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Der Cannabis-Boom erreicht die Wall Street

Die schrittweise Legalisierung von Cannabis lockt in den USA Unternehmer und Hedgefonds auf den Markt – doch die unklare Rechtslage hat kuriose Folgen.

Viele US-Staaten haben die Droge zum Freizeitgebrauch freigegeben. Foto: dpa

Hussein Rakine wird umringt wie ein Star. Der Mann mit den muskulösen Armen und den gegelten schwarzen Haaren könnte glatt als Boxprofi durchgehen. Dabei verkauft er eigentlich nur Süßigkeiten.

Der Unternehmer hat den prominentesten Stand auf dem Cannabis World Congress in New York. Hier, in der großen Messehalle, dem Jacob-Javits-Center, am Rande von Manhattans Büroviertel Midtown finden auch die Spielwaren- und die Automesse statt.

Doch an drei Tagen Ende Mai gehört ein Großteil der Ausstellungsfläche der Branche, in der auch Rakine zu Hause ist. Mit den vielen Gummibärchen-Sorten, die er zum Probieren in edlen Glasbehältern aufgestellt hat, sieht sein Stand aus wie ein Süßwarenladen. Der Schriftzug seines Unternehmens „Just CBD“ prangt in großer Leuchtschrift von der Wand.

CBD steht für Cannabidiol, ein nicht-psychoaktives Produkt der Hanfpflanze, das gegen Krämpfe, Schlafstörungen und Übelkeit helfen soll. Die Gummibärchen sind mit CBD beträufelt – dank eines neuen Gesetzes darf der Stoff überall in den USA verkauft werden.

In die kleine Menschentraube, die Rakine umringt, haben sich auch zwei Manager der New Yorker Investmentbank Oppenheimer gemischt. In Anzug, Hemd und Rucksack fallen sie in der Menge kaum weiter auf. Diskret tauschen sie mit Rakine Visitenkarten aus. „Falls ihr Investoren braucht, meldet euch auf jeden Fall“, sagt einer, doch Rakine winkt ab.

Das Unternehmen sei derzeit nicht auf Geld von außen angewiesen. Für Unternehmen wie „Just CBD“, das Produkte aus Florida ins ganze Land verschickt, sind es geradezu paradiesische Zeiten. „Im vergangenen Jahr sind wir um 2000 Prozent gewachsen“, verrät Rakine und grinst.

Cannabis boomt wie aktuell kaum eine andere junge Branche. Ein Markt, der bisher Hinterhofdealern und Headshop-Besitzern mit Rastazöpfen vorbehalten war, hat in wenigen Jahren neue Start-ups, neue Produkte, neue Versprechen für Investoren vorgebracht.

Während sich die Szene in Deutschland gerade erst formiert, lässt sich in den USA bereits seit mehreren Jahren bestaunen, wie sich Cannabis von der Kifferdroge zum Lifestyle-Produkt wandelt – und welche Kuriositäten die langsame Reaktion darauf von Politik und Regulierern hervorbringt. Dabei ist ein wichtiger Unterschied zu beachten: THC ist jener Wirkstoff der Cannabispflanze, der high macht, CBD wirkt entspannend, führt jedoch nicht zum Rausch.

In den USA soll der Markt allein für CBD-Produkte bis 2025 auf 16 Milliarden Dollar wachsen, wie aus einer aktuellen Studie der Investmentbank Cowen hervorgeht. 2018 lag der Umsatz Schätzungen zufolge nur bei rund zwei Milliarden Dollar. Was lockt, sind die gewaltigen Margen in der Branche. „30 bis 35 Prozent Ebit-Margen sind bei vielen Unternehmen normal“, sagt Cowen-Analyst Gerald Pascarelli. Cannabis-Unternehmer locken mit zukünftigen Gewinnen wie sie einst die „Moonshine“-Brenner während der Prohibition erzielten.

Das liegt auch daran, dass die Prohibition bei Cannabis noch gar nicht richtig aufgehoben ist. Auf der Bundesebene wird Marihuana, die getrockneten Blüten der weiblichen Hanfpflanze, die den high-machenden Stoff THC enthalten, weiter als eine illegale Droge eingestuft wie Heroin und LSD.

Doch in den vergangenen Jahren haben mehr und mehr US-Bundesstaaten Marihuana für den medizinischen und Freizeitgebrauch legalisiert. Colorado und Washington, die den Freizeitgebrauch 2014 erlaubten, sind seitdem neun Staaten gefolgt. Für den medizinischen Gebrauch, etwa als Schmerzmittel, ist Marihuana sogar in 33 Staaten legal.

