroberte Ghosn dann auch Renault. Die Franzosen sind mit Nissan durch Überkreuzbeteiligungen verbunden. Ghosn ist die treibende Kraft hinter dem Autobund von Renault, Nissan und Mitsubishi. Er hat die Dreierallianz aufgebaut. Wie es nun weitergeht, ist unklar.

In Yokohama versucht Nissan-Chef Hiroto Saikawa, die eigene Belegschaft zu beruhigen: „Wir erwarten keinen großen Einfluss auf das operative Geschäft von Nissan.“ Beim Bündnispartner Renault erwartet Saikawa hingegen schwerwiegende Folgen.

„Dies wird einen großen Einfluss auf Renault haben“, prophezeit der Manager. Gleichzeitig betont Saikawa, dass die Allianz mit Renault und Mitsubishi fortbestehen werde. Er kündigte enge Gespräche mit den führenden Köpfen der Partnerkonzerne an und will – wenn notwendig – sofort handeln.

Saikawa schloss unterdessen ein weiteres Köpferollen bei Nissan nicht aus. Es werde einen unabhängigen Untersuchungsausschuss geben, der die Affäre aufarbeiten soll. „Wir müssen ernsthaft und sofort analysieren, was in der Vergangenheit passiert ist, und reagieren“, erklärte Saikawa. Fix ist: Neben Ghosn muss auch der „Meister des Vorfalls“ gehen. Dabei handelt es sich um Greg Kelly, Representative Director bei Nissan.

Den Hauptgrund, warum es überhaupt so weit kommen konnte, will Saikawa bereits ausgemacht haben: die große Machtfülle von Sonnenkönig Ghosn. Der Franzose habe zwar anfangs Großes geleistet, gestand er zu. Aber in den späteren Jahren habe es Plus- und Minuspunkte gegeben. Und Nissan werde die negativen Einflüsse beseitigen, namentlich „die übergroße Konzentration der Macht“.


Sie sei ein Ergebnis der langen Amtszeit des früheren Chefs, meinte Saikawa. „In der Zukunft wollen wir sicherstellen, dass wir nicht von einzelnen Individuen abhängen.“ Der Fall gebe Nissan nun die Gelegenheit, die eigene Arbeitsweise zu überdenken.

Nissan trifft der Skandal um Ghosn zwar hart. Doch im Gegensatz zu Renault steht der Autobauer nicht plötzlich ohne einen Konzernchef da. Bei den Franzosen sollte in den kommenden Jahren erst ein Nachfolger aufgebaut werden. Der französische Staat wollte gern einen Franzosen an der Spitze sehen. Doch Ghosn war immer noch darauf bedacht, seine Machtfülle zu erhalten.

Er hatte entschieden, Thierry Bolloré bei Renault zur neuen Nummer zwei zu ernennen. Dieser war bisher für Wettbewerbsfragen zuständig. Der 55-jährige Franzose arbeitet seit 2012 bei Renault, davor war er bei den französischen Zulieferern Faurecia und Michelin tätig.

Ghosn hatte sich damit eine Person in seinem Schatten ausgesucht, denn Bolloré trat in der Öffentlichkeit bislang eher selten in Erscheinung. Mit internen Konkurrenten hatte Ghosn in der Vergangenheit immer kurzen Prozess gemacht. Er beförderte den heutigen Peugeot-Chef Carlos Tavares 2013 vor die Tür, als dieser öffentlich Ambitionen auf den Chefsessel anmeldete. Für Bolloré war es bisher deshalb schwierig, eigene Akzente zu setzen.

Nun könnte er möglicherweise schon eher ins Spiel kommen als 2022, so lange lief Ghosns Mandat noch. Ausgeschieden bei Renault ist der deutsche Stefan Müller, als Chief Performance Officer Mitglied des Renault-Vorstands. Müller galt lange als möglicher Kronprinz. Er verließ das Unternehmen laut eigenen Angaben aus gesundheitlichen Gründen. Tatsächlich könnte aber wohl die falsche Nationalität der Grund sein.

Bei Nissan Amt übergeben

Bei Nissan hatte Ghosn ab Oktober 2016 sein Amt schrittweise an Hiroto Saikawa übergeben und sich auf das Amt des Verwaltungsratsvorsitzenden zurückgezogen. Saikawa wurde erst Co-CEO und dann im April 2017 zum neuen Nissan-Chef.

