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Brandbrief: Blackrock-Chef Fink fordert von Konzernen mehr Klimaschutz

Der mächtigste Mann der Finanzmärkte ermahnt Deutschlands Topmanager: Der Boss des Fondsgiganten fordert mehr Nachhaltigkeit und kündigt weitere Indexfonds an.

Deutschlands Topmanager haben in dieser Woche Post vom mächtigsten Mann in der Finanzindustrie erhalten. In einem vierseitigen Brief, der dem Handelsblatt vorliegt, macht sich Blackrock-Chef Larry Fink als Anwalt für den Klimaschutz stark.

Er drängt die Konzernchefs der wichtigsten Unternehmen weltweit zum Umbau ihrer Firmen. Zwar nähmen die Märkte das Risiko von Klimaveränderungen für Wirtschaftswachstum und Wohlstand nur zögerlich zur Kenntnis. „Aber das Bewusstsein ändert sich rasant, und ich bin überzeugt, dass wir vor einer fundamentalen Umgestaltung der Finanzwelt stehen“, schreibt der Kalifornier. 

Was Larry Fink sagt, hat Gewicht. Blackrock verwaltet fast sieben Billionen Dollar Anlagegelder. Das Volumen fällt damit fast doppelt so hoch aus wie die Wirtschaftsleistung Deutschlands. Mehr Vermögen verwaltet keine andere Fondsgesellschaft.

Blackrock ist wie in anderen Regionen der Weltwirtschaft auch an der kompletten Unternehmenselite in Deutschland beteiligt und oftmals sogar der größte Aktionär. Beim Immobilienkonzern Vonovia hält der US-Fonds nach Daten der Finanzaufsicht Bafin 7,62 Prozent der Aktien, bei den Versicherern Allianz und Münchener Rück sind es 6,44 und 6,74 Prozent.

Beim Finanzdienstleister Wirecard ist der Vermögensverwalter mit 5,53 Prozent beteiligt. Das jeweils größte Aktienpaket hält der Asset-Manager bei der Deutschen Bank mit 5,15 Prozent und bei Bayer mit 7,44 Prozent.

Fink, bekennender Anhänger der demokratischen Partei, schreibt in seinem Brief, es werde angesichts der Klimarisiken früher als von den meisten erwartet zu einer erheblichen Umverteilung von Kapital kommen. Der 67-Jährige spricht von dem tiefsten Einschnitt in jenen 40 Jahren, in denen er in der Finanzbranche arbeitet.

In der Zeit habe er eine Reihe von Finanzkrisen und schwierigen Situationen erlebt. Dazu zählt er die Inflationsschübe in den Siebziger- und frühen Achtzigerjahren auf, spricht von der Asienkrise 1997, der Dotcom-Blase und der globalen Finanzkrise 2008. Diese seien alle im Großen und Ganzen vorübergehender Natur gewesen, auch wenn die Episoden teilweise Jahre gedauert hätten.

Kritik an Blackrocks Abstimmungsverhalten

„Beim Klimawandel ist das anders. Selbst wenn nur ein Bruchteil der prognostizierten Auswirkungen tatsächlich eintritt, haben wir es hier mit einer grundlegenderen, langfristigen Krise zu tun“, urteilt der Blackrock-Chef. Unternehmen, Anleger und Regierungen müssten sich daher auf eine „beträchtliche Umschichtung von Kapital vorbereiten“.

Blackrock war zuletzt selbst unter Druck gekommen, da das Unternehmen wie die Konkurrenten Vanguard und State Street Untersuchungen zufolge beim Ziel versagte, den Umbau der Industrieunternehmen voranzutreiben. Nach einer Analyse des Thinktanks Influence Map aus Großbritannien erfordert das Erreichen der im Pariser Klimaabkommen vereinbarten Vorgaben ein stärkeres Engagement.

Der Temperaturanstieg soll laut Pariser Abkommen weltweit auf unter zwei Grad Celsius begrenzt werden. In seiner Untersuchung bemängelte das Institut, dass Blackrock und Capital Group in 90 Prozent der Abstimmungen im Jahr 2018 gegen Eingaben der Aktionäre stimmten, die die Pariser Ziele in Hauptversammlungen unterstützen sollten.

Der Vermögensverwalter selbst hat in seinem jährlichen Treuhand-Report in den zwölf Monaten bis Juni 2019 von 207 Unternehmen berichtet, bei denen Klima- und Umweltprobleme angesprochen worden seien. Allerdings stimmte er bei 36 Anträgen von Aktionären nur in vier Fällen für deren Vorschläge, die die Unternehmen verpflichten sollten, ihre Kohlendioxidemissionen zu überprüfen.

In seinem aktuellen Brief droht Fink Aufsichtsräten und Vorständen mit harten Konsequenzen, falls sie keine aussagefähigen Nachhaltigkeitsinformationen bereitstellten oder kein Rahmenwerk für den Umgang mit diesen Themen einführten. Konkret nennt Fink die Verweigerung der Zustimmung für das Konzernmanagement.

Blackrock hat sich Climate Action 100+ angeschlossen

Als Meilenstein für das Engagement im Klimabereich von Blackrock gilt der Anschluss an die Klimabewegung Climate Action 100+, bei der inzwischen mehr als 370 globale Investoren mit einem Gesamtvolumen von mehr als 41 Billionen Dollar versammelt sind. Sie wollen die großen Emittenten von Treibhausgasen davon überzeugen, weniger schädliches Gas auszustoßen.

