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„Biden ist nicht länger das Schreckensszenario der Börsen“

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Die Märkte blicken gespannt auf die anstehenden US-Wahlen im November. Elliot Hentov, Leiter der Politikforschung beim US-Vermögensverwalter State Street, erklärt, worauf Anleger sich jetzt vorbereiten sollten.

Elliot Hentov ist Leiter der Politikforschung bei State Street Global Advisors, dem drittgrößten Vermögensverwalter der Welt. Die Finanzprofis verwalten ein Vermögen von mehr als drei Billionen US-Dollar. Hentovs Team beobachtet die verschiedenen wirtschafts- und finanzpolitischen Entwicklungen in den USA und leitet daraus Trends für die Märkte ab.

Zu Beginn des Jahres galt Trump als Börsenliebling, der mit seinen Steuererleichterungen und Deregulierungen eine Hausse an den Finanzmärkten entfachte. Biden hingegen war mit seinen Plänen, Steuererleichterungen zurückzunehmen ein Angstgespenst für die Börse. Hat sich daran im Laufe dieses turbulenten Jahres etwas geändert?
Nein, Donald Trump ist immer noch der Liebling der Märkte. Alles, was er in seiner bisherigen Amtszeit gemacht hat, gab riskanteren Anlageklassen wie etwa Aktien Rückenwind. Niemand hat am US-Aktienmarkt unter Trumps Politik gelitten. Mit Joe Biden hingegen würde eine Politik auf die Märkte zukommen, die sie nicht mehr auf breiter Front stützt. Für einige Branchen können daraus Wachstumschancen entstehen, für andere aber auch Risiken. Man kann es so sagen: In einer Trump-Welt gibt es nur Gewinner, in einer Biden-Welt Gewinner und Verlierer. Aber Biden ist nicht länger das Schreckensszenario der Börsen. Viel schlimmer wäre, wenn es zu einem Wahldebakel kommt, das vielleicht sogar zu rechtlichen Auseinandersetzungen führt.

Welches Szenario halten Sie denn für das wahrscheinlichste?
Unseren Untersuchungen zufolge ist das wahrscheinlichste, dass es einen Linksruck gibt und Biden gewinnt. Direkt danach kommt allerdings das Wahlstreit-Szenario. Denn Trump wird nach heutigem Stand weniger Stimmen bekommen als Biden. Das entscheidet zwar nicht die Wahl, aber letztendlich wird das Ergebnis in ein oder zwei Bundesstaaten den Unterschied machen. Damit Trump eine Mehrheit bekommt, müsste entweder ein erheblicher Fehler in den Umfragen auftauchen, oder er müsste noch einen wahren Schub an Stimmen bekommen. Das erwarten wir aber nicht, da Trumps Umfragewerte sehr stabil sind. Allerdings ist es nicht unwahrscheinlich, dass es bei den Wahlen zu irgendwelchen Pfuschereien kommt. Der Anreiz, das Ergebnis dann anzufechten, ist deshalb für beide Parteien so hoch wie nie. Aus Verlierersicht wäre das schon geradezu rational.

Welcher Wahlausgang wäre für die US-Börse am besten?
Das beste Szenario wäre Biden als Präsident, aber mit einem republikanischen Kongress. Das ist jedoch ziemlich unwahrscheinlich. Realistisch gesehen wäre eine legitim anerkannte Wiederwahl Trumps das optimale Ergebnis für die US-Märkte. Zumindest kurzfristig: Trump hat sich nicht mal die Mühe gemacht hat, ein konkretes Programm aufzusetzen, sondern einfach das der vergangenen Wahl neu aufgelegt und das Datum geändert. Außerdem gab es seit der Steuerreform Ende 2017 bis zur Pandemie keine politischen Impulse mehr aus Washington. Es kann sein, dass die Märkte sich kurz für eine Wiederwahl Trumps begeistern und dann merken, dass das doch nicht so toll ist. Am ungünstigsten wäre historisch betrachtet ein republikanischer Präsident mit gemischtem Kongress. Das muss sich nicht zwingend auf die Gegenwart übertragen lassen, aber im Vergleich zu seinen Vorgängern tut Trump sich besonders schwer, Kompromisse einzugehen.