Als einen Grund gab Ghosn damals an, dass er sich nach der Übernahme des angeschlagenen Autobauers Mitsubishi Motor auf den Neuerwerb und die Allianz konzentrieren wolle. Ghosn hatte einen Skandal um manipulierte Verbrauchsdaten bei Mitsubishi Motors genutzt, um den Spezialisten für SUVs und Kleinwagen in die Allianz einzuordnen. Damit schloss die trilaterale Allianz beim Absatz zu Toyota, VW und GM auf.

Allerdings geriet auch Ghosn schnell durch Skandale bei Nissan in die Kritik. Erst flog auf, dass die Endabnahme von Autos für den japanischen Markt teilweise von Mitarbeitern durchgeführt worden war, die noch nicht die firmeninterne Prüfung zum Inspektor absolviert hatten.

Nissan rief daraufhin in Japan 1,2 Millionen Autos zu Nachprüfungen in die Werkstätten zurück. Die firmeninternen Untersuchungen wurden ausgedehnt. Ein Ergebnis war dieses Jahr der Befund, dass Mitarbeiter auch an anderen Punkten Prüfungen von Emissionen und anderen Eigenschaften nicht vorschriftsgemäß durchgeführt hatten. Als einen Grund für das Fehlverhalten der Mitarbeiter gab das Unternehmen Kostendruck an.

In der japanischen Presse war am Montag, trotz der landesüblichen Zurückhaltung in der Wortwahl, deutliche Kritik an Ghosn als Führungskraft erkennbar. Für besondere Aufregung sorgt im Land, wo Konzernbosse im Vergleich zu anderen Industrienationen eher gering vergütet werden, Ghosns Bezahlung.


„Die Entlohnung von Ghosn war schon lange umstritten“, betonte das „Nihon Keizai Shimbun“ (Nikkei), die nach Auflage größte Wirtschaftstageszeitung der Welt. So habe dieser im Geschäftsjahr 2017 jeweils 735 Millionen Yen (5,7 Millionen Euro) von Nissan, 227 Millionen Yen (1,76 Millionen Euro) von Mitsubishi und 7,4 Millionen Euro von Renault eingenommen.

Zudem waren dies schon geringere Bezüge als von Ghosn erhofft, nachdem die Aktionäre 2016 gegen dessen Paket gestimmt hatten. Für dieses Jahr stimmte die französische Regierung, die an Renault 15 Prozent hält, erst zu, als Ghosn zu einer Reduktion um ein Drittel bereit war.

Das „Yomiuri Shimbun“, die auflagenstärkste Tageszeitung der Welt, stellte dem an hohen Einkünften stark interessierten Manager sein Image als „Kostenreduzierer“ gegenüber, mit dem Ghosn sich lange Zeit als Sparfuchs profiliert hatte.

„Der Verlust des Ansehens ist ein schwerer Schlag“, titelte das „Sankei Shimbun“ auch im Bezug hierauf. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk NHK, der zur Neutralität verpflichtet ist, konzentrierte sich neben einer Betonung auf die hohen und zudem deutlich unterschlagenen Einkünfte Ghosns auf mögliche Folgen für Nissan: Den Konzern werde diese Affäre „stark belasten“.

Nun tauchen Fragen auf, ob Ghosn schon länger wusste, dass Ungemach auf ihn zukommt? Schließlich kokettierte der Franzose schon vor Monaten mit einem vorzeitigen Abtritt. Er wollte noch vor 2022 seinen CEO-Posten bei Renault räumen, erklärte er einmal. Chairman von Renault und der Allianz mit den Japanern wollte er allerdings weiter bleiben. Auch damals war schon die Höhe der Bezahlung ein zentrales Thema.

Präsident Emmanuel Macron hatte sogar schon 2016 als Wirtschaftsminister darauf gedrängt, die Bezahlung von Ghosn zu kürzen. Doch Ghosn als Allianzchef war ein Trumpf, deshalb konnte er sich viel erlauben. Ghosn drängte seit Langem auf eine Fusion zwischen Renault und Nissan, er wollte den Bund noch enger verknüpfen.

Er hatte vorgeschlagen, dass der französische Staat seinen Einfluss bei Renault aufgibt. Doch der französische Staat war skeptisch. Nun scheint ein völliger Zusammenschluss der beiden Konzerne weiter entfernt denn je.