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„Brutal, aber eindeutig: Ohne Zuwanderung geht es nicht“ - zwei Ökonomen räumen mit der Wohlstandsillusion vieler Deutscher auf

Deutschland kann seinen Wohlstand nur mithilfe einer starken Zuwanderung in der Arbeitsmarkt halten. - Copyright: Picture Alliance
Deutschland kann seinen Wohlstand nur mithilfe einer starken Zuwanderung in der Arbeitsmarkt halten. - Copyright: Picture Alliance

Was haben Cafés in Innenstädten, Handwerksbetriebe am Stadtrand, Fabriken in Gewerbegebieten, Krankenhäuser, die Polizei, Schulen, Behörden und sogar Ministerien gemeinsam? Sie alle suchen Mitarbeiter. Händeringend - oder verzweifelt. Zwei Millionen Stellen können in Deutschland nicht besetzt werden. Hunderttausende ausgebildete Fachkräfte fehlen.

Der Mangel an Arbeitskräften kostet uns schon jetzt Wohlstand. Es kann weniger produziert werden. Kinder werden schlechter ausgebildet, Bedürftige schlechter gepflegt. Sogar die Preise steigen schneller, weil zum Beispiel Lkw-Fahrer fehlen und dadurch der Güterverkehr teurer wird. Überall ist der Druck zu spüren.

Doch das ist erst der Anfang. Jahr für Jahr scheiden jetzt mehr ältere Menschen aus dem Berufsleben aus, als jüngere neu in das Berufsleben starten. "Die Zahl der heute 15- bis 24-Jährigen ist um rund 500.000 kleiner als die Zahl der 55- bis 64-Jährigen", sagt Oliver Stettes vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Weil erfahrungsgemäß nur etwa 75 bis 80 Prozent eines Jahrgangs wirklich auf den Arbeitsmarkt kommen, wächst die Lücke schnell auf zwei Millionen.

Lehrerin Quereinstieg Staat
Lehrerin Quereinstieg Staat


Sein Kollege Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) schaut noch etwas weiter in die Zukunft und hat eine noch dramatischere Zahl: "Das Erwerbspersonenpotenzial in Deutschland geht von 2020 bis 2060 um ein Drittel zurück - von 47,4 Millionen auf 31,3 Millionen Menschen."

Deutschland fehlen also auf Sicht 16,4 Millionen potenzielle Arbeitskräfte.

Was tun gegen die Arbeitskräftemangel?

Wie kann diese Lücke geschlossen werden? Darüber habe ich mit zwei der besten Arbeitsmarktexperten in Deutschland gesprochen. Herbert Brücker ist Professor für Volkswirtschaft an der Berliner Humboldt-Universität und leitet beim IAB den Bereich „Migration, Integration und internationale Arbeitsmarktforschung“. Das IAB ist die Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit. Oliver Stettes leitet das Themenfeld "Arbeitswelt und Tarifpolitik" beim arbeitgebernahen IW.

Beginnen wir damit, wie sich die Deutschen den Weg aus dem Fachkräftemangel vorstellen. Das ifo Institut hat dazu 4000 Menschen gefragt: „Was ist die am besten geeignete Maßnahme zur Reduzierung des Fachkräftemangels?“, und bemerkenswerte Antworten erhalten. Die überwältigende Mehrheit von 78 Prozent favorisiert die Aus- und Weiterbildung - vor allem von Langzeitarbeitslosen. Zuwanderung in den Arbeitsmarkt nennen nur zwölf Prozent. Noch unbeliebter ist eine Ausweitung der Arbeitszeit, sei es durch einen späteren Rentenbeginn oder mehr Wochenarbeitsstunden.

Die große Illusion und die brutale Wahrheit

Aus Sicht der beiden Ökonomen sitzt die große Mehrheit der Deutschen damit einer doppelten Illusion auf: Sie unterschätzen die Tragweite des Problems für den Wohlstand des Landes und sie schätzen die Möglichkeit, die Lücke aus dem Pool der Arbeitslosen zu schließen falsch ein. "Das wird das Problem nicht lösen", sagte Stettes. "Selbst wenn wir alle inländischen Potenziale heben, reicht das nicht aus, um die Lücke zu füllen."

