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Buhlen um die Arbeiter: Für Trump und Biden ist der Mittlere Westen Wahlkampfschwerpunkt

·Lesedauer: 5 Min.

Das geografische Herz der USA ist entscheidend für die Präsidentenwahl. 2016 konnte hier Trump siegen, Biden will die Arbeiterhochburg zurückerobern.

„Joe Biden sollte nicht um eure Unterstützung, sondern um Vergebung bitten.” Foto: dpa
„Joe Biden sollte nicht um eure Unterstützung, sondern um Vergebung bitten.” Foto: dpa

Der US-Wahlkampf in Zeiten einer Pandemie ist eine Herausforderung, das gilt besonders für den Mittleren Westen. Die Region, geografisch im Herzen der USA, ist weitläufig und politisch vielfältig. Sie beherbergt einige Bundesstaaten, die mal demokratisch, mal republikanisch wählen und die deshalb den Ausgang der Präsidentschaftswahlen entscheidend mitbestimmen. Dazu gehören Michigan, Wisconsin und Ohio – drei Staaten, die Trump 2016 überraschend gewann und denen er seinen Einzug ins Weiße Haus verdankt.

Vier Jahre später steht der Mittlere Westen wieder im Mittelpunkt. Der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden will Arbeiter, die einst für Barack Obama stimmten und ins Trump-Lager wechselten, zurückgewinnen. „Die Wahrheit ist, dass Donald Trump zwar sagte, er würde die vergessenen Männer und Frauen vertreten. Aber sobald er im Amt war, vergaß er sie selbst”, sagte Biden beim Besuch einer Aluminiumfabrik in Wisconsin.

Trump hingegen will Biden als Karrierepolitiker brandmarken, der über Jahrzehnte die Globalisierung unterstützte und damit Jobs der USA in Billiglohnländer exportierte. „Joe Biden sollte nicht um eure Unterstützung, sondern um Vergebung bitten”, sagte der Präsident bei einer Kundgebung in Ohio. „Er hat euch betrogen, belogen und missbraucht. Es ist Zeit, Biden in Rente zu schicken.”

Zwei komplett unterschiedliche Kampagnen konkurrieren im Mittleren Westen, wo überdurchschnittlich viele weiße Wähler leben. Biden, der stets Maske trägt, setzt auf Besuche in kleinen Unternehmen oder Feuerwehrstationen. Trump hält sogenannte „Fly in, fly out”-Events ab. Das sind Massenveranstaltungen, oft direkt am Rollfeld vor der Präsidentenmaschine Air Force One.

Biden beschwört einen Neustart im Krisenmanagement der Pandemie. In dieser Woche überschritten die USA erstmals die Marke von 200.000 Corona-Toten, das Land nähert sich der Zahl von sieben Millionen gemeldeten Infizierten. Trump verspricht einen schnellen Impfstoff und warnt vor einem wirtschaftlichen „Zusammenbruch der USA”, wenn Biden Steuern erhöhe und strenger reguliere.

Die anhaltenden Straßenproteste gegen Polizeigewalt und Rassismus haben auch das Thema Sicherheit an die Oberfläche gespült. Trump fährt einen harten „Law and Order”-Kurs. Biden muss die Balance halten zwischen Solidarität mit der schwarzen Community und Rückendeckung für die Polizei. Auch der Streit über die Nachbesetzung der verstorbenen Richterin Ruth Bader Ginsburg im Supreme Court befeuert den Wahlkampf auf den letzten Metern.

Kurz vor der Wahl grenzen sich beide Kandidaten auch persönlich scharf voneinander ab. Biden betont seine Wurzeln in einem Arbeiterviertel und kritisiert Milliardäre wie Trump. „Wie viele von euch habe ich einen Großteil meines Lebens mit Leuten wie Donald Trump verbracht, die auf andere herabblicken. Auf Menschen, die mit ihren Händen ihren Lebensunterhalt verdienen, die auf unsere Kinder aufpassen und Straßen sauber halten”, sagte Obamas früherer Vizepräsident bei einem Besuch in Minnesota. „Solche Leute denken, dass sie etwas Besseres sind, weil sie viel Geld haben.” Trump stellte öffentlich den mentalen Zustand Bidens infrage und suggerierte – ähnlich wie 2016 bei Hillary Clinton –, der Kandidat konsumiere Drogen.

Umfragen sehen Biden vorn

Am Ende geht es in diesem Wahlkampf um die Frage, wessen Zukunftsvision am überzeugendsten ist. Und diese Frage ist nirgendwo so relevant wie im Mittleren Westen, der bis heute unter dem Strukturwandel und dem Abstieg der Bergbauindustrie leidet. Trump gewann hier 2016 deshalb, weil er die Frustration darüber klar adressierte.

Dasselbe wiederholt er 2020. „Wenn Biden gewinnt, gewinnt China. Wenn wir gewinnen, gewinnt Ohio“, sagte Trump bei einem Wahlkampfauftritt in dem umkämpften Bundesstaat. Neben Arbeitern will Trump Landwirte mobilisieren, eine für ihn wichtige Wählergruppe. In Wisconsin kündigte der US-Präsident neue Milliardenhilfen für Bauern an.

Allerdings hat Biden gute Chancen, Trump im Mittleren Westen zu schlagen, weil er eine gewisse Glaubwürdigkeit mitbringt. Biden ist geprägt von der Finanzkrise 2009, als er gemeinsam mit Obama nicht nur Banken, sondern auch Autokonzerne vor der Pleite retten musste. Nun setzt er darauf, dass sich Trump-Wähler frustriert vom Präsidenten abwenden.

Der Handelskrieg dämpfte den Aufschwung in der Region schon 2019, die Coronakrise und die Massenentlassungen gaben ihr den Rest. Laut der Denkfabrik Economic Policy leidet das produzierende Gewerbe besonders. Der Bundesstaat Michigan etwa verlor binnen eines Jahres rund 66.500 Jobs in der Fertigungsbranche, der Rust-Belt-Staat Ohio 48.000.

Bidens Kampagne schaltet im Mittleren Westen zurzeit Werbeanzeigen, die leere Fußballstadien zeigen, versehen mit dem Text: „Trump hat Amerika an den Rand gedrängt. Lass uns wieder ins Spiel kommen.”

Bundesweit konnte Biden zuletzt mit einem hohen Spendenerfolg punkten. Im August sammelte seine Kampagne nach eigenen Angaben einen Rekordwert von 466 Millionen US-Dollar, ein Drittel mehr als Trumps Kampagne. In Ohio und Pennsylvania liegt Biden in Umfragen knapp vor Trump, in Michigan und Wisconsin etwas deutlicher.

Trumps Familienmitglieder und sein Vizepräsident Mike Pence touren unentwegt durch die Region, um konservative Wähler zu binden. Biden und seine Frau Jill sind ebenfalls sehr aktiv. Doch um die demokratische Kandidatin für die Vizepräsidentschaft, Kamala Harris, war es zuletzt ruhig geworden, sie taucht kaum im Terminkalender auf.

In Washington spekuliert man, das sei volle Absicht. Denn die indo-afroamerikanische Senatorin aus dem linksliberalen Kalifornien, so die Vermutung, könne kaum im ländlichen Mittleren Westen mobilisieren. „Harris ist über Nacht von einer historischen Kandidatur abgerutscht in die Unsichtbarkeit”, kommentierte der konservative Publizist J. T. Jung für das Magazin „The Hill”.
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