Deutsche Märkte geschlossen

„Biden war inhaltlich zu schwach“ – wie die deutsche Wirtschaft auf die Wahl reagiert

·Lesedauer: 5 Min.

Der von vielen erhoffte klare Wahlausgang ist ausgeblieben. Wirtschaftsexperten und Unternehmer richten nun einen Appell an Europa, selbstbewusster zu werden.

Der Chef des gleichnamigen Tunnelbauers, spricht von einer „knallharten Prüfung“ für Deutschland und Europa. Foto: dpa
Der Chef des gleichnamigen Tunnelbauers, spricht von einer „knallharten Prüfung“ für Deutschland und Europa. Foto: dpa

„Wenn Aufregung helfen würde, würde ich mich aufregen.“ Mit diesem Zitat von Angela Merkel kommentierte Christian Miele am Mittwochmorgen den unklaren Ausgang der US-Präsidentschaftswahl. Freuen würde sich der Präsident des Deutschen Start-up-Verbands über einen Sieg von Joe Biden – aber der steht zur Stunde keineswegs fest.

Der von vielen in Europa erwartete Erdrutschsieg der Demokraten ist ausgeblieben. „Präsident Trump hat sich wesentlich besser geschlagen als erwartet und hat inzwischen eine sehr reelle Chance, wiedergewählt zu werden“, sagt Christian Haub, geschäftsführender Gesellschafter der Tengelmann-Gruppe.

Ähnlich reagierten zahlreiche Manager, Wirtschaftsexperten und Amerikakenner in Deutschland auf die Wahl. Er sei „überrascht“ von der Stärke von Donald Trump, sagte Miele im Rahmen eines Handelsblatt-Livestreams zum Thema. „Wie auch immer die Wahl ausgeht, die Start-up-Szene wird sich damit arrangieren müssen.“

Die Stärke des Präsidenten begründete Ute Wolf, Finanzchefin des Spezialchemiekonzerns Evonik, mit der Geschichte. Traditionell gesehen hätten Amtsinhaber in den USA einen Vorteil, sie werden eher wiedergewählt. „Die Menschen kennen ihn, man weiß, was man hat.“

Andere Faktoren spielten ebenfalls eine Rolle. „Wir unterschätzen die Spaltung der USA in ihrer Wirkung“, sagt Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln. Trump sei es laut Martin Richenhagen, Chef des US-Landmaschinenkonzerns Agco, gelungen, die „Abgehängten in den USA“ für sich zu gewinnen. Die hohe Wahlbeteiligung und die Stärke von Trump zeigten, dass es ihm gelungen sei, „Weiße in ärmeren Regionen zu mobilisieren“.

Die mäßige wirtschaftliche Bilanz von Trump fällt laut Hüther nicht so stark ins Gewicht. Der Zuwachs von Industriearbeitsplätzen sei unter Trump geringer gewesen als unter Vorgänger Barack Obama. „Auch der Handelskrieg hat im Grunde nichts gebracht.“

Es sei den Demokraten anzulasten, dass es „kein überzeugendes Alternativangebot“ gegeben habe. Als „inhaltlich zu schwach“ kritisierte Richenhagen den Präsidentschaftskandidaten Joe Biden, er habe „lediglich einen Anti-Trump-Wahlkampf“ geführt.

Chance für Europa

Die Auswirkungen der Wahl auf die deutsche Wirtschaft sind groß. Sorge herrscht um multilaterale Institutionen und Abkommen zum Welthandel, wenn Trump eine zweite Amtszeit erhält. Er wird weiter mit Präsidentschaftsdekreten regieren, weil ihm die Mehrheit im US-Kongress wohl weiter fehlen wird. „Es gibt keine Rückkehr zur Normalität“, sagt Hüther.

Der Wirtschaftsforscher fordert daher eine Stärkung Europas, das selbstbewusster seine Interessen gegen die USA und China durchsetzen muss. Die Forderung war von vielen Unternehmern zu hören. Start-up-Cheflobbyist Miele will gerne ein „europäisches Start-up-Ökosystem“ aufbauen.

Die Wahl sei nun eine Chance zur Selbstbesinnung: „Wer sind wir eigentlich?“ Europa habe viel zu bieten, es sei zwischen den USA und China „ein großartiges Angebot für alle talentierten und leistungsbereiten Menschen“.

Auch Finanzchefin Wolf von Evonik unterstützt den Gedanken. „Europa ist groß, besitzt ein Gewicht in der Welt.“ Die Unternehmen würden es sich wünschen, dass es sich dahin entwickelt. „Für das unternehmerische Handeln ist es die Basis, sich auf alle Bedingungen einzustellen.“ Aber die Corona-Pandemie habe gezeigt, dass „gemeinsames Handeln am schnellsten und effizientesten die Probleme löst“.