Wie sollten sich Anleger auf die kommende Wahl vorbereiten?
Im Sommer vor der Wahl schleicht sich immer eine Unsicherheit an den Börsen ein. Sobald dann klar ist, wer gewinnt, gibt es eine Erleichterungs-Rally. In der Vergangenheit war das erste Jahr nach den Wahlen immer ein gutes Börsenjahr. Der drohende Wahlstreit macht das Ganze diesen Herbst aber besonders spannend. Wer der Meinung ist, dass die Wahl angefochten wird, sollte sich defensiv aufstellen. Es könnte sich aber auch lohnen, sich auf einen Biden-Sieg vorzubereiten.

Welche Aktiensektoren würden davon profitieren?
Eines von Bidens Vorhaben ist der New Green Deal. Die großen Gewinner wären alle Unternehmen, die von nachhaltiger Klimapolitik und damit verbundenen Subventionen profitieren. Dazu gehören zum Beispiel die Elektrizitätsbetreiber und bestimmte Hersteller von Materialien, die zum Wirtschaftsumbau nötig sind. Des Weiteren will Biden ein großes Infrastrukturprogramm aufsetzen. Das würde besonders die Grundstoffindustrien und die Baubranche beflügeln.

Wer wären die Verlierer am Markt, wenn Biden Präsident wird?
Da kommen einige Tech-Werte in Bedrängnis. Nicht die ganze Branche, aber Biden will die „Big Five“, also Amazon, Apple, Facebook, Google und Microsoft härter besteuern. Das würde deren Gewinne drücken. Der Gesundheitsbereich dürfte ebenfalls unter Bidens Steuerplänen leiden – besonders die Pharmaindustrie könnte es hart treffen. Ob sie das mit möglichen Gewinnen aus Impfstoffen ausgleichen können, ist fraglich. Es gibt aber auch Branchen, die von einer Präsidentschaft Bidens relativ unberührt bleiben dürften. Zum Beispiel hat sich der Finanzsektor gerade erst konsolidiert und die meisten Regulierungen der Branche sind schon durch. Und auch die Hersteller von Standardkonsumgütern dürften unabhängig vom Wahlergebnis von der wieder anziehenden Konjunktur profitieren.

Die Wahlen werden die Märkte aber auch über die US-Grenzen hinaus beeinflussen. Welche Regionen würden von einem Machtwechsel im Weißen Haus profitieren?

Allen voran Europa. Es gibt keine Region der Welt, die so einen klaren Favoriten für das Präsidentenamt hat. Biden ist ein klassischer Transatlantiker, das würde den Europäern zugutekommen – ob im Handel, der Steuerkoordinierung oder der Sicherheitspolitik. Es gibt auch einige asiatische Schwellenländer, die profitieren würden, wenn sich die Handelspolitik der USA stabilisiert und vorhersehbarer wird. China und die USA werden sich zwar immer weiter entflechten, mit Biden wäre das Ganze aber berechenbarer. Das würde den Asiatischen Märkten insgesamt guttun.

Könnte der sonst so erhebliche Einfluss der US-Wahlen auf die Finanzmärkte dieses Mal von den Auswirkungen der Corona-Pandemie überschattet werden?
Das Marktumfeld wird sich im vierten Quartal verbessern, genau wie der Umgang mit dem Coronavirus und die Testkapazitäten. Vielleicht gibt es dann ja sogar schon einen Impfstoff. Das alles gibt Grund zur Hoffnung. Trotzdem bleiben die US-Wahlen das größte Risiko aus einem konkret voraussehbaren Ereignis für die Börsen. Dieses Jahr wird das in einen kürzeren Zeitraum gepresst, aber der Effekt wird gleich stark ausfallen. Das zeigen auch die Währungs- und Aktienoptionen auf den November: Die Derivatehändler erwarten, dass die Unsicherheit noch über den Wahltag hinaus bestehen bleibt und setzen auf Volatilität.

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