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Notenbanken fürchten wachsende Zahl an Firmenpleiten

Die Dachorganisation der Notenbanken warnt vor einer Pleitewelle, was auch die Banken belasten würde. Daher müssten laut Experten auch Aktionäre ihren Beitrag leisten.

In der Corona-Pandemie sind die Notenbanken weltweit entscheidende Krisenmanager geworden. Mit beispiellosen Maßnahmen haben sie einen Zusammenbruch der Wirtschaft verhindert. In ihrem Jahresbericht analysiert die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) die Krisenpolitik. Die BIZ ist eine Art Dachorganisation der Notenbanken weltweit.

Ihr Fazit: Nachdem es anfangs vor allem darum ging, die kurzfristige Zahlungsfähigkeit der Unternehmen zu sichern und die Finanzmärkte zu stabilisieren, verschiebt sich nun der Fokus. „Wir befinden uns jetzt im Übergang zur nächsten Phase der Solvenzrisiken“, sagt Hyun Song Shin, Chefvolkswirt der BIZ. Im Vordergrund steht nun also die Frage, ob das längerfristige Überleben vieler Unternehmen gesichert ist.

Wichtig sei, dass die wirtschaftliche Erholung durch fortgesetzte Kreditvergabe der Banken gestützt werde. „Um eine Analogie zum Gesundheitssystem herzustellen: Es geht darum, die Sterblichkeitskurve der Unternehmen abzuflachen“, sagt Shin.

Die BIZ verweist darauf, dass es bereits eine Welle von Herabstufungen der Kreditwürdigkeit von Unternehmen gegeben hat. Die Gefahr sei, dass es nun verstärkt zu Firmenpleiten kommt – was wiederum die Banken und den Finanzsektor insgesamt stark belasten würde.

Ein klassisches Problem in einer Rezession ist, dass mehr Kredite ausfallen und das zu Verlusten bei den Banken führt. Diese halten sich dann mit der Kreditvergabe zurück – was die Krise noch verstärkt. Um einen solchen sich selbst verstärkenden Effekt in der Krise zu verhindern, haben viele Länder jüngst staatliche Kreditgarantien eingeführt. In Deutschland sichert die Staatsbank KfW viele Kredite an Unternehmen ab.

Banken sind Teil der Lösung

Hyun Song Shin begrüßt solche staatlichen Kreditgarantien: „Dies ist sehr wichtig, damit die Banken die Kreditvergabe nicht zu einem Zeitpunkt verknappen, an dem der Druck auf die Unternehmen am größten ist.“ Insgesamt sieht er den Bankensektor besser aufgestellt als in der Finanzkrise ab 2007. Er sei diesmal Teil der Lösung, nicht Teil des Problems.

In der Finanzkrise standen die Banken im Mittelpunkt der Krise. Die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers sandte Schockwellen rund um den Globus. Ausgangspunkt der aktuellen Krise ist dagegen ein externer Schock durch die Corona-Pandemie.

Das abrupte Herunterfahren der Wirtschaft hat viele Unternehmen schwer getroffen – was sich künftig in Form höherer Kreditausfälle bemerkbar machen könnte. Die Banken hätten sich in der frühen Phase der Krise als ziemlich widerstandsfähig erwiesen, sagt Shin. „Sie werden aber jetzt die Auswirkungen der Solvenzkrise spüren.“

Um die Kapitalbasis der Banken in der Krise zu schonen, müssen aus seiner Sicht auch die Aktionäre einen Beitrag leisten. „Wir sind der Meinung, dass das Aussetzen von Dividendenzahlungen der Banken ein sehr wichtiger Schritt ist, der inzwischen weltweit weitgehend übernommen wurde.“

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat den Kreditinstituten im Euro-Raum vorrübergehend die Ausschüttung von Dividenden und Aktienrückkäufe untersagt. Auch die US-Notenbank Federal Reserve verbietet Aktienrückkäufe und Dividendenerhöhungen.

Notenbanken greifen entschieden ein

Besonders betroffen von der Wirtschaftskrise durch die Corona-Pandemie sind Schwellenländer wie Brasilien und Indien. Sie verzeichneten auf dem Höhepunkt der Turbulenzen an den Finanzmärkten im März und April dramatische Kapitalabflüsse, die höher waren als in der Finanzkrise. Seither allerdings hat sich die Situation dort beruhigt.

BIZ-Experte Shin führt dies darauf zurück, dass es „den Zentralbanken der Schwellenländer gelungen ist, entschieden einzugreifen und die Geldpolitik zu lockern“. Dies sei ein großer Unterschied im Vergleich zu vorherigen Krisen. „Wenn es früher zu Kapitalabflüssen kam, haben die Zentralbanken der Schwellenländer die Geldpolitik gestrafft und die Zinssätze sehr stark angehoben.“

Ein wichtiger Grund für dieses Vorgehen in der Vergangenheit war, dass sich Schwellenländer stark in fremder Währung verschuldet hatten. So gerieten sie bei einer Abwertung ihrer Landeswährung unter Druck, weil dadurch die Last ihrer Schulden zugenommen hat. Um die Abwertung zu bremsen, reagierten sie mit Zinserhöhungen.

Diesmal sei das Gegenteil zu beobachten gewesen, so Shin. Viele Schwellenländer senkten in der Krise die Zinsen und lockerten ihre Geldpolitik. „Der Grund dafür ist, dass der größte Teil der Auslandsverschuldung der Schwellenländer gegenüber Ausländern heutzutage in Landeswährung notiert.“ Vor allem die Staatsschulden der Schwellenländer notierten hauptsächlich in der eigenen Landeswährung.