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Billiger als Billigflieger: Anfangs verteilte der Wizz-Air-Chef noch selbst Flyer – heute ist er CEO und Multimillionär

Wizz Air-Chef József Váradi.
Wizz Air-Chef József Váradi.

Heute hat József Váradi seine Angestellten, die für ihn die Tickets seiner Fluggesellschaft Wizz Air vertreiben. Das war bei weitem nicht immer so, zumindest, wenn man einer Anekdote des "Manager Magazin" Glauben schenken darf. Demnach soll Váradi, als er Wizz Air mit 38 Jahren gegründet hat, zu Beginn noch selbst an der Victoria Station in London Werbezettel verteilt haben, um polnische Landsleute "zum Umstieg vom Fernbus aufs Flugzeug zu bewegen".

Mittlerweile kommen auch Branchengrößen wie der Lufthansa-Chef Carsten Spohr und Ryanair-Chef Michael O'Leary nicht mehr um Váradi herum. Wizz Air ist in den vergangenen Jahren zu einem ernstzunehmenden Wettbewerber für europäische Airlines aufgestiegen. Váradis Fluggesellschaft hat ihren Sitz in Budapest in Ungarn. Von dort aus fliegen gut 150 Kurzstrecken-Flugzeuge quer durch Europa. Die Airbus-Maschinen sind meist erst wenige Jahre alt. Beim Strecken-Management ist Wizz Air flexibel – sogar noch flexibler, als Ryanair das ist. Feste Drehkreuze, wie Lufthansa sie hat, hat Wizz Air nicht. Gerade posiert Váradi auf der Titelseite der ungarischen Ausgabe des "Forbes"-Magazin – als einer von 100 Top-Selfmade-Persönlichkeiten des Landes.

Vom Fyler-Verteiler zum Top-Manager: Wir zeichnen hier die Karriere des József Váradi nach.

Früher hat er bei einer ungarischen Staats-Airline gearbeitet

Das "Manager Magazin" beschreibt Váradi, auf Fotos oft in Jeans zu sehen, als sportlich und jünger aussehend, als er ist. Früher hat er sogar Karate im ungarischen Jugend-Nationalteam gekämpft. Sein Umfeld nenne ihn locker "Joe".

Im Wesentlichen begann seine Karriere, als er 1991 zu dem amerikanischen Konsumgüterkonzern Procter & Gamble ging. Dort fing er als Handelsvertreter an und arbeitete sich schließlich zum Verkaufsdirektor für Mittel- und Osteuropa hoch.

Nach seiner Zeit bei Procter & Gamble leitete Váradi das ungarische Pendant zur Lufthansa – die angeschlagene ungarische Staats-Airline "Malév Hungarian Airlines". Zwei Jahre nach seiner Einstellung gab es einen Regierungswechsel, dem er zum Opfer fiel: 2003 wurde er entlassen. Zusammen mit einigen Mitstreitern reagierte er prompt und gründete Wizz Air.

Beim Aufbau von Wizz Air kam ihm Bill Franke entgegen, ein verdienter Luftfahrt-Senior, der in den USA mit dem Aufbau mehrerer Billig-Airlines für Furore sorgte. Franke investierte mit seiner Firma Indigo Partners in Váradis neue Fluggesellschaft. Dabei nutzte Váradi eine Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs: Er gründete Wizz-Air kurz bevor Ungarn und neun andere Länder der EU beitraten – ein potenzieller Wachstumsmarkt im Osten Europas.

Váradi hat das Billig-Prinzip von Ryanair auf die Spitze getrieben

Während Billigflieger wie Ryanair jede noch so kleinen Kosten optimieren, treiben Váradi und seine Mannschaft dieses Prinzip noch weiter auf die Spitze: Sie optimieren die bereits optimierten Kostenstrukturen der etablierten Billigflieger noch weiter. "Ultra-Low-Cost" nennt Váradi sein Konzept gerne.

Heißt konkret: Regionale, kleinere Flughäfen abseits der großen Drehkreuze (billiger), die junge Flotte (weniger Reparaturen) und der Fokus auf ein Flugzeugmuster (reduziert Komplexität bei der Wartung und der Lizenzierung von Flugbegleitern und Piloten). Und natürlich: Zusatzerlöse über Zusatzerlöse. Sogar über Extra-Gebühren für das Mitnehmen auch nur eines Handgepäck-Stücks habe Váradi nachgedacht.

Damit greift er vor allem auch die etablierten Airlines an. Dem "Handelsblatt" sagte er, Wizz Air und Ryanair seien "die einzigen europäischen Flugunternehmen mit guten Geschäftsaussichten". Für Váradi seien Airline-Gruppen wie Air France/KLM und Lufthansa "Legacy"-Unternehmen: Firmen mit Altlasten.

Und tatsächlich lässt sich an den Geschäftszahlen erkennen: Wizz Air scheint die Pandemie nicht ganz so viel ausgemacht zu haben wie vielen anderen Fluggesellschaften hierzulande. Staatshilfen und Kurzarbeit hat Wizz Air nicht in Anspruch genommen.

Gewerkschaften kritisieren Arbeitsbedingungen bei Wizz Air

Ob Wizz Air auch in Deutschland weiter expandieren wird, ist im Moment unklar. Spekulationen zufolge soll Wizz Air während der Pandemie ein Übernahmeangebot für Easyjet gemacht haben. Die britische Airline soll das aber ausgeschlagen haben. Vom Flughafen Berlin-Brandenburg (BER) aus fliegt Wizz Air im Moment osteuropäische Destinationen an – Flughäfen beispielsweise in Albanien, Bulgarien, Georgien, Ungarn und Rumänien. Wizz Air fliegt in Deutschland außerdem von Hamburg, Frankfurt-Hahn, Nürnberg und Köln ab.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Gewerkschaften die Arbeitsbedingungen bei Wizz Air regelmäßig kritisieren, allen voran die österreichische Gewerkschaft der Flugbegleiter Vida. József Váradi selbst hält nicht hinter dem Berg, dass er kein Fan von Gewerkschaften ist. Dem "Handelsblatt" sagte er, dass er in seinem Unternehmen keine Gewerkschaften zulasse, führe zu einer "besseren Firmenkultur".

Dieser Artikel wurde zuletzt am 15. Februar 2022 aktualisiert. Er wurde am 14. Februar 2022 veröffentlicht.