Auch die Wall Street ist auf den Trend bereits aufmerksam geworden: Mehrere Cannabis-Firmen sind schon börsennotiert, etwa Aurora Cannabis, Canopy Growth und Cronos, an dem der Philip-Morris-Mutterkonzern Altria beteiligt ist. An deren Kursen lässt sich ablesen, wie rasch sich Rausch und Ernüchterung in der Branche noch abwechseln: Alle Aktien haben ihren Wert in diesem Jahr schon mindestens einmal verdoppelt, alle haben seitdem einen Großteil ihrer Gewinne wieder abgegeben.

Vivien Azer, Analystin der Investmentbank Cowen, hält Aurora für das am besten für das internationale Wachstum aufgestellte Unternehmen, auch in Deutschland ist Aurora schon aktiv. Zuletzt steigerte das Unternehmen seinen Umsatz um 370 Prozent, ist aber noch nicht profitabel.

Was die Börsenpioniere unter den Cannabis-Unternehmern außerdem verbindet: Sie haben ihren Hauptsitz in Kanada und sind an der dortigen Börse notiert, weil US-Unternehmen, die Produkte mit THC vertreiben, nicht an der Nasdaq und der New York Stock Exchange gehandelt werden dürfen. Amerikas Nachbarland im Norden dagegen hat 2018 als zweiter Staat der Welt den Anbau, Verkauf und Gebrauch von Cannabis legalisiert.

Doch der Markt, den es zu erobern gilt, ist global: In Deutschland ist Marihuana für den medizinischen Gebrauch seit März 2017 bei schwerkranken Menschen zugelassen und wird auch von den Kassen erstattet. Seitdem steigen nicht nur die Importe für die getrockneten Blüten rasant.

Auch das Mittel Dronabinol des Naturarzneimittelherstellers Bionorica hat seinen Absatz vervielfacht. Im vergangenen Jahr wurden laut Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen mehr als 185.000 Verordnungen für cannabishaltige Zubereitungen wie Dronabinol, Blüten und Sativex erteilt.

Der deutsche Markt wird interessant

Das Analysehaus Brightfield Group schätzt, dass der Umsatz mit medizinischem Marihuana in Deutschland von 73 Millionen Dollar Umsatz im vergangenen Jahr auf 2,7 Milliarden Dollar im Jahr 2023 steigen wird, der für CBD-haltige Produkte von 38 Millionen auf 605 Millionen Dollar.

Deshalb ist der deutsche Markt auch für die Unternehmen aus Nordamerika interessant geworden. Canopy, Aurora, Aphira und andere haben sich mit mehreren kleineren Übernahmen, unter anderem von Importeuren, hierzulande eingekauft. Einen vorläufigen Höhepunkt markierte im Mai die Übernahme der Cannabis-Aktivitäten des Mittelständlers Bionorica an Canopy Growth für knapp 226 Millionen Euro.

Aurora und andere kanadische Unternehmen wollen auch Cannabisblüten in Deutschland anbauen, die erste Ernte wird im vierten Quartal 2020 erwartet. Dass Marihuana in Deutschland ebenfalls für den Freizeitgebrauch legalisiert werden könnte, gilt auf absehbare Zeit als unwahrscheinlich. Diverse Anträge von Grünen, FDP und der Linken wurden erst Anfang Juni im Gesundheitsausschuss des Bundestages abgelehnt.

In den USA führt die ambivalente Gesetzeslage zu kuriosen Widersprüchen: „Wer ein neues Unternehmen gründen will, braucht ein Bankkonto“, sagt Christian Hageseth. Der hochgewachsene Mann mit den breiten Schultern und dem prononcierten Kiefer hat in Colorados Hauptstadt Denver „One Cannabis“ gegründet, eine erfolgreiche Kette von Cannabisläden.

Eigentlich müssten sich Banken um ihn als Kunden reißen. Doch für die großen Institute sind die US-Bundesgesetze maßgeblich. Wer Marihuana verkaufen oder anbauen will, kann damit nicht einfach ein Geschäftskonto bei JP Morgan Chase oder Wells Fargo eröffnen.

