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Von Bierbrauer bis Mobilfunk-Riese – So leiden US-Firmen unter dem Shutdown


Der längste Shutdown in der Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika trifft längst nicht nur die Nationalparks und Museen. Die Deutsche Telekom muss sich bei ihrer geplanten Übernahme in den USA ebenso gedulden wie der Technologiekonzern Linde. Auch die Börsengänge der Fahrdienste Lyft, Uber und anderen könnten sich verzögern. Und ebenso bei der Zulassung von neuen Produkten ist Geduld angesagt.

Wegen des Shutdown, in dessen Mittelpunkt der Streit zwischen Donald Trump und den Demokraten um eine 5,7 Milliarden US-Dollar teure Grenzmauer zu Mexiko steht, sind 800.000 Beschäftigte staatlicher Behörden im Zwangsurlaub oder müssen unbezahlt arbeiten. Deshalb können die Behörden die vielen Anträge kaum bearbeiten. Je länger die Lage andauert, umso mehr Unternehmen sind davon betroffen.

Linde und T-Mobile warten

Bei der Fusion der Deutsche-Telekom-Tochter T-Mobile mit dem US-Mobilfunkanbieter Sprint etwa steht das endgültige Okay der Kommunikationsaufsicht FCC noch aus. Doch diese arbeitet derzeit mit deutlich weniger Mitarbeitern. Sie hatte am 11. September eine Frist von 180 Tagen genannt, in der die Entscheidung über die Fusion fallen soll. Theoretisch endet diese Frist Anfang März. Aber wenn der Shutdown noch lange andauert, könnte dieser Termin in Gefahr sein.

Auch bei dem geplanten Zusammenschluss von Linde und Praxair könnte es zu Verzögerungen kommen. Die Fusion an sich sei nicht in Gefahr, heißt es in Industriekreisen. Aber man sorgt sich in den Unternehmen, dass die endgültige Genehmigung länger als erhofft dauern könnte.

Auch bei der 69 Milliarden Dollar schweren Übernahme des Krankenversicherers Aetna durch die Apotheken-Kette CVS hat das Justizministerium jüngst offiziell gewarnt, dass sich die Überprüfung länger hinziehen wird.


Großfusionen müssen in den USA der Handelsbehörde (Federal Trade Commission) und dem Justizministerium vorgelegt werden. Die Prüfungen dieser Zusammenschlüsse haben die Behörden zwar als „unverzichtbar“ eingestuft, damit sie während des Ausgabestopps weitergehen. Da aber weniger Personal arbeitet, dauern sie länger.

Nicht nur Fusionen und Übernahmen stecken in der Warteschleife. Auch bei Börsengängen kommt es zu Verzögerungen. Schließlich ist ebenfalls die Börsenaufsicht SEC vom Ausgabestopp betroffen. Die ursprünglich für Januar geplanten IPOs der Biotech-Unternehmen Gossamer Bio und Alector werden wohl nicht mehr in diesem Monat stattfinden.

Uber und Lyft, deren Mega-Börsengänge in diesem Jahr anstehen, könnten ebenso betroffen sein. Beide haben ihre Anträge bereits eingereicht. Doch die Bearbeitung verzögert sich nun. Das Gleiche gilt für den Messengerdienst Slack und den Spezialisten für Daten-Analyse Palantir.

Bei Fragen oder Unklarheiten muss die Wertpapieraufsicht bei den Unternehmen nachhaken. Da könne es schnell passieren, dass „die eingereichten Finanzunterlagen auf der Basis der jüngsten Quartalsergebnisse zu alt geworden sind und neue Zahlen eingereicht werden müssen“, betont ein Investmentbanker.

Die Börsenaufsicht liegt lahm

Nelson Griggs, der Präsident der Technologie-Börse Nasdaq, sagte der Internetzeitung „Business Insider“ in Davos zum Shutdown: „Wir wollen natürlich so bald wie möglich eine Lösung sehen, weil dies Auswirkungen auf die Nasdaq hat, und zwar keine kleinen, sondern große auf die Unternehmen, die an die Börse gehen wollen.“

Die demokratische Senatorin und Präsidentschaftskandidatin Elizabeth Warren hat sich am Donnerstag in einem offenen Brief an den Chairman der SEC, Jay Clayton, gewandt. Sie möchte wissen, inwiefern die Arbeit der Banken- und Finanzmarktaufsicht überhaupt noch stattfindet unter dem Shutdown.

Millionen Amerikaner vertrauten darauf, dass die SEC „ihre Rentenfonds und College-Sparpläne schützt“, schreibt sie darin. „Es ist wichtig, zu verstehen, mit welchen Schwierigkeiten die SEC zu kämpfen hat“, argumentiert Warren in dem Schreiben.