Brücker geht noch weiter: "Es ist vielleicht brutal, aber völlig eindeutig: Ohne Zuwanderung wird es nicht gehen."

Und wieder Stettes: "Bei vielen Menschen ist noch nicht angekommen, was passiert, wenn sich nichts ändert. Wenn wir keine Zuwanderung aus dem Arbeitsmarkt zulassen und selbst nicht länger arbeiten wollen, fehlen uns Millionen Arbeitskräfte. Dann sinkt unser Wohlstand und der verteilt sich aber auf die gleiche Zahl an Köpfen."

Wenn wir weniger Zuwanderung wollten, sei die Antwort kollektiv eigentlich klar: Wir müssen mehr arbeiten, um die Lücke zu füllen. Individuell möchten die meisten aber eher weniger arbeiten, weniger Wochenstunden und weniger Jahre bis zur Rente. "Um uns das leisten zu können, wird Zuwanderung in den Arbeitsmarkt noch wichtiger", sagte Stettes.

Deutschland braucht 500.000 Zuwanderer pro Jahr

Noch einmal zur Erinnerung: Bei unveränderter Erwerbsquote und ohne Wanderung fehlen in Deutschland 2060 rund 16,4 Millionen potenzielle Arbeitskräfte. "Durch eine längere Lebensarbeitszeit, mehr Erwerbsbeteiligung von Frauen und Älteren und mehr Vollzeit statt Teilzeit könnte das Erwerbspersonenpotenzial um 2,4 Millionen Menschen erhöht werden", rechnet Brücker vor. Fehlen immer noch 14 Millionen. Sein Fazit: Um die Lücke zu schließen, "brauchen wir eine Netto-Zuwanderung von konstant 400.000 Menschen pro Jahr."

Halt! Eigentlich sind es sogar mehr. Denn wenn nun immer mehr Menschen aus dem Berufsleben ausscheiden, steigt die Zahl der Rentner und Pensionäre. Wieder ein paar harte Zahlen: 2020 betrug das Verhältnis der Rentner zum Erwerbspersonenpotenzial 43 Prozent. "Wenn wir nichts tun, wächst es bis 2060 auf 80 Prozent", hat Brücker ausgerechnet. "Selbst bei einer Nettoeinwanderung von 400.000 Menschen im Jahr, wäre es dann immer noch 59 Prozent." Dann kämen also auf einen Rentner nicht einmal mehr zwei Erwerbstätige. "Daher bräuchten wir eher 500.000 Zuwanderer in den Arbeitsmarkt pro Jahr, um auch das Rentensystem halbwegs zu stabilisieren", urteilt Brücker.

Arbeitslose und fehlende Fachkräfte

Aber was ist denn nun mit den Arbeitslosen? Auch hier sind die beiden Forscher einig. "Es ist wichtig, Langzeitarbeitslose wieder in den Arbeitsmarkt zu bringen, auch als eine von vielen Stellschrauben gegen den Fachkräftemangel. Hier lohnen alle Bemühungen", sagt Stettes "Wir müssen natürlich alles tun, die Zahl weiter zu reduzieren, nicht nur aus wirtschaftlichen, sondern auch aus sozialen Gründen", sagt auch Brücker. "

Aber: "Aus dem Bestand an Arbeitslosen können wir die Lücke schon rechnerisch nicht schließen".

Die Daten sind eindeutig: Seit 2005 hat sich die Arbeitslosigkeit in Deutschland etwa halbiert. "2010 kamen auf eine offene Stelle noch 3,5 Arbeitslose. Jetzt sind es 1,3 - und wir nähern uns einem Verhältnis von 1:1, weil die Zahl der offenen Stellen wächst." Die meisten Arbeitslosen in der Statistik sind zudem nur sehr kurz ohne Arbeit - etwa zwischen zwei Jobs."

Bleiben die Langzeitarbeitslosen, also jene, die länger als ein Jahr ohne Arbeit sind. Es sind in Deutschland rund eine Million. Bei allen Bemühungen, da sind Stettes und Brücker sicher, kann die Zahl nicht auf null sinken. "Es gibt viele Gründe, warum jemand langzeitarbeitslos ist. Häufig physische und psychische gesundheitliche Gründe. Oft sind Menschen auch schon lange nicht mehr erwerbstätig. Da fällt die Arbeitsmarktintegration nicht leicht", sagt Brücker. "Viele dieser Personen sind aus bestimmten Gründen arbeitslos. Sie kommen nur selten für Positionen infrage, die nun frei werden, wenn die Baby-Boomer in den Ruhestand gehen", pflichtet Stettes bei.

