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„Biker neigen nicht zur Panik“

Trotz Corona-Krise tummeln sich gerade tausende Zweiradfans auf der Motorradmesse Dortmund. Warum der Veranstalter diese nicht absagte.

Die ITB in Berlin und die Leipziger Buchmesse wurden wegen Corona abgesagt, die Hannover Messe verschoben – auf der Motorradmesse in Dortmund aber sieht es nach Routine aus. Auf den ersten Blick ist von der Virus-Krise wenig zu merken. Ein paar Plakate fordern dazu auf, sein Gegenüber lieber anzulächeln, statt die Hand zu schütteln. Ansonsten business as usual: An den Kassen im neuen Eingangszentrum der Westfalenhalle stehen die Biker Schlange.

Bis Sonntagabend läuft hier die Messe „Motorräder 2020“, in Dortmund seit mehr als 30 Jahren die traditionelle Veranstaltung zum Saisonstart. Jährlich 90.000 Besucher kommen an vier Messetagen, die meisten am Wochenende. Am Eingang neben den Kassen steht eine schwere Suzuki-Geländemaschine, mit der ist Messeveranstalter Hans-Jürgen Weigt im vergangenen Jahr von Kanada bis Feuerland gefahren. Der 28.500 Kilometer lange Trip durch 19 Länder, sagt er, war psychisch harmlos gegenüber dem Entscheidungsdruck, dem sein Führungsteam in den vergangenen Tagen ausgesetzt war.

WirtschaftsWoche: Herr Weigt, warum haben Sie die Messe nicht abgesagt?
Hans-Jürgen Weigt: Wir haben die Situation täglich neu geprüft und bewertet. Die Motorradmesse zeigt zwar Produkte aus aller Welt, aber sie werden von den deutschen Importeuren ausgestellt. Die Besucher kommen aus Deutschland und den Benelux-Staaten.

Letztlich entscheidend war, dass Behörden nicht empfehlen, größere nationale Veranstaltungen abzusagen. Das normale Leben wird angesichts der noch überschaubaren Zahl von Infizierten in Deutschland nicht lahmgelegt. Öffentliche Verkehrsmittel fahren, Schulen und Schwimmbäder sind geöffnet, Bundesliga-Fußballspiele finden statt. Gestern Abend hat hier in der Halle 1 Atze Schröder einen großen Auftritt gehabt, vor Tausenden Leuten.

Sicher gibt es auch wirtschaftliche Gründe?
Die waren nicht entscheidend, aber sie spielten auch eine Rolle. Die Verhältnismäßigkeit zwischen Risiko und ökonomischen Schaden muss geprüft werden. Die Messe hat eine wichtige Funktion für die Motorradbranche, weil sie für diese den Start in die neue Saison markiert. Produktneuheiten und neue Motorradmodelle sind fertig entwickelt und werden vorgestellt. Ware liegt bereit, die Nachfrage der Zweiradfahrer nach Ausstattung und Fahrzeugen ist zum Saisonstart besonders hoch. Mit der Durchführung unter besonderen und von Behörden und dem Robert-Koch-Institut empfohlenen Vorsichtsmaßnahmen werden erhebliche wirtschaftliche Nachteile für die Aussteller und die gesamte Zweiradbranche minimiert.

Wie reagieren die Aussteller?
Sie sind gekommen. Und das zeigt, dass sie das Risiko ähnlich einschätzen wie wir. Von über 400 Ausstellern haben nur 17 ganz kurzfristig wegen der Infektionswelle abgesagt. Alle anderen sind da, auch Shows und Bühnenprogramm laufen wie geplant.

Und die Besucher?
Wir haben vorab gesehen, dass der Online-Vorverkauf gut weiter lief. Das zeigte uns: Die Motorradfahrer wollen in die Saison starten. Das hat die Entscheidung erleichtert. Biker neigen nicht zur Panik. Am Ende dürften es 10 bis 20 Prozent weniger Besucher werden als in den vergangenen Jahren. Aber auch in Zeiten des Corona-Virus sollten das kulturelle Leben und die Freizeitgestaltung – nicht nur mit dem Motorrad – weiter gehen.

Was hätte eine Absage für juristische Konsequenzen gehabt?
Da kommt es auf das Kleingedruckte in den Verträgen an. Das sind Klauseln, die jahrelang niemand beachtet hat und die immer alle unterschrieben haben. Grundsätzlich können Verträge mit den Ausstellern nicht einfach mit Verweis auf Infektionsrisiken gekündigt. Juristisch wäre vermutlich nur eine Absage durch Verfügung der Behörden ein Fall von höherer Gewalt gewesen. Lediglich eine Empfehlung, doch bitte abzusagen, hätte nicht gereicht. Diese Empfehlung hat es aber auch nicht gegeben.

Sie sprachen eben von behördlich empfohlenen Vorsichtsmaßnahmen. Wie sehen die aus?
Wir haben Hinweistafeln, überall Desinfektionsmöglichkeiten und die Aufforderung, die Hände gründlich zu waschen und Körperkontakt zu vermeiden. Zusätzliche Reinigungsteams sind seit Aufbaubeginn in den Hallen unterwegs. Das entspricht den aktuellen Empfehlungen zur Risikominimierung.