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Bund fördert Kauf von mobilen Raumlüftern – und sieht zugleich Gefahren bei falscher Nutzung

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Die Regierung fördert den Kauf von mobilen Raumlüftern bei Unternehmen – und lehnt dies bei öffentlichen Gebäuden ab. Vor der Schließung bewahrt die Luftreinigung aber nicht.

CO2-Messgerät und mobiler Lüfter in einem Klassenzimmer Anfang Dezember. Mittlerweile mussten auch die Schulen in den Lockdown. Foto: dpa
CO2-Messgerät und mobiler Lüfter in einem Klassenzimmer Anfang Dezember. Mittlerweile mussten auch die Schulen in den Lockdown. Foto: dpa

Für Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) war der 20. Oktober ein freudiger Tag. Es sei „eine gute Nachricht“ für alle Wirte, dass der Bund nun den Kauf von mobilen Luftreinigungsgeräten fördere. Einige Gäste würden aus Angst vor einer Corona-Infektion nicht in Gaststätten gehen. „Mobile Raumlüfter sorgen hier für zusätzliche Sicherheit.“ Die Förderung komme „zum richtigen Zeitpunkt“.

Aiwanger hoffte, dass in der kalten Jahreszeit Luftreinigungsgeräte in den Innenräumen der Gaststätten „noch mehr Sicherheit bieten“ könnten. Doch dauerte es nur eine Woche, bis Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten der Länder sich ein zweites Mal darauf verständigten, Kneipen, Restaurants, Theater und Kinos sowie etliche Geschäfte und später auch Schulen und Kitas zu schließen.

Seit das Bundeswirtschaftsministerium die Überbrückungshilfen auf den Weg gebracht hat, können Unternehmen auf Hilfen setzen, wenn sie in mobile Luftreinigungsgeräte investieren. Ein entsprechender Passus war im Oktober klarstellend in den Frage-und-Antwort-Katalog zum Hilfsprogramm des Bundeswirtschaftsministeriums aufgenommen worden.

Gleichzeitig veröffentlichte das Ministerium zudem noch ein Förderprogramm, um die „Corona-gerechte Um- und Aufrüstung“ in öffentlichen Gebäuden zu fördern. Weitere Hilfen für Unternehmen seien mit der Überbrückungshilfe III geplant – bis zu 20.000 Euro je Maßnahme zur Luftreinigung.

Die Programme leisteten „einen wichtigen Beitrag“, damit sich niemand mit dem Coronavirus anstecke, „wo viele und wechselnde Personen aufeinandertreffen, zum Beispiel in Hörsälen und Schulaulen, in Theatern und Museen, in kommunalen Versammlungsräumen und Bürgerhäusern“, erklärte eine Sprecherin des Ministeriums. Allein 500 Millionen Euro stünden für öffentliche Einrichtungen bereit.

Opposition und Unternehmer hingegen fragen sich, warum dann aber das gesellschaftliche Leben auch lahmgelegt wird, wenn in Einrichtungen oder Unternehmen entsprechende Geräte stehen. Und vor allem: warum der Bund mobile Geräte bei Privatunternehmen fördert, nicht aber in öffentlichen Räumen.

„Der Einsatz von mobilen Luft- und Raumfilteranlagen wird offensichtlich nicht als Instrument der Krisenbewältigung berücksichtigt“, kritisierte Martin Neumann, energiepolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion. Auch knapp ein Jahr nach Beginn der Krise „stochert die Bundesregierung im Nebel“. Es fehle der Regierung ein Gesamtkonzept zur Raumlüftung.

Wie sauber wird die Luft mit mobilen Geräten?

Neumann stützt seine Kritik auf eine Antwort des Ministeriums auf eine Anfrage von ihm. Darin bestätigt das Ministerium, dass es mobile Raumlüfter kritisch sieht. Fest installierte Anlagen seien „auf die räumlichen Gegebenheiten (baulich) angepasst“, bei mobilen Geräten hingegen bestehe „die Gefahr, dass diese Gegebenheiten nicht hinreichend berücksichtigt werden, sodass der Reinigungserfolg nicht oder nur teilweise eintritt“.

Zudem müssten die Filter ordnungsgemäß gewechselt und die Geräte gewartet werden. Dies seien „weitere Herausforderungen für den verlässlichen Betrieb mobiler Geräte und damit den Infektionsschutz“.

