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Boom bei Schutzmasken: 3M sucht neue Standorte für die Fertigung

3M will bis Ende 2020 zwei Milliarden Schutzmasken fertigen und die Kapazitäten weiter ausbauen. Wo der Konzern bereits produziert, verrät Zentraleuropachef Lange nicht – aus Vorsicht.

In der Zentrale von 3M im nordrhein-westfälischen Neuss weisen große blaue und gelbe Bodenaufkleber den Weg. „Bitte halten Sie sich rechts“, steht zum Beispiel im Eingangsbereich, im Treppenhaus „Halten Sie sechs Stufen Abstand“.

Die Aufkleber sind neue Produkte, die der börsennotierte US-Konzern seit ein paar Wochen anbietet. „Weil unsere Klebefolien seit Ausbruch der Krise weniger für Werbezwecke nachgefragt werden, haben wir ein Sortiment an Navigationshilfen erarbeitet, das Unternehmen und Institutionen hilft, Abstandsregeln umzusetzen“, sagt Dirk Lange, Zentraleuropachef von 3M.

Wirklich nötig sind die Hinweise in der Deutschlandzentrale des Herstellers von Produkten wie Post-it-Haftnotizen und Klebstoffen der Marke „Scotch“ derzeit noch nicht. Die meisten Mitarbeiter arbeiten noch im Homeoffice, erst seit Mitte Juni sind die Büros für einen Teil der Belegschaft wieder geöffnet.

In der ersten Woche nach der Öffnung waren etwa 100 der 1600 Beschäftigten pro Tag in der Zentrale, schätzt Lange. Lediglich Forscher, die nicht von zu Hause aus arbeiten können, durften in den vergangenen Wochen mit einer Sondergenehmigung an ihren Arbeitsplatz im Forschungszentrum am Standort.

3M, die Minnesota Mining and Manufacturing Company, kennt fast jeder seit Ausbruch der Corona-Pandemie, denn das Unternehmen stellt Atemschutzmasken her. Unter anderem, denn was kaum einer weiß: 3M bietet insgesamt mehr als 55.000 Produkte auf Basis verschiedener Technologieformen an. Die Palette reicht von Klebstoffen über chemische Materialien und Halbleiter bis hin zu Produkten zum Reinigen und Renovieren für den Endverbraucher.

Aber natürlich hat der Konzern in diesen Wochen und Monaten vor allem im Geschäftsfeld Arbeitssicherheit und Schutzausrüstungen gut zu tun.

3M produziert vor allem FFP2-Masken

Von Februar bis April wurde die globale Produktion von Atemschutzmasken auf mehr als eine Milliarde jährliche Produktionsleistung verdoppelt. Bis zum Jahresende sollen es zwei Milliarden Stück werden. „Wir produzieren die Schutzmasken für den lokalen Bedarf. Allein in Deutschland stellen wir rund 20 Millionen Stück für den Gesundheitssektor zur Verfügung“, sagt Lange.

Damit stellt er Medienberichte richtig, wonach die USA 3M-Schutzmasken für Deutschland zurückgehalten haben soll. Diese Berichte hatten im April für einige Aufregung gesorgt, wurden aber schnell von der US-Regierung dementiert.

Vor der Pandemie waren 90 Prozent der Masken für den Einsatz in der Industrie bestimmt, etwa zum Schutz vor bestimmten Gasen und Dämpfen, zehn Prozent gingen an Gesundheitseinrichtungen. In der Corona-Hochzeit war das Verhältnis genau umgekehrt.

Vor allem FFP2-Masken, die für den Einsatz in Krankenhäusern und für Pflegekräfte zugelassen sind, werden derzeit von 3M produziert. „Aktuell werden wieder mehr Masken in der Industrie nachgefragt“, sagt Lange. „Aber es ist immer noch Nachfragedruck im Markt. Wir müssen sehen, dass wir unseren Verpflichtungen gegenüber dem Staat und der medizinischen Versorgung nachkommen, aber gleichzeitig auch wichtige systemrelevante Branchen wie zum Beispiel die Pharma- und Lebensmittelindustrie noch ausreichend beliefern.“

Wo 3M in Europa die Atemschutzmasken produziert, will Lange nicht verraten, um die Mitarbeiter zu schützen. „Es ist vorgekommen, dass Menschen vor unseren Werken anstanden, um Masken zu bekommen“, sagt er. 3M habe auch nicht an alle eigenen Mitarbeiter FFP2-Masken verteilt. „Das ist bei einigen zunächst auf Unverständnis gestoßen. Aber wir haben erklärt, dass wir die Masken nicht dem medizinischen Personal, das sie dringend braucht, wegnehmen können.“

Der langjährige 3M-Manager führt die Region Zentraleuropa mit Verantwortung für die Länder Deutschland, Holland, Belgien, Österreich und die Schweiz seit Jahresanfang. Sie steht für einen Umsatz von zuletzt knapp 3,5 Milliarden US-Dollar (umgerechnet rund 3,1 Milliarden Euro) und mehr als 8100 Mitarbeiter.

