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6000 Insolvenzen oder mehr: Bundesbank warnt vor Pleitewelle

·Lesedauer: 7 Min.

Deutschlands Notenbank rechnet 2021 mit einem heftigen ersten Quartal. Bundesbank-Vize Buch fordert die Banken auf, die Firmen trotz höherer Kreditausfälle weiter mit Kapital zu versorgen.

Anfang 2021 wird die Zahl der Insolvenzen nach Schätzungen der Bundesbank stark steigen. Das würde auch die Banken treffen. Foto: dpa
Anfang 2021 wird die Zahl der Insolvenzen nach Schätzungen der Bundesbank stark steigen. Das würde auch die Banken treffen. Foto: dpa

Die Folgen der Corona-Pandemie haben deutsche Unternehmen spürbar getroffen: Das Herunterfahren der Wirtschaft hat für einen der größten konjunkturellen Einbrüche der Nachkriegszeit gesorgt. Weit weniger eindeutig sind hingegen bisher die Auswirkungen auf das Finanzsystem.

Das liegt vor allem an der temporären Aussetzung der Insolvenzantragspflicht seit dem Frühjahr. Bislang wurden in diesem Jahr sogar zeitweise weniger Insolvenzen gemeldet als 2019. Ende September ist die Sonderregelung jedoch größtenteils ausgelaufen. Die Bundesbank erwartet daher, dass sich das Bild bald ändert. „Unsere Simulationen sagen voraus, dass die Insolvenzen und Wertberichtigungen in Zukunft steigen werden“, sagte Bundesbank-Vizepräsidentin Claudia Buch bei der Vorstellung des Finanzstabilitätsberichts der Notenbank.

Für das erste Quartal 2021 rechnet die Bundesbank in ihrem Basisszenario mit 6000 Insolvenzen. Das wäre ein Anstieg um mehr als 35 Prozent, aber weniger als in der globalen Finanzkrise, als etwa 8000 Unternehmen pro Quartal pleitegingen. Die Wertberichtigungen der Banken dürften sich dadurch nach ihrer Schätzung auf rund 13 Milliarden Euro vervierfachen. Dieses Szenario sei für die Kreditinstitute verkraftbar.

Allerdings hält Buch auch einen deutlich stärkeren Anstieg der Insolvenzen für möglich. „Wir können nicht ausschließen, dass in einem ungünstigen Szenario deutlich mehr Unternehmen zahlungsunfähig werden als derzeit erwartet.“

Für die Banken hat das erhebliche Folgen: Steigt die Zahl der Insolvenzen, leiden sie unter Kreditausfällen und höheren Wertberichtigungen. Die Gefahr ist, dass sie deshalb ihre Kreditvergabe einschränken und sich dadurch die wirtschaftlichen Probleme in der Krise weiter verstärken.

Wie bedrohlich die Situation für die Banken in Europa werden könnte, hat gerade erst der oberste Bankenaufseher der Euro-Zone, Andrea Enria, klargemacht. „In einem Extremszenario mit einer zweiten Welle von Infektionen und Eindämmungsmaßnahmen könnte es laut unseren Berechnungen faule Kredite im Umfang von 1,4 Billionen Euro geben“, sagte der Bankenaufseher der Europäischen Zentralbank (EZB) dem Handelsblatt. Das wäre mehr als nach der letzten Finanzkrise. Enria erklärte, es sei „noch zu früh, um dieses Extremszenario auszuschließen“.

Nimmt durch mehr Insolvenzen der Druck auf die Banken zu, haben sie in der Regel zwei Möglichkeiten, dies zu kompensieren. Einerseits können sie Risiken in der Bilanz abbauen, indem sie weniger Kredite vergeben. Aus volkswirtschaftlicher Sicht wäre das jedoch problematisch. Denn damit würde es für Unternehmen ausgerechnet in der Krise schwerer, an Kredite zu kommen.

Dies birgt die Gefahr einer Abwärtsspirale: Der Abschwung könnte sich verstärken, was dazu führen würde, dass Banken noch höhere Kreditausfälle und Wertberichtigungen zu beklagen hätten. Bundesbank-Vizepräsidentin Claudia Buch plädiert daher für einen anderen Weg: „Banken sollten ihre vorhandenen Kapitalpuffer nutzen, um weiterhin angemessen Kredite zu vergeben.“

Neben den mindestens vorgeschriebenen Kapitalanforderungen haben die Institute nämlich seit der Finanzkrise zusätzliche Puffer für Krisen angelegt. Im März hatte die EZB-Bankenaufsicht ihnen erlaubt, bestehende Kapital- und Liquiditätspuffer voll zu nutzen, damit die Geldhäuser ihre Kreditschleusen offenhalten. Außerdem dürfen sie auch bestimmte Kapitalinstrumente, die zuvor nicht als Kernkapital anerkannt wurden, zur Erfüllung der Kapitalvorgaben nutzen. Wichtig sei zudem, dass sich die Banken auch am Markt Eigenkapital beschaffen können.

Welche Lasten durch die Corona-Pandemie tatsächlich auf die Banken zukommen, hängt tendenziell davon ab, wie hoch die Zahl der Insolvenzen letztlich ausfällt. Allerdings können sich beide Größen auch unterschiedlich entwickeln. Zum Beispiel weil sich die Forderungen der Banken sehr ungleichmäßig auf verschiedene Branchen verteilen. Besonders stark von der Coronakrise betroffen sind etwa Restaurants und Hotels.

