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„Die Entwicklung geht zulasten der Verbrenner“: BMW trennt sich schneller von Diesel und Benzin

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Der Absatz von Hybrid- und Stromautos boomt beim Autobauer. 2020 geht es für den BMW-Konzern aber vor allem darum, Verluste zu vermeiden.

Der BMW-Konzern erwartet einen schnelleren Wandel zur Elektromobilität. Im dritten Quartal setzte der Konzern fast 50 Prozent mehr Elektro- und Hybridfahrzeuge im Vergleich zum Vorjahr ab. „Die Stoßrichtung ist eindeutig“, sagte Finanzvorstand Nicolas Peter am Donnerstag in München. „Die Entwicklung geht zulasten der Verbrenner“, BMW sei beim Antriebswechsel „eher schneller als langsamer“ unterwegs.

Da gleichzeitig die Kosten gesenkt werden müssten, werde BMW sein Motorenprogramm für Verbrenner weiter reduzieren. Zudem deutete Peter Gespräche mit Partnern über mögliche Kooperationen im Motorenbereich an.

Benzin- und Dieselantriebe verlieren bei dem Dax-Konzern massiv an Bedeutung. Bis 2030 will BMW in Summe sieben Millionen Stromautos verkauft haben, den Anteil von Elektro- und Hybridautos im Gesamtabsatz auf 50 Prozent steigern. Die Masse der verkauften Neuwagen soll vollelektrisch sein, bei Hybridautos sollen über die Jahre immer kleinere Verbrenner eingesetzt werden.

Die Autoindustrie ist massiv unter Druck: Der Absatz ist aufgrund der Coronakrise eingebrochen, allein BMW liegt seit Jahresbeginn um 12,5 Prozent unter dem Vorjahr. Auf der anderen Seite will die EU-Kommission die Anforderungen an die Autoindustrie massiv verschärfen. So sollen die Emissionen bis 2030 nicht wie bisher geplant um 37,5 Prozent sinken, sondern sogar um die Hälfte im Vergleich zu 2021.

„Europa geht mit der kurzfristigen massiven Verschärfung der CO2-Ziele einen zu risikoreichen Weg“, sagte Hildegard Müller, Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA), Mitte September dem Handelsblatt. „Aber dirigistische Eingriffe, die die Erreichung von Unternehmenszielen unmöglich machen, gehen nicht ohne zusätzliche, schmerzhafte Arbeitsplatzverluste einher.“

Bei BMW läuft der Abbau von 6000 Jobs bereits, rund 10.000 Leiharbeiter sollen Arbeitnehmerkreisen zufolge gestrichen sein. Hinzu kommen Zehntausende Jobs bei Zulieferern wie Continental oder Schaeffler, die viele mechanische Komponenten für die Verbrennungsmotoren liefern. Der Weg zur Elektromobilität ist für die Münchener beschlossene Sache.

„Wenn Sie die Anforderungen nicht erfüllen, dann sind Sie nicht mehr im Spiel, nicht einmal mehr auf der Ersatzbank“, sagte Peter mit Blick auf die Klimavorgaben der EU. „Wir sehen uns aber als ein Unternehmen, das die Ziele erreichen kann“, sagte der Finanzvorstand. 2020, dem ersten Jahr, ab dem Strafzahlungen in der EU berechnet werden, werde BMW seine Ziele sogar übererfüllen, sagte Peter.

Getrieben wird die Nachfrage vor allem durch die Elektroförderungen in Deutschland, den Niederlanden oder Norwegen, wo mittlerweile 80 Prozent der Neuwagen Elektro- oder Hybridmotoren haben. Auf der anderen Seite werden Benzin und Diesel über die Klimaabgabe stetig teurer, allein im kommenden Jahr voraussichtlich um sieben Cent pro Liter.

