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Biontech wird zum Spielball im Konflikt zwischen China und Taiwan

Heide, Dana Hofmann, Siegfried Kölling, Martin
·Lesedauer: 5 Min.

Taiwan will seine Bürger mit dem Impfstoff von Biontech versorgen. Doch Peking verhindere das, unterstellt die taiwanesische Regierung. Sie hofft nun auf Berlin.

Biontech will seinen Covid-Impfstoff „Comirnaty“ an Taiwan verkaufen – doch der Konflikt zwischen China und Taiwan verhindert bislang offenbar das Geschäft, wie Taiwans Gesundheitsminister und Chef der epidemischen Kommandozentrale Taiwans, Chen Shih Chung, andeutete.

In einem Radiointerview sagte er, dass Taiwan mit Biontech den Kauf von fünf Millionen Dosen des deutsch-amerikanischen Impfstoffs schon fast unterschriftsreif ausgehandelt hatte und die Presseerklärung geschrieben worden war. Aber dann sei der Deal doch noch gescheitert. „Einige Leute wollten nicht, dass Taiwan zu glücklich ist“, so Chen. In einer Pause machte er dann laut Medienberichten eine Bemerkung, die darauf hindeutete, dass er damit China meinte.

Das Mainzer Unternehmen Biontech gerät zum Spielball im Konflikt zwischen Taiwan und China. Und die taiwanesische Regierung versucht in dem Ringen um den deutschen Impfstoff, die Bundesregierung als Fürsprecher zu gewinnen. Laut der „Taipeh Times“ sagte Taiwans Gesundheitsminister Chen am Donnerstag, dass der Deal mit Biontech bereits unterzeichnet sei und nur noch „die Genehmigung aus Berlin“ fehle.

Bereits Ende Januar hatte Taiwans Wirtschaftsministerin Wang Mei Hua auf das Hilfsersuchen von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier, dass Taiwan der deutschen Autoindustrie bei der Linderung des derzeitigen Chipmangels helfe, mit einer Gegenbitte reagiert: Deutschland solle dafür im Gegenzug bei der Beschaffung von Impfstoffen helfen.

Eine solche Unterstützung würde Deutschland in eine schwierige Rolle bringen und Ärger mit China hervorrufen. Peking versucht seit Jahren, Taiwan international zu isolieren, und pocht auf die Ein-China-Politik als Bedingung für diplomatische Beziehungen. Demnach vertritt nur die Volksrepublik das Land bei den Vereinten Nationen. China verlangt von anderen Ländern, keine offiziellen Beziehungen zu Taiwan zu unterhalten.

Auf Nachfrage des Handelsblatts, ob Berlin die Lieferung des Impfstoffs noch genehmigen müsse, erklärte sich das Auswärtige Amt in Berlin für nicht zuständig. Das Bundesgesundheitsministerium reagierte auf eine Anfrage zunächst nicht.

Ma Xiaoguang, Sprecher des Büros für Taiwan-Angelegenheiten des Staatsrats, einer Art Kabinett Chinas, bezeichnete die Anschuldigungen Taipehs laut chinesischen Staatsmedien als „komplette Erfindung und eine falsche Aussage“.

Befürchtungen der gewaltsamen Aneignung

Die Auseinandersetzung zwischen Taiwan und China spitzt sich derzeit immer weiter zu. Peking betrachtet Taiwan als Teil der Volksrepublik China und will eine „Wiedervereinigung“ der beiden Territorien. Dabei gehörte Taiwan nie der 1949 neu gegründeten Volksrepublik China an.

In den vergangenen Monaten stiegen die Befürchtungen, dass sich Peking das Gebiet eines Tages gewaltsam aneignen könnte – entsprechende Drohungen der Volksrepublik gab es bereits. Am Wochenende waren laut Angaben des taiwanesischen Verteidigungsministeriums erneut chinesische Kampfflugzeuge sehr nah an die Pratas-Inseln herangeflogen, die zu Taiwan gehören.

