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Bosch, Conti, ZF: Logistik-Chaos an den Grenzen lässt deutsche Autozulieferer bangen

Schlautmann, Christoph Tyborski, Roman
·Lesedauer: 6 Min.

Die Grenzschließungen zu Tschechien und Tirol sorgen für eine angespannte Lage in den Lieferketten. Automobilhersteller sorgen sich um ihre Produktion.

Lkw stauen sich auf der Autobahn 17 in Richtung Dresden. Bundespolizisten kontrollieren Einreisende in der Nähe des Grenzübergangs zu Tschechien. Foto: dpa
Lkw stauen sich auf der Autobahn 17 in Richtung Dresden. Bundespolizisten kontrollieren Einreisende in der Nähe des Grenzübergangs zu Tschechien. Foto: dpa

Vor dem Brenner, der Passgrenze zwischen Italien und Tirol, war es um 3.28 Uhr in der Nacht zum Montag so weit: Kein Lkw durfte mehr von Süden über die Grenze fahren, lange Staus auf den Autobahnen Richtung Italien sind seitdem die Folge. Zuvor hatten die deutschen Behörden erklärt, die Grenze zum österreichischen Nachbarn weitgehend zu schließen.

Seit Sonntag null Uhr sind auch Deutschlands Grenzen für Einreisende aus Tschechien nahezu dicht. Passieren darf nur, wer einen negativen Corona-Test vorweisen kann – oder Pendler ist und einen systemrelevanten Beruf ausübt.

Fast ein Jahr nach Ausbruch der Corona-Pandemie macht Europa seine Grenzen wieder zu. Grund für die Restriktionen gegenüber Tschechien und Tirol sind die sich rasch ausbreitenden Covid-Infektionen mit aggressiveren Virusvarianten. Erschwerend kommt hinzu, dass sich Prags Regierung faktisch von der Pandemiebekämpfung verabschiedet hat. Und auch Tirol lockerte seine Corona-Restriktionen, obwohl sich dort die gefährliche Südafrika-Mutation ausbreitet.

Der Industrieverband BDI warnt vor schwerwiegenden Folgen der Grenzschließungen. „Die Gefahr ist groß, dass in den nächsten Tagen überall in Europa Lieferketten abreißen“, sagt Hauptgeschäftsführer Joachim Lang den Zeitungen der „Funke Mediengruppe“ in der Dienstagausgabe. „Grenzübergänge sollten weiterhin für alle Frachtfahrzeuge mit Gütern offen bleiben“, fordert er.

Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) stieg in die Kritik ein. Für einen funktionierenden europäischen Binnenmarkt seien Arbeitnehmerfreizügigkeit, reibungslose Transportwege, grenzüberschreitende Dienstleistungserbringung und Dienstreisen unverzichtbar. Mit den Kontrollen „zeigt die deutsche Regierung, dass sie aus den anfänglichen Fehlern unkoordinierter Grenzschließungen aus dem Frühjahr 2020 leider nicht gelernt hat“.

Betroffen von den rigiden Maßnahmen sind vor allem die großen deutschen Autozulieferer wie Bosch, Continental, ZF, Mahle, Schaeffler, Benteler und Hella. Sie allein kommen zusammengerechnet auf knapp 70 Standorte in Tschechien und der Slowakei, die ebenfalls von dem neuen Einreiseverbot getroffen ist.

Bislang galt Mittel- und Osteuropa als sogenannter „Best Cost“-Standort der Autoindustrie, was der Produktion in Polen, Tschechien, der Slowakei, Bulgarien oder Rumänien eine große wirtschaftliche Bedeutung verlieh. Denn dort lassen sich Fahrzeugkomponenten zu deutlich niedrigeren Kosten produzieren.

Die verschärften Corona-Grenzkontrollen verkehren diesen Standortvorteil nun in einen Nachteil. So sieht man bei Hella schon jetzt mit Sorge, dass sich Lieferungen an den Grenzen stauen.

Die Lieferketten seien zwar weiterhin intakt, heißt es bei dem MDax-Konzern in Lippstadt, allerdings müssten sich diese jetzt erst einmal „zurechtruckeln“. Noch hoffe man, dass das Grenzproblem beherrschbar bleibe.

Auch die Lieferkettenexperten von Bosch beobachten die Situation und sprechen aktuell mit ihren Logistikern. Der größte Autozulieferer der Welt betreibt sieben Werke in Tschechien und in der Slowakei. „Aber die Lieferketten halten“, versichert ein Bosch-Sprecher auf Anfrage.

Ob und vor allem wie lange die Automotive-Betriebe dies durchhalten, ist ungewiss. Schon jetzt berichtet der Zulieferer Continental, der in den beiden osteuropäischen Ländern 14 Werke zählt, von einer „Verzögerung des Lieferverkehrs“. Das Unternehmen rechne damit, „dass diese angespannte Situation anhalten wird, bis ausreichend Testkapazitäten an den Grenzen zur Verfügung stehen“, sagte ein Sprecher.

Probleme mit Pendlern

Gleiches dürfte auch für ZF mit seinen insgesamt 19 osteuropäischen Betrieben gelten. Für die Friedrichshafener kommen die Grenzkontrollen für Berufspendler als Problem hinzu. Ins Werk nach Passau strömen täglich zahlreiche Mitarbeiter aus Tschechien.

„Wenn die jeden Tag einen Schnelltest machen müssen, um über die Grenze zu kommen, dann geht das schnell ins Geld“, erklärt ein ZF-Sprecher. Man suche nun nach einer schnellen Lösung. Auch die Unterbringung tschechischer Pendler in deutschen Hotels sei kein Tabu mehr, heißt es in Zuliefererkreisen.

