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„Drunk Instagramming“ ist das neue „Drunk Texting“

·Lesedauer: 6 Min.

Es ist der Neujahrstag 2020. Irgendwo im englischen Leeds reibt sich die 22-jährige Tahmina* müde den Schlaf aus den Augen, löst mit etwas Mühe ihre Zunge vom Gaumen und ext ein Glas Leitungswasser. Wie der Rest der Welt ist Tahmina an diesem Morgen ziemlich verkatert.

Kleine Erinnerungsschnipsel vom Vorabend huschen ihr durchs Gehirn: vom Vorglühen zu Hause, von der Bar, vom Rave, schließlich vom Schwulenclub. Dann dreht sich ihr Magen um, als irgendwann mehr Erinnerungen zurückkehren.

Es ist nichts Ungewöhnliches, sich an Silvester ein bisschen volllaufen zu lassen. Als Tahmina aber am 1. Januar 2020 aufwachte, wurde ihr klar, dass sie einen Schritt zu weit gegangen war – und Videos von ihren betrunkenen Eskapaden auf ihrem Instagram-Account gepostet hatte, die sich jetzt die ganze Welt ansehen konnte.

„Ich hatte über 30 Instagram-Storys gepostet“, erzählt sie mir und ergänzt, dass in den Clips auch jede Menge nackte Haut und Drogen mitgespielt hatten. „Ich sah sie mir morgens nicht mal genauer an, weil ich mich einfach nicht dazu bringen konnte. Außerdem hatte ich auch auf jede Menge Instagram-Storys anderer Leute reagiert, ihnen ein frohes neues Jahr gewünscht und ihnen geschrieben, wie sehr ich sie liebte.“

Auch die 24-jährige Georgie* aus London neigt zum betrunkenen Posten. Im letzten Monat hat sie ein TikTok-Live-Video mit ihrem Mitbewohner und dessen Freund gedreht, bevor sie auf ihrem eigenen Instagram-Account live ging. „Das betrunkene Ich dachte sich: ‚Wow, geile Idee.‘ In den ersten 30 Sekunden sah noch niemand zu, dann stießen aber doch einige Freund:innen dazu und kommentierten, wie betrunken wir wirkten.“

„Das war auch noch alles okay, bis dann irgendwann meine Chefin auftauchte – von der ich mir wünschte, dass sie mir nicht auf Instagram folgen würde“, erzählt sie weiter. „Sie kommentierte ‚Hi‘, und ich geriet in Panik. Also sagte ich kurz ‚Hi‘ zurück und beendete den Livestream direkt.“

Betrunkene Anrufe und „drunk texting“, also das betrunkene Versenden von Nachrichten, gibt es schon so lange wie das Telefon selbst. Im Roman Der Fänger im Roggen von 1951 ruft der Protagonist Holden Caulfield zum Beispiel betrunken seine Exfreundin an. Spulen wir vor ins Jahr 2015, wo 89 Prozent der Befragten in einer Studie angaben, schon mal betrunken eine Nachricht verschickt zu haben, und 76 Prozent gestanden, betrunken jemanden angerufen zu haben. Während Drunk Texting und Calling demnach also schon immer zu unserem modernen Leben gehört haben, sind Drunk Instagramming, TikToking und Co. aber etwas neuer.

Wohingegen eine „Noch wach?“-Nachricht an deine:n Ex um 2 Uhr nachts zwischen euch beiden bleiben kann, ist das Posten in den sozialen Medien deutlich öffentlicher und womöglich für Verwandte, Kolleg:innen oder sogar Fremde sichtbar.

Wenn du unter Alkoholeinfluss deine Social-Media-Apps öffnest, kann viel schiefgehen – ob nun, weil du manisch auf jede Instagram-Story mit einem Herzaugen-Emoji reagierst oder du ein Video von dir selbst postest, in dem du betrunken einen Döner verschlingst. Und wohingegen eine „Noch wach?“-Nachricht an deine:n Ex um 2 Uhr nachts zwischen euch beiden bleiben kann – zumindest theoretisch –, ist das Posten in den sozialen Medien deutlich öffentlicher und womöglich für Verwandte, Kolleg:innen oder sogar Fremde sichtbar.

Der Psychiater Dr. Cyrus Abbasian hat sich auf Alkoholsucht spezialisiert und sieht den Hang zum betrunkenen Posten genau deswegen auch eher kritisch. „Wenn du persönliche Informationen postest, die du normalerweise nicht mit der Öffentlichkeit teilen wollen würdest, kann das gefährlich sein. Das kann nicht bloß peinlich werden, sondern sogar deinem Ruf schaden. Im schlimmsten Fall verlierst du vielleicht sogar deinen Job, wenn du beispielsweise vertrauliche Informationen veröffentlichst.“

Vielleicht denken wir über sowas nicht oft genug nach, weil es inzwischen so normal geworden ist, unsere Leben zu streamen. Auch über das Betrunkensein lachen wir meist. Wenn Alkohol oder andere Drogen aber auf Social Media treffen, riskieren wir damit, anderen mehr zu erzählen, als uns selbst bewusst ist – zum Beispiel, wo wir gerade sind, wie betrunken oder high wir sind und welche Substanzen wir womöglich eingenommen haben. Tahmina zum Beispiel hätte im nüchternen Zustand nie über ihren Drogenkonsum gepostet.