Brückers Resümee: "Selbst wenn es gelänge, alle Langzeitarbeitslosen in den Arbeitsmarkt zu integrieren: Ihre Zahl ist viel zu klein um die wachsende Lücke an Fach- und anderen Arbeitskräften zu schließen. Wer meint, wir könnten den Fachkräftemangel aus der Gruppe der Langzeitarbeitslosen beheben, setzt leider auf die unrealistischste Option. Es geht nur mit mehr Migration"

Mehrarbeit: Am Ende der Fahnenstange in Sicht

Vielleicht aber doch mit einer deutlichen Verlängerung der Lebensarbeit? Brücker hält das Potenzial hier für begrenzt. "Beim Renteneintrittsalter müssen wir anerkennen, dass die Menschen häufig nicht länger arbeiten wollen - und oft auch nicht können". Es gehe ja nicht nur um Akademiker. "Menschen, die mit 15 oder 16 Jahren begonnen haben zu arbeiten, sind oft erschöpft".

Auch bei der Erwerbstätigkeit von Frauen werde das Potenzial eher überschätzt. "Es wird oft übersehen, dass Deutschland nach Finnland bereits die zweithöchste Erwerbstätigenquote bei Frauen in der EU hat."

Insgesamt schöpfe Deutschland das Erwerbspotenzial der Bevölkerung schon sehr gut aus, es sei "langsam das Ende der Fahnenstange in Sicht".

Was Deutschland tun muss, um den Wohlstand zu sichern

Eines ist Brücker wichtig: Dass Deutschland seinen Wohlstand durch Zuwanderung sichert, sei keineswegs neu. "Seit 2010 hat die Erwerbstätigkeit in Deutschland um rund sechs Millionen Menschen zugenommen. Davon waren etwa 3,2 Millionen Menschen Deutsche und 2,8 Millionen ausländische Staatsbürger". Ihr Anteil betrug also bereits 47 Prozent. "Ohne diese Einwanderung wäre das Wachstum im letzten Jahrzehnt sehr viel geringer ausgefallen. Auch die hohen Einnahmen des Staates und der Sozialversicherungssysteme verdanken wir dieser Entwicklung".

Die nötige Zahl von 400.000 bis 500.000 Zuwanderern im Jahr sei auch nicht illusorisch. "Seit der Wiedervereinigung haben wir in Deutschland im Durchschnitt einen Wanderungssaldo von 300.000 Menschen pro Jahr". Das zeige, dass "Deutschland per se kein unattraktives Land für Menschen aus anderen Ländern" sei, sagte Brücker. In der EU sei Deutschland das größte Einwanderungsland, bezogen auf die Bevölkerung sei der Wanderungssaldo fast so hoch wie in den USA. "Nur bei der Arbeitsmigration aus Staaten außerhalb der EU hapert es. Hier haben wir extrem niedrige Zahlen. Das weist darauf hin, dass die Steuerung der Arbeitsmigration nicht funktioniert".

Woran mag das liegen? Stettes sagt es so: "Wir brauchen Zuwanderer in unseren Arbeitsmarkt, die sich hier auch wohlfühlen. Auch hier müssen wir umdenken in den Betrieben, in den Behörden und in der Gesellschaft" Und Brücker sagt: "Am wichtigsten ist eine einfachere Anerkennung beruflicher Abschlüsse auch in Deutschland", sagt Brücker. Es gebe dafür ja Vorbilder: "Beispiele wie die West-Balkan-Regelung zeigen, dass es funktioniert." Mit der Regelung erhalten Menschen aus den Ländern im West-Balkan für jede Beschäftigung einen Zugang zum Arbeitsmarkt in Deutschland. Das Ergebnis laut Brücker: In dem betroffenen Personenkreis sind die Erwerbstätigenquoten höher und die Arbeitslosigkeit geringer als von Deutschen".