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Brasilien wird zum neuen Corona-Hotspot – Bolsonaro versagt als Krisenmanager

Der brasilianische Präsident hat das Coronavirus lange verharmlost. Nun steigen die Infektionszahlen – und das Land ist noch vom Höhepunkt der Krise entfernt.

Die Coronakrise hat Brasilien spät erreicht – dafür breitet sich das Virus nun immer schneller aus: Jetzt hat das Amazonasland bei der Zahl der Infizierten bereits Spanien und Italien überholt. Derzeit kommen täglich 15.000 Neuinfizierte dazu. Erst vor zwei Monaten wurde in Brasilien der erste Todesfall nach einer Infektion mit dem Coronavirus registriert.

Nun sind binnen 24 Stunden 816 Menschen gestorben. Der Bundesstaat São Paulo hat sogar China bei der Zahl der Corona-Toten überholt: In dem mit mehr als 46 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichsten Bundesstaat Brasiliens sind bislang 4688 Menschen im Zusammenhang mit dem Virus gestorben, in China waren es 4637 Menschen – bei 1,4 Milliarden Einwohnern.

In vielen Großstädten Brasiliens sind die öffentlichen Krankenhäuser bereits völlig überlastet. Das gilt vor allem für die Amazonasregion, einige Nordoststaaten sowie die Großstädte Rio de Janeiro und São Paulo.

Alles deutet jedoch darauf hin, dass die Coronakrise in Brasilien noch deutlich an Dramatik gewinnen wird. Nach einer Prognose des Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME) in den USA könnte Brasilien Anfang August etwa 90.000 Tote registrieren. Ab Mitte Juni, so prognostizieren die Wissenschaftler gerade, dürften täglich 1000 Menschen sterben.

Doch die schon jetzt rasant anwachsenden Todeszahlen lassen befürchten, dass das Szenario der Forscher bereits weitaus früher erreicht werden könnte – vermutlich schon in wenigen Tagen. IHME gibt die Zahl der maximal möglichen Toten in zehn Wochen für Brasilien mit 194.000 Fällen an. 11.000 Infizierte bräuchten dann Krankenhausbetten mit Intensivbehandlung. Brasilien verfüge aber nur über 4000 Intensivstationen.

Ein Grund für die rasante Ausbreitung des Virus ist das chaotische Krisenmanagement der Regierung von Präsident Jair Bolsonaro. Der 65-jährige Ex-Militär versagt gerade eklatant als Staatsoberhaupt und Krisenmanager.

Inmitten der wachsenden Panik entließ er am Freitag schon zum zweiten Mal den Minister für Gesundheit in kurzer Zeit. Der erste Gesundheitsminister war ihm mit seinem besonnenen Krisenmanagement in der Coronakrise zu populär geworden. Der zweite Minister wurde nach nur einem Monat entlassen, weil er sich weigerte, Chloroquin als Medikament einzusetzen, was Bolsonaro ohne jegliche wissenschaftliche Basis durchsetzen wollte.

Doch entscheidend für die wachsenden Infektionszahlen ist die widersprüchliche Isolationspolitik. Bolsonaro hat die Pandemie lange als einfache Grippe verharmlost und war von Anfang an dagegen, dass die Brasilianer zu Hause blieben. Auch jetzt ruft er die Brasilianer täglich dazu auf, wieder an ihre Arbeitsplätze zu gehen.

Auch Friseursalons und Sportakademien sollen nun wieder öffnen, obwohl die Zahlen der Infizierten rasant steigen. „Alle müssen wieder an die Arbeit zurück. Wer nicht arbeiten will, bleibt verdammt noch mal zu Hause. Punkt. Aus!“, erklärte er gerade nach der Entlassung des Ministers.

Der Präsident macht keinen Hehl daraus, dass es ihm vor allem um sein politisches Überleben geht. Er fürchtet, dass mit der absehbaren schweren Rezession auch seine Popularitätswerte in den Keller sinken. Und so versucht er, die Verantwortung an den wirtschaftlichen Folgen den Gouverneuren und Bürgermeistern zuzuschieben. „Die Medien versuchen, mir die Schuld in die Schuhe zu schieben an der wirtschaftlichen Misere“, sagt er. „Aber damit habe ich nichts zu tun. Ich bin kein Totengräber.“

Rufe nach Impeachment nehmen zu

Doch der Oberste Gerichtshof hat den Bundesstaaten und Präfekturen schon vor Wochen das Recht zugestanden, autonom bei ihren Strategien gegen die Pandemie vorgehen zu können. Seitdem attackiert Bolsonaro auch die Richter des Obersten Gerichtshofs.

In den sozialen Medien gelingt es Bolsonaro weiterhin, seine Anhänger bei Laune zu halten: Das sind die Evangelikalen, ein Teil der Unternehmerschaft, die rechtspopulistischen Brasilianer und ein großer Teil der Militärs. Auf diese Unterstützer kann sich Bolsonaro auch jetzt verlassen. Zwar sinken seine Popularitätswerte, aber ein Viertel bis zu ein knappes Drittel der Brasilianer steht weiterhin hinter dem Rechtspopulisten.

Bisher scheint es seine Anhänger nicht zu stören, dass Bolsonaro mit seinen zunehmend schrillen Attacken gegen alle, die nicht seiner Meinung sind, das Krisenmanagement behindert: Statt über die besten Strategien gegen die Pandemie zu debattieren, nehmen in der Politik inzwischen die Rufe nach einem Amtsenthebungsverfahren zu. Deswegen fordern viele von Bolsonaros Unterstützern, dass er die Grundrechte aussetzt, den Kongress und den Obersten Gerichtshof schließt und ein autoritäres Regime errichtet.

Die Not der Brasilianer scheint Bolsonaro völlig egal zu sein. Als er damit konfrontiert wurde, dass Brasilien bei der Zahl der Corona-Toten bereits China überholt hat, bellte er die Reporter an: „Sorry“, er könne nun mal keine Wunder vollbringen.

Mehr: Die Demokratie in Brasilien droht ebenso abgeschafft zu werden wie die Reformagenda für die Wirtschaft.