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„Wir machen BMW nachhaltig“ – Oliver Zipse fordert mehr Tempo bei der Ladeinfrastruktur

·Lesedauer: 7 Min.

Der BMW-Chef spricht über die Notwendigkeit der Transformation, das Versprechen der Nachhaltigkeit – und den Wunsch der Kunden nach großen Autos.

„Die Priorität muss in den kommenden Jahren auf die Ladeinfrastruktur gelenkt werden.“ Foto: dpa
„Die Priorität muss in den kommenden Jahren auf die Ladeinfrastruktur gelenkt werden.“ Foto: dpa

Oliver Zipse hätte die Gäste des Handelsblatt Auto-Gipfels gerne persönlich in München begrüßt. Doch in Corona-Zeiten müsse man flexibel sein, sagt der BMW-Chef.

Aus einer Lounge zugeschaltet steht er neben dem noch verhüllten „iNext“ – einem neuen Elektroauto, das BMW kommende Woche vorstellen will. Mit dem neuen Strom-SUV möchte Zipse beweisen, dass der Konzern in der Elektromobilität und der Digitalisierung im Spitzenfeld der Autoindustrie fährt.

BMW wolle wieder mehr Luxus bieten, aber gleichzeitig nachhaltiger werden, sagt Zipse im Gespräch mit Handelsblatt-Ressortleiterin Kirsten Ludowig und Chefredakteur Sven Afhüppe.

Lesen Sie hier das komplette Interview:

Herr Zipse, Sie sagen, die positive Seite von Mobilität ist in den vergangenen Jahren in den Hintergrund geraten. Wollen Sie jetzt den Gegenbeweis antreten?
BMW steht dafür, dass Mobilität weiter Freude machen darf. Dazu müssen wir natürlich überzeugende Lösungen anbieten. Denn die Auffassung, was erfolgreiches Wirtschaften in unserer Industrie wirklich bedeutet, hat sich grundlegend geändert. Darüber führen wir intensive Diskussionen – aber vor allem dürfen wir den Kunden nicht vergessen.

Unsere Kunden möchten ein Fahrzeug fahren, das ihnen Freude macht und ihren Bedürfnissen entspricht. Und dazu zählt immer stärker die Nachhaltigkeit. Nachhaltigkeit ist kein Kaufgrund, sondern vielmehr ist fehlende Nachhaltigkeit ein Nicht-Kaufgrund.

Was heißt das für BMW?
Menschen werden beginnend in Europa und dann im Rest der Welt keine Autos mehr kaufen, die nicht aus nachhaltigen Firmenkulturen mit nachhaltigen Prozessen stammen. Deshalb haben wir entschieden, Nachhaltigkeit ins Zentrum unserer Ausrichtung zu setzen. Wir machen nicht eine Nachhaltigkeitsstrategie bei BMW, sondern wir machen BMW nachhaltig in allen Strukturen und Prozessen. Das ist unsere Zielsetzung.

Es hat sich nicht nur die Kundenpräferenz geändert. Die Einhaltung der Klimaziele ist die Vorgabe der EU-Kommission. Bei einer jetzt diskutierten weiteren Verschärfung der Grenzwerte für Kohlendioxid gibt es eine Diskussion, ob die Industrie diese Ziele einhalten kann. Wie sieht es bei BMW aus?
Zunächst: Wir stehen klar zu den CO2-Zielen 2020 und 2021 und sind voll auf Kurs, diese zu erfüllen. Denn wir haben zur richtigen Zeit das richtige Angebot.

Unsere Kunden werden nächstes Jahr die Auswahl aus fünf rein elektrischen Modellen und 15 Plug-in-Hybriden haben. Denn wir haben unsere Strukturen flexibel für alle Antriebsarten aufgestellt.

Die Frage ist vielmehr: Hält der Ausbau der Ladeinfrastruktur mit diesem Tempo mit, das wir gerade in den Märkten sehen? Und zweitens: Machen die Kunden mit, nicht nur in Europa, sondern überall auf der Welt?

Das sind die wichtigsten Faktoren. Deshalb plädiere ich sehr dafür, den Blick von den Fahrzeugen und dem Angebot hin zu den notwendigen Voraussetzungen in der Infrastruktur zu lenken.

VDA-Präsidentin Hildegard Müller warnt genau davor: Es kommen jetzt so viele Hybride und Elektroautos in den Markt, dass sich immer mehr Autos eine Ladestation teilen müssen. Was muss da beschleunigt werden?
Was aktuell sehr gut funktioniert, sind die Förderungen für elektrische Antriebe, die kann man auch gerne verlängern. Aber die Priorität muss in den kommenden Jahren auf die Ladeinfrastruktur gelenkt werden. Die Kunden werden zunehmend überzeugt sein, wenn das richtige Fahrzeugangebot mit der entsprechenden Ladeinfrastruktur zusammenpasst.

„Auch größere Autos können nachhaltig sein“

Wir haben über Nachhaltigkeit gesprochen und über nachhaltigen Konsum. Aber möchte der Kunde denn nachhaltigen Konsum? Die Kunden kaufen doch immer größere Autos. Auch bei BMW liegt der SUV-Anteil bei rund 45 Prozent.
Ich sehe darin keinen Widerspruch. Auch größere Autos können nachhaltig sein, wenn sie als Plug-in-Hybrid fahren oder vollelektrisch – aber auch mit einem modernen und sehr effizienten Diesel.

