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Beyond Meat, Tesla & Co: Wie der Klimawandel an der Börse gehandelt wird

Nils Jacobsen
Wirtschaftsjournalist und Techblogger
Beyond Meat-IPO: Die Börse hat Appetit auf die veganen Burger bekommen (AP Photo/Mark Lennihan).

Es ist ohne jede Frage das Thema des Jahres: Der Klimawandel, der durch Aktivistinnen wie Greta Thunberg eine immer größere Bedeutung in der öffentlichen Wahrnehmung spielt. Auch an der Börse hat der Klimawandel längst seine Spuren hinterlassen.

Der Aufruf dürfte zu den bedeutendsten Sätzen des laufenden Jahrhunderts zählen: „How dare you!“, schleuderte die erst 16-jährige Klimaaktivistin Greta Thunberg Politikern vor zwei Wochen auf dem UN-Klimagipfel in New York entgegen.


Die Chancen, dass der Ausspruch einmal im Atemzug mit Barack Obamas „Yes we can“, Angela Merkels „Wir schaffen das“ oder Martin Luthers „I have a dream“ genannt wird, stehen nicht schlecht, auch wenn Thunberg Wutrede das Gegenteil von Aufbruchsstimmung verbreitet, nämlich als alarmierter Weckruf verstanden werden will.

Grund zur Panik, die die 16-Jährige Schweden erzeugen will, besteht allemal – der Klimawandel ist längst nicht mehr von der Hand zu weisen, auch wenn das ausgerechnet der Präsident der wichtigsten Wirtschaftsnation der Welt mit Austritt der USA aus dem Pariser Klimaabkommen tut.

Regierung Merkel: "Deutschland hat beim Klimaschutz schon viel erreicht“

Tatsächlich fallen die Antworten aus der Politik selbst bei Nationen, die sich dem Klimaschutz bewusst verschrieben haben, jedoch oft genug dünn aus. Das jüngste Klimapaket der Bundesregierung wird von der politischen Opposition, vor allem von der Fridays-for-Future-Bewegung zerpflückt.

Die Regierung Merkel schreibt sich dagegen auf die Fahnen: „Deutschland hat beim Klimaschutz schon viel erreicht. So lieferten 2018 erneuerbare Energien aus Wind und Sonne fast 40 Prozent des Stroms. Zugleich arbeitet die Bundesregierung daran, den Ausstoß von Treibhausgasen bis 2030 um 55 Prozent zu verringern.“

Erneuerbare Energien Hype-Aktie der Nullerjahre

An der Börse ist der Klimawandel unterdessen längst angekommen. Unternehmen, die sich dem Klimawandel verschrieben haben, wurden von Anlegern in den vergangenen Jahren schnell wie Vorschusslorbeeren bedacht.

In bereits fernerer Erinnerung sind dabei Vorreiter-Unternehmen der grünen Revolution im Energiebereich gerückt, die vor allem in der Bundesrepublik in den Nullerjahren nach dem EEG-Gesetz der Schröder-Regierung durchgestartet sind.

Solar- und Windkraftaktien erleben Apokalypse

Solar- und Windkraft-Unternehmen wie Solarword, Q-Cells oder Nordex zählten in der ersten Dekade des neuen Jahrtausends zu den großen Börsenstars, die Anleger in wenigen Jahren Traumrenditen für ein ganzes Lebens bescherten, wenn sie denn rechtzeitig verkauften.

Auf den traumhaften Aufstieg der Sonnenkönige folgte nämlich der albtraumhafte Fall. Die zwischenzeitigen Weltmarktführer im Solarzellensegment, Solarword und Q-Cells, erlebten in diesem Jahrzehnt wie soviel andere Unternehmen der noch jungen Branche ihre Pleite. Auch die deutsche Windbranche steckt in einer tiefen Krise. Immer weniger Windanlagen werden gebaut, Jobs gehen verloren. Der deutsche Windkraft-Champion Nordex wird an der Börse mit Abschlägen von über 90 Prozent zu früheren Hochs gehandelt.

Aktie von Elektroauto-Pionier Tesla liegt seit IPO um mehr als 1300 Prozent vorne

Aufbruchsstimmung herrscht dagegen jenseits des Atlantiks in zwei Branchen, die ebenfalls unmittelbar vor der Disruption durch neues Klimabewusstein stehen – der Automobil- und Lebensmittelindustrie. Seit dem Börsengang vor mittlerweile mehr als neun Jahren hat die Aktie des Elektroautopioniers Tesla um mehr als 1300 Prozent zulegt, in der Spitze waren es sogar mehr als 2000 Prozent, bevor die Eskapaden um Gründer Elon Musk und Lieferengpässe den Kurs in den vergangenen zwölf Monaten in die Tiefe zogen.

Das Tesla zugrunde liegende Argument ist ein Selbstläufer: Elektroautos ersetzen die mit Benzin und Diesel betriebenen CO2-Sünder in den kommenden Jahrzehnten automatisch. Bleibt nur die Frage, ob Pionier Tesla die neue Autorevolution in Zukunft branchenüberreifend anführt oder ob es den alteingesessenen Branchenschwergewichten in Deutschland, Japan und den USA gelingt, mit eigenen Modellen zu kontern.

Beyond Meat Hype-Aktie des Jahres

Auch mit der richtigen Ernährung lässt sich der Klimawandel bekanntlich aufhalten, wie Bestsellerautor Jonathan Safran Foer (“Tiere essen“) in seinem neuen Buch „Wir sind das Klima“ deutlich macht – nämlich durch Fleischverzicht! Hintergrund: Bei der Fleischherstellung entsteht viel CO2 – durch Rinder selbst (Methan-Ausstoß), aber auch durch die aufwändige Verarbeitung.

Die Problemlösung liefert der 2009 im kalifornischen El Segundo gegründete Nahrungsmittlehersteller Beyond Meat, der ausschließlich vegan Fleischersatzprodukte anbietet, die inzwischen nicht nur von Whole Foods (Amazon), sondern in Deutschland auch von Lidl vertrieben werden.

In Klimaaktien steckt oft viel Fantasie

Die hochgehypten Protein-Burger aus Weizen, Erbsen und Sojabohnen haben auch an der Wall Street bei Börsianern reichlich für Appetit gesorgt. Nach dem Börsengang im Mai an der Technologiebörse Nasdaq legte die Papiere, die unter dem Tickersymbol BNYD gehandelt werden, in den drei Folgemonaten in der Spitze um 1000 Prozent zu, ehe nach der ersten Quartalszahlen deutliche Gewinnmitnahmen einsetzten, die den Kurs wieder fast halbierten.

Die Juni-Bilanz offenbart, warum: In den 91 Tagen zwischen Anfang April und Ende Juni setzte Beyond Meat gerade einmal 67 Millionen Dollar um, obwohl das vegane Unternehmen an der Wall Street mit knapp 5 Milliarden Dollar bewertet wird (in der Spitze waren es gar mehr als acht Milliarden Dollar).

Bei aller Sensibilisierung auf das neue Klimabewusstsein sollten Anleger nicht vergessen: Genau wie beim Hype um Greta Thunberg stecken auch in manchen Klimaaktien bereits exorbitante Erwartungen. An Börse zählt am Ende jedoch oft genug eine altbekannte Währung: nicht die der Fantasie, sondern die schwarzen Zahlen, wie Besitzer der abgestürzten Solar- und Windaktien in der vergangenen Dekade leidvoll erfahren mussten.