London, Paris und Madrid planen mittelfristig, Verbrennungsmotoren aus dem Stadtgebiet zu verbannen. Kalifornien hat für 2035 das Ende von Benzin- und Dieselmotoren angekündigt. Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sprach sich jüngst für ein Ende des Verbrennungsmotors aus – nachdem er im Sommer noch Verkaufsanreize dafür gefordert hatte.

Rückstand auf Tesla aufholen

Bei BMW beginnt der Umschwung jetzt. Über 90 Prozent der Neuwagen fahren noch mit Benzin oder Diesel. Derzeit hat das Unternehmen ein halbes Dutzend Hybridmodelle im Markt und neben dem seit 2012 gebauten „i3“ jetzt den Elektro-Mini im Angebot.

Seit einigen Tagen wird in China der X3 in einer Elektrovariante gebaut und nach Deutschland exportiert. Aus den deutschen Werken sollen 2021 dann das elektrische SUV „iNext“ und die Stromlimousine „i4“ folgen, anschließend bekommen die 7er- und 5er-Reihe Elektroantriebe.

Mit der Palette hofft man den Vorsprung des Konkurrenten Tesla aufzuholen, der mittlerweile den Markt für Elektroautos dominiert und ab dem kommenden Jahr in Brandenburg produzieren will. Auch die deutschen Rivalen Audi und Mercedes haben sich in der Elektromobilität ehrgeizige Ziele gesetzt und schichten ihre Kapazitäten um.

So will Daimler-Chef Ola Källenius die Zahl der Motorenvarianten bei Verbrennern um 70 Prozent reduzieren und so die Kosten drücken. Ab 2025 will Daimler dann wieder hohe einstellige, bei guter Marktlage sogar zweistellige Renditen einfahren.

2020 geht es für Daimler und BMW darum, keine Verluste zu machen. Nach dem massiven Einbruch im ersten und zweiten Quartal ist der Absatz im dritten Quartal wieder über Vorjahr, am Ende des Jahres soll bei BMW ein leichter operativer Gewinn stehen. „Wir sind auf dem Weg, die Ziele zu erreichen“, sagt Peter.

Vor allem die hohe Nachfrage nach dem Luxusmodell 8er oder dem großen SUV X7 und der Absatzsprung in China sorgten dafür, dass der Autobauer gut durch die Coronakrise kommt. In China, dem weltgrößten Absatzmarkt, verkaufte BMW im dritten Quartal fast ein Drittel mehr Autos als im Vorjahr.

Für 2021 wagt der Konzern keine Prognose. Mittelfristig will BMW wieder acht bis zehn Prozent Rendite aus dem Autogeschäft ziehen. Erreicht werden soll das mit einer massiven Kostenreduktion durch das Streichen von wenig gefragten Modellen und Antrieben. Gleichzeitig soll aber weiter kräftig in Forschung und Entwicklung investiert werden.

Der Schwerpunkt liegt laut Peter auf „emissionsfreier Mobilität“ und dem „digitalen Backbone“. Die Vernetzung der Autos sei vor allem in den USA und China neben dem Design zum wichtigsten Kaufkriterium geworden.

Nicht erwähnt sind damit das Autonome Fahren und die Mobilitätsdienste, die bis vor kurzem bei BMW neben der Elektromobilität und der Digitalisierung noch gleichberechtigt genannt wurden. Im Juni hat BMW sein gemeinsam mit Daimler gegründetes Joint-Venture zur Entwicklung eines voll autonom fahrenden Autos aufgegeben.

Und auch die kostspielig aufgebauten Mobilitätsdienste spielen bei BMW keine große Rolle mehr. Nachdem der Carsharing-Dienst „Share Now“ in Nordamerika und vielen europäischen Städten eingestellt wurde, steht nun offenbar auch der Rückzug aus dem Mobilitätsdienst „Free Now“ an. Berichte, nach den Uber mit BMW und Daimler über einen Verkauf verhandelt, wollte Finanzvorstand Peter nicht kommentieren.