Einige Leute stellen aber fest, dass sie irgendwann aus dem Drunk Texting „herauswachsen“. So beschrieb meine Herausgeberin ihre Beziehung dazu, als wir zum ersten Mal über diesen Artikel sprachen. „Eines Tages hörte es einfach auf“, erzählte sie. „Früher war das aber ganz schlimm – wie ein Zwang, vor allem nach einer großen Trennung. Ich machte das immer wieder, wachte am nächsten Morgen auf und dachte mir dann: ‚Waruuuuum??‘“ Für andere hingegen ist das aber nicht so einfach und könnte laut Dr. Abbasian auf ein größeres Problem hinweisen.

Ihm zufolge neigen Leute, die vom Alkohol enthemmt wurden, eher dazu, unangebrachten Content zu posten. „Oft bereuen sie es, wenn sie dann wieder nüchtern sind, und versuchen, die Spuren zu beseitigen, indem sie alles wieder löschen“, sagt er. Das kennen auch Georgie und Tahmina. „Ich tue gerade einfach so, als sei nichts passiert“, erzählt mir Georgie, und Tahmina erinnert sich daran, wie schnell sie ihre betrunkenen Instagram-Eskapaden wieder löschte. „[Nach Silvester] konnte ich mir meine DMs nicht mal durchlesen – es war eine ganze Seite voller Nachrichten an verschiedene Leute. Ich reichte das Handy am nächsten Morgen einfach an jemand anderen und meinte: ‚Lösch sie bitte alle.‘“

Es ist klar, dass gelockerte Hemmungen mitunter für das Drunk Posting verantwortlich sind; es gibt aber noch viele andere potenzielle Auslöser dafür, und die sollten wir uns mal genauer ansehen.

Ich finde, es ist einfach, peinliche Sachen auf Instagram zu machen, weil wir uns dran gewöhnt haben, an einem coolen Abend Storys zu posten. Es ist demnach schwerer, sich bewusst dagegen zu entscheiden.

Georgie, 24

Tahmina meint, für sie spielt dabei eine große Rolle, dass sie ihr Sozialleben oft mit dem von anderen vergleicht, wie sie es in den sozialen Netzwerken präsentiert bekommt. „Wenn du eine gute Zeit hast, willst du darüber posten – du willst, dass andere sehen, wie viel Spaß du hast“, erzählt sie. Georgie ergänzt, dass es auch so viel einfacher ist, via Social Media betrunken zu posten, als betrunkene Nachrichten zu verschicken oder jemanden anzurufen. „Ich finde, es ist einfach, peinliche Sachen auf Instagram zu machen, weil wir uns dran gewöhnt haben, an einem coolen Abend Storys zu posten. Es ist demnach schwerer, sich bewusst dagegen zu entscheiden.“

Aber was, wenn du das Gefühl hast, dass das betrunkene Posten dein Leben ruiniert? Keine Sorge: Du kannst dich selbst davon abhalten bzw. den Schaden präventiv reduzieren. „Ich habe damit angefangen, vor einer Partynacht Leute vorübergehend zu blockieren – wie zum Beispiel meine Vorgesetzten“, erklärt Tahmina. Manchmal hat sie dann auch ihr Handy an eine:n vertrauenswürdige:n Freund:in weitergereicht, wenn sie das Bedürfnis verspürt, betrunkene Posts abzusetzen.

In letzter Zeit verlässt sie sich aber auf eine noch verlässlichere Methode. „Ich versuche, mich nicht zu sehr zu betrinken“, sagt sie. Dr. Abbasian betont, dass du letztlich am besten damit beraten bist, deinen Alkoholkonsum zurückzuschrauben. „Selbst bei jungen Leuten kann starkes Trinken zu allen möglichen Gesundheitskomplikationen und Verletzungen führen“, meint er. „Mal ganz abgesehen von den Traumata, der Gewalt und den Polizeimeldungen.“

Letztlich ist es immer am besten, das Problem an der Wurzel zu packen. Betrunkenes Posten ist nicht bloß harmloser Spaß, sondern eventuell sogar ein Symptom eines Alkoholproblems. Wie Dr. Abbasian warnt, kann das ernsthafte Konsequenzen mit sich bringen. Wer nur gelegentlich über den Durst trinkt, kann das Gesundheits- und Drunk-Posting-Risiko schon dadurch reduzieren, indem weniger Alkohol und mehr Wasser getrunken wird – wer aber das Gefühl hat, eine problematische Beziehung zum Alkohol aufgebaut zu haben, sollte sich unbedingt überlegen, sich professionelle Hilfe zu suchen.

*Namen wurden von der Redaktion geändert.

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