Die Gruppe hat auch schon gute Erfolge erzielt bei Großkonzernen, die für zwei Drittel der Emissionen in der Industrie verantwortlich sind. So stimmte im vergangenen Jahr der Ölkonzern British Petroleum (BP) zu, detailliert darüber zu berichten, wie kompatibel die Investitionen mit der Pariser Klimavereinbarung sind. Das ist das Ergebnis eines Vorstoßes der Aktivistengruppe, die von weiteren Aktionären unterstützt wurde.

Dylan Tanner, Mitgründer der Denkfabrik Influence Map, rechnet damit, dass auf Blackrock bald andere große Spieler wie JP Morgan, Goldman Sachs, Vanguard und State Street folgen könnten und sich der Initiative Climate Action 100+ anschließen. „Blackrocks Mitgliedschaft sendet speziell ein starkes Signal an die US-Finanzmärkte und an Industrieunternehmen sowie die Erzeuger von fossilen Energien, die ein Ziel für die Initiative Climate Action 100+ sind“, betont der Experte.

Schlüssel für den fortschreitenden Umdenkprozess sind für Tanner beispielsweise große Pensionsfonds wie Calpers und Calsters in den USA oder Schwedens AP7, die den Klimawandel voranbringen wollen.

„Zu wichtig für einen Marketing-Gag“

Auch für Bert Flossbach, Gründer und Vorstand der größten unabhängigen deutschen Fondsgesellschaft Flossbach von Storch, gehört Nachhaltigkeit zur Unternehmens-DNA im Sinne von dauerhaft, beständig und zukunftsfähig. Als Fondsgesellschaft hat der Vermögensverwalter die UN-Prinzipien für „verantwortliches Investieren“ unterzeichnet.

„Das Thema ist zu wichtig, um es als Marketing-Gag verkommen zu lassen“, sagt der Fondsprofi, dessen Gesellschaft 50 Milliarden Euro verwaltet. Er warnt: „Die Kosten des Klimawandels beziehungsweise dessen Auswirkungen auf Gesellschaft und Politik dürften das Wirtschaftswachstum schwächen und gleichzeitig zu höherer Inflation führen.“ Zugleich könnten neue Technologien auch Wachstumsimpulse liefern.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) erwarte für das Jahr 2030 eine Einbuße beim weltweiten Pro-Kopf-Einkommen von 0,8 Prozent, falls sich die Erderwärmung ungebremst fortsetze.

Neue Untersuchungen haben bereits verdeutlicht, dass Themen wie Umweltschutz, soziale Gerechtigkeit und gute Unternehmensführung (ESG) erheblichen Einfluss auf die Aktienkurse haben. Eine Studie der Deutschen Bank hat gezeigt, dass schon kleine Nachrichten eines Unternehmens über mehr Nachhaltigkeit im Klimabereich den Unterschied ausmachen können.

Positive Presseberichte und Ankündigungen führen auf Sicht von zwölf Monaten im Schnitt zu einer um 1,4 Prozentpunkte besseren Kursentwicklung gegenüber dem MSCI World Stock Index, der alle wichtigen Aktien weltweit berücksichtigt, hat die Deutsche Bank errechnet. Am deutlichsten reagieren nach den Worten von Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege für Privat und Firmenkunden der Deutschen Bank, die Branchen Technologie, Gebrauchsgüter und Gesundheit.

Da Fink die Nachhaltigkeit inzwischen so wichtig ist, wendet sich Blackrock erstmals in einem zweiten Brief an Hunderte von Großanleger wie Versicherungen und Pensionsfonds unter der Überschrift: „Nachhaltigkeit wird Blackrocks neuer Investmentstandard“.

Blackrock plant Verdopplung der Nachhaltigkeits-ETFs

Darin wird aufgelistet, wie nachhaltige, robuste und transparente Portfolios künftig aussehen sollen. Gleichzeitig wollen die New Yorker das Angebot an nachhaltigen börsennotierten Indexfonds (ETF) in den nächsten Jahren auf 150 verdoppeln, um die Auswahl für die Kunden zu vergrößern.

Der Anteil am gesamten verwalteten Vermögen bleibt dennoch klein. Von den insgesamt rund sieben Billionen Dollar, die die New Yorker verwalten, konzentrieren sich rund zwei Drittel auf Indexfonds und andere börsennotierte ETFs. Daneben verwaltet Blackrock aktiv rund 50 Milliarden in Anlagelösungen, die den Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft unterstützen.

Aus den Gesprächen des weltgrößten Vermögensverwalters geht nach den Worten von Fink hervor, dass immer mehr Kunden in nachhaltigere Strategien investieren möchten: „Wenn dies nur zehn oder sogar nur fünf Prozent der Anleger weltweit tatsächlich tun, dann werden wir massive Kapitalverschiebungen sehen“, schreibt der Vorstandschef.

Nach den Berechnungen des Beraters Boston Consulting Group beläuft sich das private Geldvermögen auf 205,9 Billionen Dollar. Es geht also um viele Billionen. Die Umschichtung wird sich laut Fink noch beschleunigen, wenn die nächste Generation das Ruder in Politik und Wirtschaft übernimmt.

In den nächsten Jahrzehnten würden viele Billionen Dollar in die Hände von Millennials gelegt, die ab dem Jahrgang 1980 bis in die späten neunziger Jahre geboren wurden, auch Generation Y genannt.

Als Firmen- und Investmentchefs, als Politiker und Staatsoberhäupter werden sie nach Ansicht von Fink den Umgang der Welt mit dem Thema Nachhaltigkeit neu definieren.