Vier Jahre Trump könnten laut Agco-Chef Richenhagen „eine Chance für Deutschland“ sein, aktiver zu werden und zusammen mit seinen europäischen Verbündeten eine sichtbarere Rolle zu spielen. Allerdings zweifelt er daran, die deutsche Regierung sei seit „langer Zeit gelähmt“.

Martin Herrenknecht, Gründer und Chef des gleichnamigen Tunnelbauers, spricht von einer „knallharten Prüfung“ für Deutschland und Europa. „Wir müssen uns endlich mit eindeutigen eigenen Werten und Zielen positionieren und eine überzeugende Zukunftsagenda angehen und umsetzen.“

Ansonsten werde Deutschland in der geopolitischen Zange zwischen der bestehenden Supermacht USA und der aufstrebenden Supermacht China aufgerieben. „Ich fürchte: Ohne mutige Leadership und ohne Plan in so einer Sandwich-Konstellation werden Deutschland und Europa machtpolitisch zu Makulatur.“

Unabhängig davon, wer zukünftiger US-Präsident wird, wünscht sich die deutsche Industrie einen Neustart in den transatlantischen Beziehungen. Hüther verweist auf die lange gemeinsame Geschichte und Werte: Demokratie, Freiheit und Eigenverantwortung. „Das Projekt transatlantischer Westen ist nicht zu Ende“, sagte Hüther.

Aber: „Unsere Partnerschaft ist in den vergangenen vier Jahren in schwieriges Fahrwasser geraten“, sagte BDI-Präsident Dieter Kempf. „Es muss so schnell wie nur möglich auch darum gehen, unsere Beziehungen wiederzubeleben und zu stärken.“

Es stehe zu viel auf dem Spiel: EU- und US-Unternehmen handeln Tag für Tag miteinander Waren im Wert von rund 1,7 Milliarden Euro. „Die USA müssen endlich darauf verzichten, Zölle unter dem Deckmantel der nationalen Sicherheit zu erheben oder anzudrohen“, sagte Kempf. „Importe aus der EU und von anderen Verbündeten gefährden nicht die nationale Sicherheit der USA.“

Enorme Risiken

Die Hängepartie ist ein denkbar schlechtes Ergebnis. „Für die Demokratie in den USA wäre es besser gewesen, wenn es einen eindeutigen Sieger gegeben hätte“, erklärte Frank Sportolari, Deutschland-Chef des Logistikkonzerns UPS und Präsident der amerikanischen Handelskammer in Deutschland.

Vorab hatten Umfragen deutlichere und je nach US-Bundesstaat auch völlig andere Ergebnisse vorhergesagt. Erinnerungen an den Wahltag 2016 kommen auf. „Es ist enttäuschend“, sagte Sportolari. „Man wird herausfinden müssen, warum die Prognosen wieder so danebenlagen.“

Alles läuft auf ein denkbar knappes Ergebnis hinaus, das möglicherweise erst vom obersten Gericht bestätigt werden muss. „Das birgt politisch und wirtschaftlich enorme Risiken“, sagt Hartmut Jenner, Chef des Reinigungsspezialisten Kärcher. „Es droht eine wochenlange Hängepartie, die schwerwiegende Auswirkungen auf die sowieso schon fragile wirtschaftliche Lage in den USA und die Weltwirtschaft haben wird.“ Der gleichen Meinung ist auch Hermann Bühlbecker, Alleingesellschafter der Lambertz-Gruppe: „Dies ist für die USA-Demokratie ein kritischer Zustand, der aber auch für uns nichts Gutes bedeutet.“

„Im Moment ist ja noch vieles offen. Aber alle Vertreter der deutschen Wirtschaft in den USA, die ich in den vergangenen Tagen und Wochen gesprochen habe, betonen, wie wichtig ihnen Ruhe und Stabilität sind“, sagt der Berater Matthias Amberg von Rödl & Partner in Chicago. Ganz unabhängig davon, wie die Wahl letztlich ausgeht: „Eine Phase der Unsicherheit möchte hier wirklich niemand.“

„Es würde sicher eine gewaltigen Unterschied machen, ob Biden oder Trump gewinnt“, sagt Martin Eisenhut, Deutschlandchef der Unternehmensberatung Kearney. „In einem Punkt wäre das Ergebnis aber letztlich dasselbe: Die Rolle unseres großen Bruders jenseits des Atlantiks wollen sie beide nicht mehr spielen.“