Der Autobauer BMW, der in Dingolfing, Regensburg, Leipzig und München fertigt, erhält aus Tschechien unter anderem Autositze, die „just in time“ an die Produktionsbänder geliefert werden. Der Vorrat reicht nur für vier bis fünf Stunden, schon ein Tag Lieferunterbrechung könnte die Produktion zum Stillstand bringen.

Doch nach einer Intervention des Branchenverbands VDA am Wochenende ließen die deutschen Behörden die Lastwagen mit diesen Lieferungen „sehr pragmatisch“ über die Grenze, heißt es bei BMW. Derzeit gebe es keine Produktionsunterbrechungen.

Doch das Problem weitet sich aus. Wie weitreichend die Behinderungen sind, zeigt sich daran, dass selbst am italienisch-österreichischen Brenner kaum noch etwas in Richtung Norden geht. Grund hierfür ist eine Entscheidung der Tiroler Landesregierung. „Wir lassen es nicht zu“, erklärte Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP), „dass Tirol der Parkplatz Europas wird.“

Aus diesem Grund habe man in Abstimmung mit Wien eine Verordnung erlassen, die „uns Kontrollen bereits am Brenner ermöglicht“. Dort will Platter den Lastwagenverkehr aus Italien im Vorfeld kontrollieren und drosseln, um einen extremen Rückstau und einen Verkehrskollaps im Inntal zu verhindern.

Die Folgen gehen damit über die deutschen Grenzschließungen zu Tschechien und Tirol weit hinaus. So werden aus Italien kommende Lkws Richtung Norden nun über den Grenzübergang Tarvisio umgeleitet, von wo aus sie über das österreichische Bundesland Salzburg nach Deutschland gelangen – ein Umweg von mehreren Hundert Kilometern. „Wir arbeiten, wo nötig, mit Ausweichrouten“, erklärte dazu ein Sprecher von DB Schenker, „um unsere Kunden zuverlässig zu bedienen.“

Die teuren Notfallmaßnahmen aber schaden nicht nur der Umwelt. Durch die verlängerten Fahrtzeiten verschärfe sich zusätzlich der Fahrermangel, unter dem die EU ohnehin schon leidet, kritisiert ein aufgebrachter Spediteur. Axel Plaß, Präsident des Speditionsverbands DSLV, warnt: „Eine Kettenreaktion und Eskalation einzelstaatlicher Einreisevorschriften in Europa hätte verheerende Folgen.“

Schlangen vor den Corona-Testzentren

Zu einer solchen aber könnte es durchaus kommen. Massive Staus an den Schweizer Grenzen lassen vermuten, dass auch hier nach Ersatzrouten gesucht wird. In Gottmadingen betrug die Wartezeit am Montagmittag auf deutscher Seite mehr als drei Stunden, wie der Echtzeitdienst Sixfold ermittelte. An der italienisch-schweizerischen Grenze in Chiasso warteten Lkws im Schnitt auf beiden Seiten knapp eine Stunde.

Auf den direkten Routen lief die Lkw-Abfertigung am Montag noch weitaus schleppender. Ein Kraftfahrer, der für Kühne + Nagel unterwegs war, berichtete von einer zehnstündigen Verzögerung. Und schon am Morgen posteten Kollegen Fotos von endlosen Menschenschlangen, die an den Grenzübergängen auf ihre Corona-Testergebnisse warteten. „Speditionshäuser werden bedarfsgerechte Lieferzusagen unter diesen Voraussetzungen nicht mehr einhalten können“, erwartet DSLV-Präsident Plaß.

Die Lage an den deutschen Grenzen gab ihm am Montag recht. Zwischen dem tschechischen Pilsen und dem Grenzübergang Waldhaus stauten sich die Brummis auf über 15 Kilometer, hinter Usti nad Labem reihten sich die Lkws auf einer Strecke von mehr als sieben Kilometern vor der Grenze, in Waidhaus bei Cheb (Eger) gab es bei der Einreise nach Deutschland Wartezeiten von gut zwei Stunden.

„Die Folgen werden in wenigen Tagen deutlich erkennbar sein“, warnt Dirk Engelhardt, Vorstandssprecher beim Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL). „Als Erstes gehen vielen Automobilherstellern in anderthalb bis zwei Tagen die Zulieferteile aus“, bestätigt er die Einschätzung des VDA. „Spätestens nach fünf Werktagen gibt es dann auch Lücken in Supermärkten und Drogerien.“

Die Ausweichmöglichkeiten über die Schiene, wie sie italienische Nudelhersteller im Frühjahrs-Lockdown nutzten, lindern die Not nur unzureichend. So passieren an üblichen Tagen rund 10.000 Lkws den Grenzübergang am Brenner, über die Schiene aber lassen sich davon täglich nur 340 Fahrten ersetzen.

Mitarbeit: Markus Fasse

Grenzkontrollen zu Tschechien und Tirol führten am Montag zu stundenlangen Wartezeiten für Lkws. Foto: dpa
Grenzkontrollen zu Tschechien und Tirol führten am Montag zu stundenlangen Wartezeiten für Lkws. Foto: dpa
An der Grenze zwischen Bayern und Tirol kontrolliert ein Bundespolizist die Dokumente des aus Österreich kommenden Lkw-Fahrers. Foto: dpa
An der Grenze zwischen Bayern und Tirol kontrolliert ein Bundespolizist die Dokumente des aus Österreich kommenden Lkw-Fahrers. Foto: dpa
Teststation an der tschechisch-polnischen Grenze. Foto: dpa
Teststation an der tschechisch-polnischen Grenze. Foto: dpa