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Bonne Chance, die Nächste

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An der Börse wird die Zukunft gehandelt, Anleger sollten sich also mit der Zukunft beschäftigen. Doch auch die Retrospektive bietet Chancen. Vor allem, falls sich Geschichte wiederholt – zumindest auf den zweiten Blick.

Als ich vor fast genau drei Jahren an dieser Stelle über den ein halbes Jahr zuvor gewählten französischen Präsidenten Emmanuel Macron und die Kursfantasie, die er der Pariser Börse möglicherweise würde verleihen können, schrieb, war die Welt noch eine andere. Von den Entwicklungen seither waren manche in Teilen absehbar, anderem wiederum überhaupt nicht.

Womit man damals rechnen konnte, war die nachhaltig positive Resonanz des Aktienmarkts auf die Reformpläne Macrons – auch wenn die wochenlangen Aktivitäten der Gelbwesten-Bewegung einen anderen Eindruck vermittelte. Doch das hielt den französischen Aktienmarkt nicht davon ab, bis zum Frühjahr 2020 um rund 20 Prozent zu steigen. Auch weil offenbar viele Marktteilnehmer den Reformen zutrauten, das Nachholpotenzial der französischen Wirtschaft gegenüber anderen Nationen – und das Nachholpotenzial des französischen Leitindex CAC 40 etwa gegenüber dem Dax – zu heben.

Seinerzeit definitiv nicht ansatzweise abzusehen waren hingegen die Corona-Pandemie, die damit verbundenen Maßnahmen und deren katastrophalen Auswirkungen auf die französische Wirtschaft. Unter dem harten Lockdown des Landes als Antwort auf die dort rapide steigenden Infektionszahlen in diesem Frühjahr litt die Wirtschaft wie in anderen Ländern auch, entsprechend kamen auch die Exportunternehmen unter die Räder. Denen – und ihren Aktien – hatte man vor drei Jahren noch gute Chancen ausrechnen können, nachdem die Geldpolitik der EZB und die Fortsetzung der Niedrigzinsphase den Aktienmarkt für die Geldanlage grundsätzlich alternativlos gemacht hatten – und speziell exportorientierte Unternehmen davon profitieren konnten, dass die anhaltenden Anleihekäufe der Notenbanker auf den Euro drücken. Doch Corona hat diese Gedanken insofern obsolet gemacht, als gerade Exportfirmen vom Einbruch des Welthandels betroffen waren und sind.

Nun aber zu dem Punkt, weshalb sich Geschichte wiederholt: Wir befinden uns an dieser Stelle und im Jahr 2020 zwar in vielfacher Hinsicht in einer ganz anderen Ausgangsposition als 2017. Und doch hat sich eines nicht geändert: Auch jetzt hat der CAC 40 Nachholpotenzial. Und für das aktuelle ist ausgerechnet Corona verantwortlich.

So weist in Frankreich zwar auch derzeit die Zahl der neuinfizierten Personen mit dem Covid-19-Virus ein sehr hohes Niveau auf. Die zweite Welle verläuft aber anders als die erste: Es gibt weniger ernsthaft Erkrankte, die Zahl der Todesfälle ist vergleichswese niedrig. Ein zweiter flächendeckender Lockdown dürfte daher ausbleiben ¬– laut Premier Jean Castex soll das wirtschaftliche Leben nicht erneut zum Erliegen kommen.

Viele Jahre hatte sich der wichtigste Aktienindex Frankreichs sehr gut entwickelt – bis eben Corona kam. Seitdem läuft es im CAC 40 sichtbar schlechter. Zwar hatte der Index zwischenzeitlich im Zuge des Corona-Blitzcrashs von Februar/März nicht mehr an Wert verloren als der Dax – die anschließende Erholung hatte aber speziell ab Anfang April nicht die Dynamik wie die des deutschen Pendants: Während der Dax seit Anfang April rund 35 Prozent zugelegt hat, liegt das Plus des CAC in diesem Zeitraum bei gerade einmal rund zehn Prozent. Von seinem Vorkrisenniveau von jenseits der 6.000-Punkte-Marke ist der CAC mit derzeit rund 5.000 Zählern deutlich weiter entfernt als der Dax von seinem Hoch (13.200 vs. 13.700).

Die Hoffnung, dass die zweite Welle nicht so dramatisch ausfallen könnte wie die erste – und vor allem nicht so, wie eine Zeitlang befürchtet –, könnte ein Ende dieser Underperformance einläuten. Auch wenn niemand in Sachen Covid-19 derzeit glaubhaft Entwarnung geben kann, weder für Frankreich noch für den Rest der Welt, mehren sich Anzeichen der Entspannung. So gab es zuletzt Meldungen aus informierten Kreisen, wonach die französische Regierung einen weniger starken Konjunktureinbruch erwartet als zunächst vor dem Hintergrund der Coronakrise befürchtet und sie nun damit rechnet, dass die Wirtschaftsleistung 2020 „nur“ um zehn Prozent abnehme ¬– nicht wie bisher um elf Prozent. Und da wir ja anfangs von der Zukunft sprachen: Für 2021 geht die Regierung dem Vernehmen nach von einem Wirtschaftswachstum von acht Prozent aus. Der IWF ist zwar etwas verhaltener mit seiner Prognose, rechnet aber damit, dass Frankreich 2021 mit 7,3 Prozent deutlich kräftiger wächst als der Euroraum (6,0 Prozent).

Vor diesem Hintergrund können Anleger durchaus einmal darüber nachdenken, sich mit einem ETF auf den CAC 40 eine Portion Frankreich und damit ein gewisses Nachholpotenzial ins Depot zu holen. Interessant könnte in diesem Zusammenhang sein, dass der CAC 40 auch vor Corona noch nicht sein bisheriges Allzeithoch aus dem Jahr 2000 erreicht hatte.
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