Neues Modell zur Vorratshaltung

Zurzeit sondiert der Konzern verschiedene Standorte für den Aufbau einer weiteren Schutzmasken-Fertigung in Europa. „Die Entwicklung nach vergangenen Pandemien hat gezeigt, dass sich die Nachfrage nach Schutzausrüstung auf einem insgesamt höheren Niveau eingependelt hat. Deswegen wollen wir unsere Kapazitäten ausbauen. Wir erwarten langfristig eine höhere Nachfrage nach Schutzausrüstung“, so Lange.

Auch der Lübecker Dräger-Konzern hat seine Schutzmaskenproduktion massiv ausgebaut. Vor wenigen Tagen gab das Unternehmen bekannt, seine bestehenden Produktionsstandorte für Atemschutzmasken in Schweden und Deutschland zu erweitern und eine komplett neue Fabrik in Frankreich zu errichten, von der aus ganz Europa beliefert werden soll.

Als neues Geschäftsmodell will 3M künftig Regierungen und Staaten Modelle zur Vorratshaltung etwa von Schutzmasken anbieten. Dazu hat das Unternehmen ein mit Künstlicher Intelligenz unterstütztes System im Einsatz, das den Bedarf des Gesundheitssystems für ein oder zwei Monate ermittelt. Auch Dräger denkt über solche Bevorratungsservices nach, wie Konzernchef Stefan Dräger kürzlich im Gespräch mit dem Handelsblatt ankündigte.

3M mit einem Jahresumsatz von zuletzt 32 Milliarden Dollar, umgerechnet rund 28,4 Milliarden Euro, macht den größten Teil seines Umsatzes im Geschäftsbereich Sicherheit und Industrie, gefolgt von Transport und Elektronik. Wegen der Corona-Pandemie hatte der Konzern im April seine Jahresprognose zurückgenommen und meldet nun monatlich die Umsatzentwicklung. Durch die verringerte Nachfrage in der Coronakrise war der Umsatz im April um elf und im Mai um 20 Prozent gesunken. Der Bereich Transport und Elektronik war von dem Rückgang am stärksten betroffen.

Geschäft mit Autoherstellern leidet

Dieser Entwicklung konnte sich auch 3M in Zentraleuropa nicht entziehen, zumal hier die Automobilindustrie einen großen Umsatzanteil liefert. Wo notwendig, setzte 3M punktuell Kurzarbeit ein. „Den Autoherstellern ging es schon vor Corona nicht so gut, dann standen die Bänder still. 3M ist in jedem Auto mit vielen Produkten vertreten. Wenn weniger Fahrzeuge verkauft werden, merken wir das natürlich sofort“, sagt Lange.

Dennoch blickt er zuversichtlich nach vorn: „Unser Ziel ist, Marktanteile zu gewinnen. Das kann man auch in der Krise. Wir müssen sehen, wie wir noch wettbewerbsfähiger werden.“ Hier setze das Unternehmen auf Innovation und den verstärkten Einsatz von Technologie. „3M hat eine große Kompetenz bei vielen Materialien“, sagt Lange. „Um heute aber innovativ zu sein, müssen wir die Materialwissenschaft mit digitalem Know-how verbinden.“

Aus diesem Grund hat der Konzern in den vergangenen Jahren seine Plattformen konsequent in Richtung digitale Technologien erweitert. Die Kompetenzen beim Kleben, Schleifen und Beschichten werden ergänzt um Sensorik, Robotik und Datenwissenschaft, um nur einige zu nennen.

3M habe das Sandpapier erfunden, erzählt Zentraleuropachef Lange. Aber der Kunde sei heute nicht mehr nur am Schleifmittel interessiert. „Er will wissen, wie lang und wie fest sein Roboter das Schleifwerkzeug aufdrücken muss, um das optimale Ergebnis zu erreichen.“ Dafür benötige man Daten, wie sich das Produkt bei der Anwendung verhalte. „Wir müssen unsere Produkte heute nicht nur unseren Kunden, sondern auch deren Robotern erklären“, sagt der Manager.