Auch dem US-Präsidenten durchaus nahestehende Branchen sind besorgt über die Folgen der Haushaltssperre. Der Rüstungskonzern Lockheed Martin etwa warnte, dass die Ausgabensperre den Start eines kommerziellen Satelliten für einen Kunden aus Saudi-Arabien vereiteln könne.

Quasi ohne Aufsicht laufen derzeit chemische Anlagen, Ölraffinerien, Kraftwerke oder Wasseraufbereitungsanlagen. Die zuständige Umweltbehörde EPA hat viele ihrer Prüfer in den unbezahlten Urlaub geschickt.

Das ist nicht immer von Vorteil: „Ein längerer Shutdown ist sicherlich nicht gut für diese Industrie“, sagte Mike Sommers, Präsident und CEO des American Petroleum Institute. Sein Problem: Ein andauernder Shutdown könnte die Umweltbehörde daran hindern, wie von Trump gewünscht die Auflagen für Bohrungen zu lockern.

Produkte warten auf Zulassungen

Unternehmen befürchten zudem, dass ihre Produkte nicht rechtzeitig auf den Markt kommen, weil die nötigen Zulassungen der zuständigen Behörden fehlen. Das reicht vom Craft Bier über Whiskey bis zu Krebsmedizin.

Die Food and Drug Administration (FDA), die in den USA für die Zulassung von Medikamenten zuständig ist, arbeitet mit verringerter Belegschaft. Neue Medikamente werden nur geprüft, wenn die Unternehmen beweisen können, dass sie ein echter Durchbruch in der Welt der Medizin wären.

Pharmakonzerne müssen sich daher bei vielen Produkten gedulden. „Wir hoffen wirklich, dass beide Seiten zusammenkommen, um den Shutdown zu beenden“, sagte der CEO von Johnson & Johnson, Alex Gorsky, diese Woche bei der Vorlage der Quartalszahlen.

Auch die boomenden amerikanischen Craft-Bier-Brauereien, die individuelle Bierkompositionen in kleinen Mengen auf den Markt bringen, sind betroffen. Das Bureau of Alcohol, Tobacco, Firearms and Explosives (ATB) muss Lizenzen vergeben und neue Bierkompositionen zulassen.


Ohne Erlaubnis des ATB wäre es nicht einmal legal, Bierdosen von einem US-Bundesstaat in den anderen zu exportieren. Doch die ATB-Prüfer sind im Zwangsurlaub. Das trifft nicht nur die Brauereien, sondern auch den Handel und die Bar- und Restaurantszene.

Die Folgen der Haushaltssperre zeigen sich längst auch bei Fluggesellschaften und Restaurants. So belastet der Shutdown auch das Wirtschaftswachstum. „Die ökonomischen Kosten des Shutdown steigen“, schreiben die Vermögensverwalter von Brown Brothers & Harriman. Der Vorsitzende von Trumps wirtschaftlichem Beratergremium, Kevin Hassett, schätzt, dass der Shutdown das Wachstum im ersten Quartal um 0,13 Prozentpunkte reduziert für jede Woche, die er andauert.

Sechs Milliarden Dollar Schaden

„Die Uhr tickt”, warnte Ann Bovino, US-Chefökonom von S & P Global. Der wirtschaftliche Schaden für die USA werde zum Ende dieser Woche rund sechs Milliarden US-Dollar betragen, Industrie und Verbraucher seien zunehmend betroffen. „Je länger der Shutdown anhält, desto mehr Kollateralschäden wird die Wirtschaft erleiden.”

Die Ratingagentur Fitch hatte jüngst sogar mit dem Verlust des Triple-A-Ratings gedroht. James McCormack, der bei Fitch für die Bonitätsrankings verantwortlich ist, sagte, wenn der Shutdown bis März anhalte und die Schuldenobergrenze zum Problem werde, müsse man schauen, „ob all das widerspruchsfrei zu einem Triple-A-Rating ist“.


Auch Bank-Manager warnen vor den Folgen des Shutdown. Jamie Dimon, Chef der größten US-Bank JP Morgan Chase mahnte vergangene Woche, dass das Wirtschaftswachstum auf null fallen könnte, wenn der Shutdown andauere. Ähnlich besorgt äußerte sich am Donnerstag auch Mary Callahan Erdoes, die die Vermögensverwaltung bei JP Morgan leitet.

Vorstandschefs würden derzeit genau darüber nachdenken, ob sie große Investitionen, zum Beispiel in ein neues Werk, noch tätigen wollen. „Viele dieser Projekte werden einfach verschoben“, sagte Callahan Erdoes in Davos. Insgesamt sei die US-Wirtschaft jedoch robust. Trumps persönlicher Wirtschaftsberater Larry Kudlow hingegen übt sich im gewohnten Optimismus: Er behauptet: Sobald der Shutdown aufgehoben sei, „wird das Wachstum sofort zurückschnellen”.