Lange Zeit war die Branche deshalb ein „All-Cash Business“. Hageseth lagerte die Umsätze, die er mit Joints oder mit THC beträufelten Süßigkeiten verdiente, in einem großen Safe und ließ das Bargeld von bewaffneten Sicherheitsdiensten abholen. Obwohl Marihuana in Colorado legal ist, fahren jeden Monat gepanzerte Geldtransporter bei der Steuerbehörde vor. 1,2 Millionen Dollar Umsatz machte Hageseth im vergangenen Jahr mit One Cannabis. Die Kosten dafür, die Bank durch Sicherheits- und Kurierdienste zu ersetzen, schätzt er auf 20.000 Dollar im Monat.

Wie groß die Angst auch bei kleineren Banken vor Compliance- und Anti-Geldwäsche-Verstößen ist, wurde bei einer Anhörung des US-Repräsentantenhauses im Februar klar. So lehnt es die State Bank Northwest aus dem Bundesstaat Washington ab, den regionalen Energieversorger als Kunden zu haben, weil dieser schließlich auch Apotheken zu seinen Kunden zählt.

„Wir würden uns sonst zusätzliche Rechtsrisiken und Compliance-Prozesse aufladen“, erklärte Bankchef Gregory Deckard den Abgeordneten. Andere regionale Banken und Kreditgenossenschaften haben sich dagegen in Absprache mit dem US-Finanzministerium und der Regierung ihrer jeweiligen Bundesstaaten in das Feld vorgewagt, das rechtlich eine Grauzone ist.

Die Credit Union in Colorado hat ihr Geschäft mit Cannabis-Unternehmern in eine separate Einheit ausgelagert: Safe Harbor ist in mittlerweile zehn Bundesstaaten aktiv, ihre Kunden aus der Cannabisbranche machten im vergangenen Jahr 1,2 Milliarden Dollar Umsatz. Nur wer bestimmte Vorschriften erfüllt und Nachweise erbringen kann, um jeden Verdacht der Geldwäsche auszuräumen, darf ein Konto bei Safe Harbor eröffnen.

„Wir sind die neugierigsten Banker, die es gibt“, sagt Michael O’Neill, der das Compliance-Programm der Bank leitet. Bis die Politik eine umfassende Lösung anbietet, nutzen Geldgeber kreative Umwege: Al Robertson vom Immobilienfinanzierer Leaf Funding etwa nimmt Immobilien der Cannabis-Unternehmer als Sicherheit. „Wer zum Beispiel schon ein Gewächshaus oder einen Laden besitzt, kann das beleihen und einen Kredit von uns bekommen“, erklärt er.

Kredite mit zwölf Prozent Zinsen

Das ist laut Robertson legal, weil er nichts mit dem Verkauf von Marihuana selbst zu tun hat, sondern nur mit den Immobilien in Kontakt kommt. Das Kalkül ist einfach und – für ihn – lukrativ: Die Kredite sind typischerweise bis zu fünf Millionen Dollar schwer. Er fordert zwei Prozent Anzahlung und stattliche zwölf Prozent Zinsen pro Jahr.

Auf die Idee, die Branche könnte etwas mit Illegalität zu tun haben, würde man auf der New Yorker Cannabis-Messe nicht kommen. Dort lässt sich beobachten, wie sich die Branche in den vergangenen Jahren professionalisiert hat. Statt Ex-Hippies im Batik-Shirt tragen viele Anzug, einige sogar Krawatte.

Gerade CBD-Produkte gibt es in immer exotischeren Variationen: Honig, Kaffee und Energiedrinks, die CBD enthalten, Cremes, Schokolade und Müsliriegel. Daneben Anbieter für Verpackungen, damit die Produkte möglichst serös und hochwertig wirken. Und Anwaltskanzleien, Steuerberater und Labore, die die Inhaltsstoffe zertifizieren.

Doch weil die Branche lange unreguliert war, gab es in den vergangenen Jahren auch immer wieder Skandale um Produkte, die hohe Mengen an Pestiziden und Schwermetallen enthielten. Die Arzneimittelbehörde FDA lud Ende Mai wichtige Branchenvertreter zu einer ersten Anhörung nach Washington.

Die Branche ist längst zu groß geworden, um ihr weiterhin freie Hand zu lassen. Die schärfere Überwachung kann auch eine Chance sein: Josh Epstein, CEO des CBD-Produzenten Socati, hofft, dass dadurch die schwarzen Schafe verschwinden. „Wir sind in einer kritischen Phase“, sagt Epstein, dessen Firma Nahrungshersteller beliefert und gerade von Hedgefonds 40 Millionen Dollar eingesammelt hat.