Ein größeres Auto ist natürlich ein Mehrwehrt für die Kunden – gerade wenn sie nur ein Auto haben, wie es bei vielen europäischen Kunden der Fall ist. Sie können mit einem SUV alle Anforderungen einer Familie abdecken – und trotzdem nicht viel verbrauchen.

Die Autokonzerne scheinen sich auf den Weg eingeschworen zu haben, CO2-freie Mobilität anzubieten. Ist es denn überhaupt möglich, zu einem vernünftigen Preis in einem absehbaren Zeitraum Elektromobilität, Wasserstoff oder synthetische Kraftstoffe zu entwickeln, um überhaupt eine Auswahl zu schaffen?
Als globales Unternehmen wissen wir, dass die Bedingungen in den verschiedenen Weltregionen sehr unterschiedlich sind. BMW versorgt 140 Märkte mit Fahrzeugen. Da dürfen wir nicht davon ausgehen, dass die politischen Rahmenbedingungen, die Voraussetzungen in der Infrastruktur und die Vorlieben der Kunden überall identisch sind.

Wir diskutieren hier sehr stark aus einer deutschen Perspektive. Nehmen wir stattdessen Japan mit seinen eng bebauten Metropolen wie Tokio. In solchen sehr dicht besiedelten Räumen wird es kaum möglich sein, schnell eine flächendeckende Ladeinfrastruktur für Elektroautos aufzubauen. Deswegen hat sich dieses Land sehr früh für den Aufbau einer Wasserstoff-Infrastruktur entschieden.

Was heißt das für BMW?
Wir haben für uns folgenden Schluss gezogen: Solange es diese Vielfalt in der Nachfrage gibt und wir mit vier oder fünf Antriebsformen ein erfolgreiches Geschäftsmodell haben, werden wir das weiterbetreiben.

Aber wir haben uns auch so flexibel aufgestellt, dass wir bei einer Änderung der Kundenwünsche schnell reagieren können. Für uns ist das genau die richtige Strategie – und jeder Tag bestätigt uns darin, auf dem richtigen Weg zu sein.

„Für uns haben die USA eine enorme Bedeutung“

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hat noch einmal gefordert, dass der Verbrennungsmotor 2035 auslaufen soll wenn es geht, sogar noch früher. Was entgegnen Sie ihm?
Die Debatte wird regional unterschiedlich geführt. Wenn es denn eines Tages so kommen sollte, dann werden wir vorbereitet sein und die passenden Produkte im Angebot haben. Man muss sich aber vorher genau überlegen, was die Folgen einer solchen Entscheidung sind. Und inwieweit ein grundsätzliches Verbot die Mobilitätsstruktur des Landes verändern würde.

Wird individuelle Mobilität für alle Menschen dann noch erreichbar sein? Diese Debatte muss geführt werden. Denn wenn ein Verbot zur Folge hätte, dass verstärkt Autos mit alter Technologie auf der Straße weitergefahren würden, dann wäre die Zielsetzung Klimaschutz verfehlt.

Ihre größte Fabrik weltweit steht in South Carolina in den USA. Inwieweit spielt ein möglicher Wechsel im Weißen Haus auch mit Blick auf die Handelskonflikte eine Rolle?
Unser Werk in Spartanburg in South Carolina betreiben wir seit 1992, und es hat dazu geführt, dass die USA immer in der Topliga unserer drei größten Märkte mitgespielt haben. Daran hat sich auch in den vergangenen Jahren nichts geändert.

Für uns haben die USA eine enorme Bedeutung, wir haben bereits über elf Milliarden Dollar in das Werk investiert und bauen dort unsere sehr erfolgreichen X-Modelle für die ganze Welt. Deswegen waren wir auch 2019 wieder wertmäßig der größte Nettoexporteur für Fahrzeuge aus den USA heraus. Unabhängig vom Wahlausgang werden die USA daher immer eine große Bedeutung für uns haben, und wir werden dort auch in Zukunft weiter investieren.

Wo genau sehen Sie die größte Herausforderung bei der Transformation der deutschen Autoindustrie?
Wir haben in dieser Transformation ja schon vieles bewegt: Seit 2009 haben wir über 45.000 Mitarbeiter im Umgang mit elektrifizierten Fahrzeugen qualifiziert, beim Thema Big Data und Data Analytics sind es sogar über 15.000 allein seit 2019. Unser Produktionsnetz ist hervorragend auf den steigenden Anteil der E-Mobilität vorbereitet, und 2022 werden alle deutschen Werke vollelektrische Modelle produzieren.

Spannend ist trotzdem die Gleichzeitigkeit der Herausforderungen und technologischen Entwicklungen. Man darf sich nicht der Illusion hingeben, dass eine Einzeltechnologie über den Markterfolg entscheidet.

Der hängt immer davon ab, ob die einzelnen Komponenten und Technologien zu einem überzeugenden Gesamtangebot zusammengeführt werden können. Nicht an einer Stelle überziehen, aber dort Gas geben, wo wir den nächsten Sprung machen müssen. Diese Balance herzustellen ist mir ein persönliches und unternehmerisches Anliegen.

Zum Schluss ein Blick in die Glaskugel: Wie lange wird es dauern, bis wir Medien oder die Finanzmärkte nicht mehr darüber sprechen, dass Tesla bei der Entwicklung der neuen Mobilität vorn ist?
Für die Medien könnten Sie das doch am besten beantworten. Aber im Ernst: Wenn Sie unsere kommenden Produkte wie den BMW i4, den iNext und den elektrischen 7er selbst erleben, dann werden die Karten neu gemischt. Davon sind wir fest überzeugt.

Herr Zipse, vielen Dank für das Interview.