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Britische Banken geraten in der Krise auch politisch unter Druck

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HSBC, Barclays und Co. stehen in der Kritik, weil sie notleidende Firmen zu langsam mit Überbrückungskrediten helfen. Zusätzlich leiden die Bankbilanzen.

Der britische Finanzminister Rishi Sunak spart nicht an Superlativen, wenn er mal wieder ein neues Hilfsprogramm in der Coronakrise ankündigt. „Historisch“ seien die Hilfen, „nie dagewesen“ der Einsatz des Staates. Doch die Realität ist ernüchternd. Die Banken reichen das Geld nicht schnell genug weiter, klagen Unternehmen und Wirtschaftsverbände. Die Hotlines seien überlastet, die Anträge zu kompliziert, die Kreditprüfung zu strikt.

Seit dem Start des Hilfsprogramms für kleine und mittlere Unternehmen (CBILS) vor einem Monat haben die britischen Banken nicht einmal die Hälfte von 36.000 Kreditanfragen bewilligt und insgesamt nur drei Milliarden Pfund vergeben. Die durchschnittliche Kreditsumme von 170.000 Pfund deutet zudem darauf hin, dass die kleinsten Unternehmen bisher leer ausgehen.

Die Banken zögern, ihre Bücher mit neuen Risiken zu füllen. Denn die Rezession wird ihnen die Bilanzen ohnehin verhageln. Bei der Vorlage der Zahlen für das erste Quartal werden die Institute diese Woche Milliarden für erwartete Kreditausfälle zurückstellen müssen. Die Berichtssaison beginnt am Dienstag mit HSBC, gefolgt von Barclays, Lloyds und der Royal Bank of Scotland (RBS).

S & P stuft britische Banken herab

Die Rating-Agentur S & P Global stufte am Donnerstag den Ausblick für Barclays, Lloyds und RBS von „stabil“ auf „negativ“ herab. Für HSBC war der Ausblick bereits „negativ“. Die Corona-Pandemie habe im Bankensektor „mindestens kurzfristig fast alles geändert“, begründen die Analysten ihren Schritt.

Selbst wenn sich die britische Konjunktur ab dem dritten Quartal wieder erholen sollte, würden die Einnahmen, die Qualität der Vermögenswerte und in einigen Fällen auch die Kapitaldecke der Geldinstitute erheblich leiden. Die Auswirkungen würden sich voraussichtlich noch nicht in den Zahlen des ersten Quartals niederschlagen, aber im Lauf des Jahres zunehmend sichtbar werden.

Die Mischung aus höheren Kreditausfällen, gleichbleibenden Kosten und niedrigeren Zinsen wird die Banken schwer treffen. Die Bank of England hatte den Leitzins im März von 0,75 auf 0,1 Prozent gesenkt. Das drückt auf die Profitabilität des gesamten Sektors. Die Verschuldung der Privathaushalte ist zudem schon wieder so hoch wie in der Finanzkrise 2009, was nun viele in Zahlungsschwierigkeiten bringen dürfte.

Eine Bankenkrise wird dennoch nicht erwartet, weil die Geldhäuser insgesamt gut kapitalisiert sind. Durch ihren Dividendenverzicht für dieses Jahr sparen sie zudem Milliarden. Doch werden die mühsamen Fortschritte der vergangenen Jahre wieder zunichte gemacht. Für das erste Quartal rechnet UBS-Analyst Jason Napier bei Barclays, Lloyds und RBS mit Gewinneinbrüchen von mehr als 70 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Halbierung der Eigenkapitalrendite

Die Eigenkapitalrendite dürfte ebenfalls rasant schrumpfen. Bei Barclays rechnet Napier mit einem Rückgang von 8,7 auf 3,7 Prozent, bei HSBC von 10,9 auf 5,9 Prozent, bei Lloyds von 14,8 auf 8,8 Prozent.

Trotz vieler Gemeinsamkeiten gibt es auch deutliche Unterschiede zwischen den Banken. So ist Barclays besonders stark im Geschäft mit Kreditkarten und Verbraucherkrediten engagiert. Das Boomgeschäft der vergangenen Jahre ist in der Rezession nun besonders anfällig. Bei Lloyds hingegen sind zwei Drittel aller Kredite gut besicherte Hypotheken von Privatkunden. Die höchsten Kreditausfälle werden daher bei Barclays erwartet, während Lloyds vergleichsweise glimpflich davonkommen soll.

Eine Zeitbombe in den Büchern der Geldhäuser sind die Kredite für kommerzielle Immobilien, die im Schnitt rund ein Fünftel aller Unternehmenskredite ausmachen. Der Markt ist komplett eingefroren, eine Bewertung derzeit unmöglich. Die Kreditausfallrate werde sich hier von drei auf sechs Prozent verdoppeln, schätzt Nicole Lux von der Cass Business School. Das werde sich allerdings erst langfristig in den Bankenbilanzen manifestieren.

Bei Einkaufszentren etwa sehe man bereits Einnahmeausfälle von einem Drittel, sagt Lux. Wenn das so weitergehe, könnten Vermieter ihre Kredite irgendwann nicht mehr bedienen. Aber im Unterschied zur Finanzkrise werde der Immobiliensektor dieses Mal nicht im Fokus stehen. Andere Branchen seien stärker betroffen.

Regierung erwägt Kreditgarantie von 100 Prozent

Der Druck auf die Banken wächst, notleidende Unternehmen mit Überbrückungskrediten zu versorgen. Man brauche einen „großen Schub“, um die Staatshilfen schneller zu verteilen, fordert die Chefin des Unternehmerverbands CBI, Carolyn Fairbairn. Auch Notenbankchef Andrew Bailey erklärt, er mache den Banken regelmäßig Dampf.

Die Banken verteidigen sich, dass sie bereits alles Mögliche tun. „Wir arbeiten rund um die Uhr“, heißt es bei Barclays. In einer Krise werde immer erwartet, dass alles sofort passieren müsse. Die Kreditprüfung sei aber ein komplexer Prozess.

Kritiker sehen die Schuld auch bei der Regierung: Sie garantiert in ihren Hilfsprogrammen bisher nur 80 Prozent der Kreditsumme. Eine Garantie von 100 Prozent wie in Deutschland würde zum Betrug einladen, argumentiert Finanzminister Sunak. Aufgrund der Forderungen aus Politik und Wirtschaft überlegt er laut „Financial Times“ nun, bei Krediten bis zu 25.000 Pfund für Kleinstunternehmen eine Ausnahme zu machen und die volle Summe zu garantieren.