Der Konflikt zwischen Peking und Taipeh ist so verfahren, dass die taiwanesische Regierung es sogar ablehnt, mit Biontechs chinesischem Vertriebspartner Fosun Pharma zu verhandeln. Dabei haben das chinesische und das deutsche Unternehmen bei der Distribution des Impfstoffs in Festlandchina, den chinesischen Sonderverwaltungszonen Hongkong und Macau sowie Taiwan eine Kooperation vereinbart.

Die taiwanesische Zeitung „Liberty Times“ spekulierte, dass sich Fosun Pharma quergelegt hat, weil das Unternehmen nicht mehr an dem Deal beteiligt war, sondern Biontech direkt mit Taiwans Regierung verhandelt. „Warum haben die taiwanesischen Behörden die Shanghai Fosun Group umgangen und den Impfstoff von der deutschen Firma Biontech gekauft?“, fragte Staatsratsvertreter Ma.

Fosun Pharma reagierte auf eine Nachfrage des Handelsblatts zu den Spekulationen und den Vertragsverhältnissen nicht. Eine Biontech-Sprecherin betonte im Gespräch mit dem Handelsblatt, dass man „weiterhin in Verhandlungen“ sei. In einem Statement hatte Biontech zuvor versichert, dass es beabsichtige, Taiwan mit dem Impfstoff zu beliefern.

Das Mainzer Unternehmen und sein Partner US-Partner Pfizer führen derzeit mit diversen Ländern Gespräche über Impfstofflieferungen. Bisher dürfte das Unternehmen weltweit mehr als 1,3 Milliarden Dosen an Impfstoff verkauft haben. Zuletzt wurden Deals mit der EU über die Lieferung von zusätzlichen 200 Millionen Dosen und mit den USA über weitere 100 Millionen Dosen vereinbart.

Taiwan als Vorreiter des Pandemiebekämpfung

Fosun und Biontech bemühen sich bereits seit Monaten auch um eine Zulassung des Mittels in Festlandchina – bislang erfolgslos. Einzig in Hongkong soll laut der Regierung der Metropole eine Lieferung in der zweiten Februarhälfte erfolgen.

China nutzt die Pandemie, um Taiwan weiter zu isolieren. So verhinderte Peking sogar, dass Taiwan Beobachter bei der Weltgesundheitsorganisation wurde. Dabei wollte Taiwan dort seine Pandemieprotokolle darstellen, die international als vorbildlich gelten.

Taiwan führte bereits Ende Dezember 2019 erste pandemische Kontrollen und Beschränkungen für Einreisende aus dem epidemischen Epizentrum Wuhan und später China ein – und konnte so den Ausbruch der Epidemie im Keim ersticken. Die Wirtschaft wuchs daraufhin 2020 um drei Prozent – und damit sogar stärker als Chinas Wirtschaft.

Unabhängig von den Hintergründen würde ein Scheitern des Kaufs von Biontech-Impfstoff jedoch einen schweren Rückschlag für Taiwans Impfstrategie bedeuten. Voriges Jahr hatte Gesundheitsminister Chen erklärt, dass Taiwan voraussichtlich internationale Käufe von 20 Millionen Impfdosen aushandeln wolle.

Davon sollten etwa fünf Millionen Dosen über den globalen Erwerbsmechanismus für Covid-19-Impfstoffe (Covax), zehn Millionen Dosen von Astra-Zeneca und fünf Millionen Dosen von „anderen Herstellern“ bezogen werden.

Biontech und Pfizer wollen im Gesamtjahr rund zwei Milliarden Dosen des Impfstoffs „Comirnaty“ produzieren. Die EU hat bisher 500 Millionen Einheiten geordert und hält darüber hinaus eine Option auf weitere 100 Millionen Dosen.

Die USA haben bisher 300 Millionen Dosen gekauft und eine Option auf weitere 200 Millionen. Darüber hinaus haben unter anderem auch Japan, Großbritannien, Brasilien, Australien, Kanada und die Impfstoff-Initiative Covax größere Mengen geordert.