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Börsenparty wie 1999: Die totale Digital-Dominanz

Nils Jacobsen
·Wirtschaftsjournalist und Techblogger
·Lesedauer: 4 Min.

Was hoch fliegt, kann noch weiter steigen – und zwar spektakulär. Wer nach den ersten sechs Monaten glaubte, den Halbjahresgewinnern aus dem Tech- und Internetbereich würde nunmehr die Luft ausgehen, sieht sich getäuscht: Anteilsscheine von Apple, Amazon, Microsoft oder Tesla steigen, als wäre es noch einmal 1999.

Tesla ist einer der großen Antreiber auf dem Aktienmarkt. (Bild: Getty Images)
Tesla ist einer der großen Antreiber auf dem Aktienmarkt. (Bild: Getty Images)

Rund zwei Jahrzehnte ist es her, dass die Kapitalmärkte, angeführt von amerikanischen Tech- und Internet-Unternehmen, zu einer exzessiven Hausse ansetzten, die schließlich zu einer der größten Blasen in der Börsenhistorie anwachsen sollte. Die Protagonisten: Amazon, Apple, Microsoft & Co.

21 Jahre später scheint sich die Geschichte zu wiederholen. Die Aktien von Amazon, Apple, Microsoft sind in den letzten Handelstagen erneut komplett durch die Decke geschossen – und mit ihnen zahlreiche Anteilsscheine aus dem immer größeren Bereich der Digital-Ökonomie.

1,5-Billionen-Dollar-Club Apple, Microsoft und Amazon

Angesichts der ausufernden Corona-Krise seit Jahresbeginn glaubt man seinen Augen kaum zu trauen: Die enorme Kursrally der wertvollsten Konzerne der Welt, die mit Ausnahme von Saudi Aramco alle aus dem Bereich der Internetwirtschaft stammen, hat nach furiosen sechs Monaten zum Start des zweiten Börsenhalbjahres nochmals an Dynamik gewonnen.

Die drei wertvollsten Digital-Unternehmen Apple, Microsoft und Amazon haben seit dem 1. Juli schon wieder im zweistelligen Prozentbereich an Wert gewonnen und dabei die nächsten Bestmarken aufgestellt. Die beiden Tech-Pioniere aus Redmond und Cupertino und der Internet-Pionier aus Seattle notierten gestern erstmals jeweils über der Bewertungsmarke von 1,5 Billionen Dollar.

Apple erreichte gar erstmals die Marktkapitalisierung von 1,6 Billionen Dollar und liegt damit noch einen Wimpernschlag vor Microsoft. Komplettiert wird der Billionen-Dollar-Club der Digitalgiganten von Google-Mutter Alphabet, die gestern ebenfalls wieder über die magische Bewertungsmarke kletterte.

Amazon knackt 3000-Dollar-Marke – und liegt seit Januar 62 Prozent vorne

Besonders bemerkenswert ist der Triumphzug der Tech- und Internet-Riesen angesichts der Verwerfungen der Corona-Pandemie, die Weltwirtschaft im zweiten Quartal so dramatisch in den Abgrund zogen wie nie zuvor. Nach einem Minus des BIP im ersten Quartal von 5 Prozent könnte die größte Volkswirtschaft der Welt zwischen April und Juni ihre konjunkturelle Aktivität mehr als halbiert haben, berichtet Finanzinformationsdienst CNBC.

Umso erstaunlicher erscheint, wie sehr sich die Zugpferde der US-Ökonomie zumindest an der Wall Street gegen den Abwärtstrend stemmen und dabei komplett mit dem Muster der letzten Rezession brechen, als die Stars des aufgehenden Internet-Zeitalters brutal an den Kapitalmärkten abverkauft wurden.

Im Corona-Jahr 2020 liegt Apple dagegen seit Januar bereits um 28 Prozent, Microsoft um 34 und Amazon um enorme 65 Prozent vorn. Wer im März auf dem Höhepunkt des Corona-Crashs mutig war, hätte seinen Einsatz mit Amazon gar binnen gerade einmal dreieinhalb Monaten verdoppeln können.

Tesla mit parabolischer Rally wie 1999 – Experten besorgt

Noch weitaus größere Gewinne wären mit einem anderen Kultunternehmen drin gewesen – Tesla. Der Elektroautohersteller legte erst gestern um weitere 14 Prozent zu und ist inzwischen nach der Marktkapitalisierung der wertvollste Autokonzern der Welt. Seit Jahresbeginn konnten mutige Aktionäre Zuwächse von 228 Prozent erzielen, seit den Corona-Tiefs im März wären sogar knapp 300 Prozent drin gewesen.

Die parabolischen Kaufexzesse in wirtschaftlich höchst herausfordernden Zeiten sorgen unterdessen bei Börsenbeobachtern für Kopfschütteln. Hedgefondsmanager Cody Willard, der in die Tesla-Aktie vor rund einem Jahr zu Kursen von 250 Dollar eingestiegen ist, kann mit dem Markt auf dem aktuellen Niveau wenig anfangen.

„Die Bewertungen sind viel zu hoch, die Charts parabolisch“, merkt Willard auf Twitter an. Vermögensverwalter Doug Kass ist der gleichen Meinung. „Willkommen im Jahr 1999“, twittert Kass. Seinerzeit endete die Börsenparty bekanntlich kurz nach der Millenniumswende mit einem krachenden Absturz. Vielleicht wiederholt sich die Geschichte nicht eins-zu-eins, aber sie könnte sich – frei nach Mark Twain – reimen…