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Biotech-Pionier Qiagen verliert 1,3 Milliarden Börsenwert auf einen Schlag

Der überraschende Rücktritt von Qiagen-Chef Schatz und die zweite Gewinnwarnung in Folge sorgen für Enttäuschung bei Investoren.

Der Hildener Biotechkonzern steckt in der Krise. Foto: dpa

Deutschlands führendes Biotechunternehmen, die Hildener Qiagen-Gruppe, ist in eine Wachstums- und Führungskrise gedriftet. Der Hersteller von Diagnostika und Gentechnik-Produkten musste am späten Montagabend seine Wachstumsprognose für das dritte Quartal revidieren. Zugleich gab der langjährige Firmenchef Peer Schatz, 54, überraschend seinen Rücktritt bekannt.

Die Börse reagierte deutlich verschreckt. Die Qiagen-Aktie gab im frühen Handel in Frankfurt um mehr als 20 Prozent nach. Das bisher höchstbewertete deutsche Biotechunternehmen verlor damit auf einen Schlag gut 1,3 Milliarden Euro an Börsenwert.

Der Rücktritt von Schatz kam offenbar auch intern überraschend. An seiner Stelle soll nun Thierry Bernard, der bisherige Leiter des Bereichs Molekulardiagnostik, vorrübergehend als Interims-CEO die Führung übernehmen, bis einer neuer Vorstandschef gefunden ist. Schatz werde dem Qiagen-Aufsichtsrat künftig als Berater zur Verfügung stehen, teilte das Unternehmen mit.

Schatz, der 1993 als junger Finanzchef bei der damals nur rund 20 Mitarbeiter großen Qiagen begann, gehört zu den Urgesteinen der deutschen Biotech-Szene. Im Jahr 2004 hatte er als Nachfolger von Firmengründer Metin Colpan den CEO-Posten übernommen und das Hildener Biotechunternehmen mit einer Serie von Zukäufen und Neuentwicklungen ins Diagnostikgeschäft geführt.

Mit einem Umsatz von zuletzt insgesamt 1,5 Milliarden Dollar (rund 1,36 Milliarden Euro) zählt sich Qiagen zu den führenden Anbietern von System zur Aufbereitung von DNA und auch zu den führenden Akteuren in der molekularen (genbasierten) Diagnostik.

Seine Wachstumsambitionen konnte der Konzern indes zuletzt nicht erfüllen. Am Montagabend musste das Unternehmen daher seine Prognose für das dritte Quartal und das Gesamtjahr nach unten revidieren. Qiagen verbuchte danach im dritten Quartal nur drei Prozent Umsatzplus statt der erwarteten vier bis fünf Prozent. Als Grund nennt das Unternehmen eine unerwartet schwache Entwicklung in China.

Für Qiagen ist es bereits die zweite Umsatzwarnung in diesem Jahr, was bei Investoren und Analysten offenbar einige Skepsis auslöst mit Blick auf die Perspektiven des Konzerns. Sie gehen davon aus, dass Qiagen nun auch die Prognose für das Gesamtjahr revidieren wird und sehen zum Teil auch die längerfristigen Aussichten in Gefahr. „Wir sehen die mittelfristigen Wachstumsziele von acht bis neun Prozent pro Jahr noch mehr im Risiko als bisher“, heißt es etwa in einem Kommentar von Commerzbank-Analyst Daniel Wendorff.

Kooperation mit US-Konkurrenten vereinbart

Für Unsicherheit sorgt auch die offenbar enttäuschende Entwicklung im Bereich der Gen-Sequenzierung, wo Qiagen eine Niederlage einräumen muss. Die Weiterentwicklung des eigenen Genereader-Systems wird das Unternehmen einstellen.

Stattdessen vereinbarte das Hildener Unternehmen nun eine Kooperation mit dem US-Konkurrenten Illumina, dem weltweit führenden Hersteller von Systemen zur Gen-Sequenzierung. Bei diesem Verfahren werden Genome detailliert analysiert. Wissenschaftler setzen es auf breiter Front ein, und das Verfahren spielt auch in der Routine-Diagnostik inzwischen eine immer größere Rolle, insbesondere bei Krebserkrankungen.

Qiagen hat versucht, in diesem Bereich eine eigene Position mit eigener Technik aufzubauen und hatte dazu in den letzten Jahren eine Reihe von Firmen und Technologien zugekauft. Die eigenen Entwicklungsaktivitäten im Bereich Sequenzierung will das Unternehmen nun jedoch weitgehend einstellen. Stattdessen setzt das Unternehmen in dem Bereich auf die Kooperation mit Illumina.

Die Zusammenführung der „hochkomplementären Kompetenzen“ beider Unternehmen markiere einen wichtigen Meilenstein bei der Erweiterung des Einsatzes von NGS-Technologien (next generation sequencing) in der klinischen Entscheidungsfindung, kommentierte Schatz die Entscheidung.

Analysten bewerten den Deal als im Prinzip sinnvoll, sehen ihn zugleich aber auch als Beleg dafür, dass Qiagen mit eigener Technologie nicht gegen den Marktführer Illumina konkurrieren konnte.

Der Rückzug aus der Entwicklung eigener Sequenzier-Techniken und ein Umbau der globalen Produktionsstruktur geht bei Qiagen mit einem größeren Restrukturierungsprogramm einher, für das der Konzern 260 bis 265 Millionen Dollar an Aufwand im dritten Quartal verbuchen will. Knapp 200 Millionen Euro davon entfallen nach Angaben Qiagens auf Wertberichtigungen im Bereich Sequenzierung (NGS).

Wachstumsschwäche im Diagnostika-Geschäft

Mit der Wachstumsschwäche im Diagnostika-Geschäft steht Qiagen unterdessen nicht alleine da. Auch Konkurrenten wie Roche und Healthineers verbuchten im ersten Halbjahr 2019 nur moderate Zuwächse von wenigen Prozent. Selbst der Sequenzier-Spezialist Illumina, der in den Vorjahren noch stets zweistellig zulegte, steigerte seine Erlöse im ersten Halbjahr nur um bescheidene vier Prozent.

Allerdings kämpft Qiagen im Prinzip schon seit Längerem mit einer gedämpften Dynamik. Zwar konnte der Konzern seine Erlöse in den letzten Jahren regelmäßig um Werte zwischen drei und sieben Prozent steigern. Er musste dafür aber relativ stark in Sachanlagen und Zukäufe investieren und operierte mit einer Investitionsquote von im Schnitt rund 20 Prozent über die letzten Jahre.

Dessen ungeachtet verabschiedet sich der langjährige Firmenchef Peer Schatz mit einem optimistischen Ausblick für den Konzern. „Unser Life-Sciences-Portfolio steht vor starkem Wachstum. Unser Molekulardiagnostik-Portfolio ist eines der spannendsten in unserer Industrie, das durch unsere neue strategische Partnerschaft mit Illumina nun zusätzlich deutlich gestärkt worden ist“, wird er in der Pressemitteilung zum Führungswechsel zitiert.

„Unser Bioinformatik-Portfolio ist führend bei digitalen Lösungen für molekulare Erkenntnisse. Wir haben noch viele Möglichkeiten und leiten nun ein neues Kapitel der Qiagen-Wachstumsstory ein.“
Investoren fehlte am Dienstag jedenfalls die Zuversicht, dem scheidenden Qiagen-Chef in diesen optimistischen Prognosen zu folgen.