Der Gründerboom überdeckt jedoch, dass der medizinische Nutzen von Cannabis unter Ärzten, Wissenschaftlern und Nutzern noch immer leidenschaftlich diskutiert wird – und neben Panschern auf dem Markt auch Quacksalber unterwegs sind, die Marihuana alle möglichen therapeutischen Zwecke zuschreiben.

Eine Umfrage im Bundesstaat Pennsylvania zeigt, dass Patienten in mehr als der Hälfte der Fälle Marihuana für chronische Schmerzen verwenden, 14 Prozent für posttraumatische Belastungsstörungen, andere für Multiple Sklerose, Reizdarm oder Epilepsie. Klinische Studien fehlen oft – auch weil es für Mittel, die auf Bundesebene als illegal eingestuft sind, kein Geld für Langfrist-Studien gibt.

Viele Amerikaner verlassen sich daher immer noch auf ihre„Bud-Tender“ genannten Verkäufer, die Marihuana-Erfahrungen anderer Kunden und im Zweifel auch eigene weitergeben können. Auf dem neuesten wissenschaftlichen Stand ist das selten, was Nutzen und vor allem Gefahren angeht: Der deutsche Berufsverband der Frauenärzte warnte erst am Dienstag davor, Marihuana in der Schwangerschaft zu konsumieren, da es das Gehirn des Embryos verändern könne.

Ähnlich schwammig ist die wissenschaftliche Meinung zum kürzlich legalisierten CBD. „Studien zeigen, dass es Patienten mit Schlafstörungen dabei hilft, einzuschlafen und durchzuschlafen“, erklärt Mediziner Peter Grinspoon in einem Beitrag für die Harvard Medical School. Es seien aber weitere Studien nötig, um diese Behauptungen mit Substanz zu unterlegen.

Appetitanregend und -zügelnd

Indessen sind die Hersteller von CBD-Produkten längst kreativ dabei geworden, ihre Produkte zu bewerben. „Es hilft auch beim Abnehmen“, behauptet die Verkäuferin von Elixinol auf der New Yorker Cannabis-Messe sicher. Die Yoga- und Pilateslehrerin ist erst vor einem halben Jahr in die Branche gewechselt und vertreibt nun für einen CBD-Hersteller Tropfen, Cremes und Kapseln.

„Wer besser schläft und sich nicht so viele Sorgen macht, isst tagsüber auch nicht so viel“, erklärt sie. Genauso gut könne CBD jedoch bei Bedarf auch die umgekehrte Wirkung entfalten. „Eine Bekannte von mir hat Krebs und die Tropfen helfen ihr, ihren Appetit nicht zu verlieren.“

Wie immer, wenn Goldgräberstimmung herrscht, sind ernsthafte und zweifelhafte Unternehmer unterwegs. Globale Chancen treffen auf die Unsicherheit, die die fehlende Forschung und widersprüchliche Gesetze schaffen. Und wo Unsicherheit herrscht, profitiert zumindest ein Berufszweig verlässlich: die Anwälte.

Eine Reihe von Kanzleien und Beratern haben sich auf die unsichere und unbeständige Rechtslage spezialisiert. Dazu gehört auch Sichenzia Ross Ference LLP. Marc Ross, Mitgründer der Kanzlei, hat nach anfänglichen Zweifeln eine ganz neue Geschäftsquelle entdeckt. Ross ist zuversichtlich, dass die Cannabisprodukte bald auch bundesweit legalisiert werden. „Bargeld zieht Kriminalität an“, glaubt er. Daher sei es im Interesse der Politiker, der Branche Zugang zu Bankdienstleistungen zu geben.

Einen Gesetzesentwurf im demokratisch geführten US-Repräsentantenhaus gibt es bereits. Über den könnte Ende Juni abgestimmt werden. Auch der Finanzausschuss hat seine Unterstützung signalisiert. Doch im Senat, der mehrheitlich von den Republikanern geführt wird, ist mit Widerstand zu rechnen. Angesichts drängender Probleme wie dem Handelsstreit mit China, der Immigrationskrise mit Mexiko und dem Konflikt am Golf von Oman haben die Politiker in Washington auch kaum Kapazitäten, sich mit dem Thema tiefer zu befassen.

Dabei hätte Anwalt Ross eine kreative Idee für den US-Präsidenten und seine Republikaner. „Wenn Trump Geld für seine Mauer will, kann er einfach Cannabis legalisieren und besteuern.“

Mehr: Die kanadischen Unternehmen Aurora und Aphria erhalten Zuschläge für die Produktion in Deutschland. Die Blüten kommen aus Leuna und Neumünster.

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