Die Ausstände der Banken gegenüber ihnen machen jedoch nur etwa zwei Prozent ihres Kreditportfolios aus. Viele Industrieunternehmen sind dagegen stärker verschuldet. Zudem fallen in die Insolvenzstatistik auch Firmen, die kaum ausstehende Kredite haben.

Auf der anderen Seite steigt der Wertberichtigungsbedarf der Banken in der Regel stärker als die Zahl der Insolvenzen. Das liegt daran, dass Institute diese nicht erst bei einem Zahlungsausfall bilden müssen, sondern bereits dann, wenn ein Zahlungsverzug oder -ausfall wahrscheinlich wird. Analog zum Anstieg der Insolvenzen um 35 Prozent erwartet die Bundesbank, dass sich die Wertberichtigungen in den kommenden Quartalen von 0,2 auf 0,8 Prozent vervierfachen.

Banken ohnehin unter Druck

Wie stark einzelne Institute davon betroffen sind, hängt von ihrem Kreditportfolio ab. Also davon, wie groß ihre Kreditausstände gegenüber besonders von der Corona-Pandemie betroffenen Branchen sind. „Es können schon bei dem ein oder anderen Institut gravierende Schäden entstehen“, sagte der für die Bankenaufsicht zuständige Bundesbank-Vorstand Joachim Wuermeling. Er verwies darauf, dass viele Banken ohnehin unter Druck stehen und sich in einer Umbruchsituation befinden.

Die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank und der starke Wettbewerb auf dem deutschen Bankenmarkt dürften dazu führen, dass die Gewinne in den kommenden Jahren abschmelzen. Parallel dazu sorgt die Coronakrise auch bei Banken für mehr Tempo bei Digitalisierung.

Besonders deutlich wird das daran, dass immer mehr Kunden Bankdienstleistungen per Internet erledigen, was zum einen weitere Investitionen der Geldhäuser erfordert, zum anderen das Filialsterben noch beschleunigt. „Es ist unschön, wenn bei stotterndem Motor auch noch ein Reifen platzt“, sagte Wuermeling.

Die Einschätzung, dass die Zahl der Insolvenzen zunimmt, teilen auch Bankenvertreter: „Die Massivität des wirtschaftlichen Einbruchs im ersten Halbjahr 2020 kann durch die allgemein gestiegenen Eigenkapitalquoten der Unternehmen und die staatlichen Hilfen nur teilweise aufgefangen werden, sagt Gerhard Hofmann, Vorstandsmitglied des Bundesverbands der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR). Der BVR rechnet derzeit für 2021 mit einer um 20 bis 30 Prozent höheren Insolvenzzahl.

Optimistische Verbände

Zugleich betonte der BVR erneut, dass die Genossenschaftsbanken die Folgen steigender Firmenpleiten verkraften können. Die Finanzgruppe habe in den vergangenen zehn Jahren ihr bilanzielles Eigenkapital verdoppelt, so Hofmann. Notleidende Kredite hätten vor der Coronakrise einen Tiefststand erreicht.

Ähnlich hatten sich zuletzt die deutschen Sparkassen, die Marktführer im Geschäft mit Firmenkrediten sind, geäußert. Laut Sparkassenpräsident Helmut Schleweis können Sparkassen auch steigende Insolvenzzahlen gut verkraften. „Die Sparkassen haben die letzten Jahre, die praktisch ohne Kreditausfälle waren, genutzt, um die Rücklagen immer weiter aufzustocken. Sie sind gerüstet für Ausfälle über das bisherig Maß hinaus“, sagte er am Wochenende der Nachrichtenagentur dpa.

Auch die privaten Banken sehen sich bestätigt. Christian Ossig, Hauptgeschäftsführer des Bankenverbands, erklärte, die Geldhäuser hätten ihr Kapital kräftig aufgestockt und seien damit „gut auf die Auswirkungen der Pandemie vorbereitet“. „Uns ist klar, dass wir noch nicht über den Berg sind“, sagte er dem Handelsblatt. Ossig lobte sogar die Aufsicht: „Vor allem das besonnene Handeln der Aufsicht hat bislang viel dazu beigetragen, die Auswirkungen abzumildern und Spielräume für die Vergabe von Krediten an die Wirtschaft zu schaffen.“

Die Schätzungen der Bundesbank basieren auf Erfahrungen aus Krisen in der Vergangenheit. Ob sich diese auf die Coronakrise übertragen lassen, ist jedoch keineswegs sicher. Das macht Vorhersagen schwieriger. Anders als in der Finanzkrise, von der vor allem entwickelte Volkswirtschaften betroffen waren, werden von den Auswirkungen der aktuellen Pandemie auch Schwellenländer und die gesamte Weltwirtschaft stark in Mitleidenschaft gezogen.

Ein übliches Muster von Krisen in der Vergangenheit war zudem, dass sie zunächst das produzierende Gewerbe besonders stark trafen. Die Coronakrise setzte hingegen zunächst vor allem den Dienstleistungssektor – allen voran Restaurants, Hotels und Fluggesellschaften – unter Druck. Auch ist offen, inwieweit die Krise strukturelle Veränderungen zur Folge haben wird. Möglich ist, dass die Menschen zum Beispiel dauerhaft stärker online einkaufen, Konferenzen virtuell abhalten und vermehrt im Homeoffice arbeiten. Bundesbank-Vizepräsidentin Buch verwies in diesem Zusammenhang auf den Markt für Gewerbeimmobilien. Zuletzt seien die Preise für Büroimmobilien weniger stark gestiegen als in den Vorjahren, und die Preise für Einzelhandelsimmobilien seien sogar zurückgegangen.