Deutsche Märkte schließen in 3 Stunden 11 Minuten

Bitcoin erstmals über 40.000 Dollar – „Ausmaß der Rally außer Kontrolle geraten“

·Lesedauer: 4 Min.

Die Kryptowährungen profitieren von den Ausschreitungen in den USA. Die Analysten der DZ-Bank warnen vor einem unbedachten Einstieg – und ziehen einen Vergleich zum Roulette.

Der Bitcoin ist in bis vor Kurzem noch für unmöglich gehaltene Sphären vorgedrungen: Am Donnerstagabend stieg die Kryptowährung erstmals über die Marke von 40.000 Dollar. Der neue Rekord liegt laut Daten des Analysehauses Coinmarketcap bei 40.180 Dollar.

Am Freitag kommt es allerdings zu Gewinnmitnahmen. Zuletzt notierte der Bitcoin rund vier Prozent unter seinem Rekordhoch bei rund 38.500 Dollar.

Mit dem Bitcoin hatten am Donnerstag auch andere Digitalwährungen wie Ethereum und Ripple zum Teil zweistellig zugelegt. Die Marktkapitalisierung aller Kryptowährungen zusammen beträgt laut Coinmarketcap damit das erste Mal mehr als eine Billion Dollar, allein alle Bitcoins zusammen sind 700 Milliarden Dollar wert.

Die Kryptowährungen etablieren sich als ernstzunehmende Anlageklasse, meint Bitcoin-Experte Timo Emden vom gleichnamigen Analysehaus. Vor allem die jüngsten Renditen würden neue Anleger anlocken, mit einem gesunden Aufstieg habe die aktuelle Hausse aber nicht mehr viel zu tun.

„Die Geschwindigkeit und das Ausmaß der Rally sind spätestens jetzt außer Kontrolle geraten“, sagt Emden. „Eine ausgeprägtere Konsolidierungsphase scheint mehr als überfällig. Die Anleger kennen nach wie vor keine Höhenangst und wägen derzeit zwischen einer vermeintlichen Jahrhundertchance oder einem Hype ab.“

Er beobachtet bei vielen einzelnen Händlern ein hohes spekulatives Interesse. Nachdem Ende des vergangenen Jahres institutionelle Anleger das Marktgeschehen bestimmt hatten, erwartet Emden, dass spätestens jetzt das Krypto-Fieber bei Privatanlegern endgültig ausbrechen wird. „Dabei vergessen die Investoren abermals die Gefahren, welche ein solches Investment mit sich bringt“, sagt Emden.

Für den aktuellen Anstieg dürften nicht zuletzt die politischen Unruhen in den Vereinigten Staaten verantwortlich sein: Anhänger des scheidenden Präsidenten Donald Trump hatten am Mittwochabend das Kapitol gestürmt, während der Kongress sich anschickte, Joe Bidens Wahlsieg formell zu bestätigen. Nach Polizeiangaben kamen bei den Unruhen vier Menschen ums Leben.

Bitcoin macht Gold Konkurrenz

Hinzu kommt, dass sich bei der Senats-Stichwahl im US-Bundesstaat Georgia die beiden Kandidaten der Demokraten durchgesetzt haben. Damit übernimmt die Biden-Partei die Oberhand im Senat. Da sie auch das Repräsentantenhaus kontrolliert, startet Biden mit einer parlamentarischen Mehrheit in seine Amtszeit. Anleger erwarten weitere Konjunkturhilfen für die in der Coronakrise angeschlagene US-Wirtschaft, was die Staatsschulden und die Inflation erhöhen dürfte.

Von beiden Effekten profitiert der Bitcoin. Befürworter sehen die Kryptowährung als digitalen Goldersatz – also als ein potenziell sicherer Hafen in stürmischen Zeiten auf den Finanzmärkten und als Absicherung gegen Inflation. Analysten der US-Bank JP Morgan hatten daher zuletzt für die Kryptowährung ein langfristiges Kursziel von 146.000 Dollar ausgegeben. Sie glauben, dass der Bitcoin mit Gold als „alternativer“ Währung konkurrieren wird.

Allerdings ist der Bitcoin für seine wilden Preisschwankungen bekannt. Erst am Montag dieser Woche war er um 17 Prozent eingebrochen und war zwischenzeitlich weniger als 28.000 Dollar wert. Das war der größte Tagesverlust seit März vergangenen Jahres. In den vergangenen zwölf Monaten hat die Digitalwährung mittlerweile fast 350 Prozent an Wert gewonnen.

Kritiker sehen in der Kryptowährung daher eine riesige Spekulationsblase und kritisieren zudem den hohen Stromverbrauch bei der Herstellung und Nutzung des Bitcoins. Die virtuelle Währung entsteht beim sogenannten „mining“, also beim Schürfen. Die Computer der Schürfer müssen dabei Rechenaufgaben lösen und werden dafür mit Bitcoins belohnt.

Nur als Beimischung geeignet

„Die hiermit verbundenen Kosten spielen nur so lange keine Rolle, wie Miner für ihre Arbeit durch neue Bitcoin-Einheiten ausreichend entlohnt werden“, schreiben die Analysten der DZ-Bank in einer Studie, die dem Handelsblatt vorab vorliegt. „Andernfalls würden sie entweder ihre Arbeit einstellen oder eine Gebühr für Transaktionen einfordern – so oder so wäre damit zu rechnen, dass die Attraktivität der Kryptowährung leidet.“

Die Experten der DZ-Bank sehen sowohl bei den Bitcoin-Kritikern, die schon lange dessen Niedergang prognostizieren, als auch bei den Anhängern nachvollziehbare Argumente. Einen Einstieg in die Bitcoin Rally vergleichen sie daher mit einem Roulette-Spiel: „Während eine Beimischung in ein Portfolio für den ein oder anderen Sinn ergeben mag, sollte bei der Altersvorsorge sicherlich nicht gänzlich auf Bitcoin & Co. gesetzt werden.“ Als Faustregel gelt, dass interessierte Anleger nur so viel Geld investieren sollten, wie man bereit ist, als Totalverlust in Kauf zu nehmen.