Kritik kommt auch aus der Wirtschaft. „Unternehmen, die bestmöglichen Gesundheitsschutz für Kunden und Mitarbeiter gewährleisten können, ist nur schwer zu vermitteln, warum sie weiter geschlossen bleiben müssen“, sagte Wolfgang Grenke, Präsident des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertags, dem Handelsblatt. „Oder warum Betriebe jetzt staatlich geförderte Geräte und Material zum Gesundheitsschutz kaufen sollen, wenn die Geschäftstätigkeit stillsteht und die Öffnungsperspektive gerade wieder um zwei Wochen nach hinten geschoben wurde.“

Er erwarte „für solche Paradoxien“ Antworten. Er fordert „einen Gesamtfahrplan, der mit differenzierten, klar nachvollziehbaren Ansätzen echte Öffnungsperspektiven für notleidende Branchen aufmacht“.

Ähnlich verständnislos reagiert das Hotel- und Gaststättengewerbe. Viele Betriebe des Gastgewerbes verfügen über qualifizierte und professionelle fest eingebaute Lüftungsanlagen, die mindestens dreimal stündlich einen Luftaustausch gewährleisten“, sagte Ingrid Hartges, Hauptgeschäftsführerin des Dehoga-Bundesverbandes, dem Handelsblatt. „Dort, wo notwendig, wurden Anlagen aufgerüstet.“ Andere Unternehmer hätten neu entwickelte Luftreinigungssysteme angeschafft. Der Verband fordert ebenfalls „einen Fahrplan für die Wiedereröffnung der Gastronomie“.

Hersteller erleben Nachfrageboom

In der Tat steigt die Nachfrage nach Luftreinigungsgeräten enorm. Hersteller wie Kemper aus Vreden haben ihre Produktionskapazitäten ausgebaut und sind „komplett ausgelastet“, wie das Unternehmen mitteilte. Täglich gingen neue Anfragen ein. Sie kämen von Schulen, Instituten, Industrie, Gastronomie und anderen Bereichen. „Nächste Woche zum Beispiel stattet Kemper alle vier Grundschulen von Stadtlohn im Münsterland mit den Geräten aus.“ Die Geräte sollen laut ISO-Zertifizierung 99,995 Prozent aller Viren und Aerosole in der Luft abscheiden und tauschen die Luft sechsmal pro Stunde aus.

Kemper liefert auch in andere Bundesländer, die inzwischen alle in mobile Luftreinigungsgeräte investieren. Das Ziel: Schulen und Kindergärten sollen wieder dauerhaft öffnen. Im November etwa hatte das Land Berlin 1200 Geräte im Wert von 4,5 Millionen Euro bestellt. Sie sollen in Räumen stehen, in denen es nur schwer möglich ist zu lüften.

Erklärtes Ziel sei es, die Schulen, so weit es geht, offenzuhalten, erklärte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). In Berlin gibt es inklusive Berufsschulen 874 Schulen. Die CDU-Fraktion fordert deshalb gar, 15.000 statt 1200 Geräte anzuschaffen.

Im fränkischen Baunach stehen auch schon Geräte in den Schulen. Der Rektor der Grund- und Mittelschule sieht sich nun bestens für den Präsenzunterricht vorbereitet. Jos Lelieveld, Direktor am Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz, hält Luftreinigungsgeräte mit Hepa-Filter für ein gutes Mittel, um die Virenlast in den Räumen zu verringern. Wichtig sei es, auf die Zertifizierung zu achten. Auch müsse der Filter regelmäßig ausgetauscht werden, da dort eventuell Viren hängen können.

Außerdem müsse die Kapazität der Raumgröße angepasst sein. Natürlich müssten Tröpfcheninfektionen dennoch vermieden werden, weshalb die Kombination von Masken und Lüften sowie Luftreinigungsgeräten „empfehlenswert“ sei, wie sich aus einer umfangreichen Studie seines Instituts ergeben hat.

Luftreiniger leisten „einen wichtigen Beitrag“

Das Institut hatte eine eigene Abluftanlage gebaut, die nun in allen städtischen Mainzer Grundschulen eingebaut wird. So wurden nach Angaben der Baudezernentin Marianne Grosse (SPD) bis vergangene Woche 82 der 312 Klassenzimmer mit den Anlagen ausgestattet. Experten wie Michael Schwägerl, der Vorsitzende des Bayerischen Philologenverbandes, sagten: „Wenn es an allen Schulen Luftfilter gibt, kann man auch darüber nachdenken, wieder zum Präsenzunterricht zurückzukehren.“

Da ist es besonders ärgerlich, dass die Schulen und Kitas nun bis mindestens Mitte Februar geschlossen bleiben. Und ebenso Museen oder Theater. Das Bundeswirtschaftsministerium verweist darauf, dass es Sache der Länder sei, entsprechende Einrichtungen wieder zu eröffnen.

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