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„Aus betrieblicher und strategischer Sicht leider alternativlos“

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Zum Jahresende muss mit dem Grandhotel Hessischer Hof das einzige privatgeführte Luxushotel Frankfurts schließen. Donatus Landgraf von Hessen über die Bedeutung des Nobelhotels und die Zukunft des Familienunternehmens.

Zum Jahresende muss mit dem Grandhotel Hessischer Hof das einzige privatgeführte Luxushotel Frankfurts schließen. Donatus Landgraf von Hessen über die Bedeutung seines Hotels und die Zukunft des Familienunternehmens. Foto: dpa
Zum Jahresende muss mit dem Grandhotel Hessischer Hof das einzige privatgeführte Luxushotel Frankfurts schließen. Donatus Landgraf von Hessen über die Bedeutung seines Hotels und die Zukunft des Familienunternehmens. Foto: dpa

Das Hotel gegenüber der Frankfurter Messe galt als das Nobelhotel schlechthin. Hier stiegen die Rolling Stones ab, Nelson Mandela und Altkanzler Gerhard Schröder. Alle Zimmer sind mit Antiquitäten möbliert – die Präsidentensuite mit Blick über die Skyline kostet pro Nacht 7000 Euro. Bis zur Coronakrise war es der Umsatzträger unter den Hotels der Prinz-von-Hessen-Gruppe. Jetzt schließt Unternehmenschef Donatus Landgraf von Hessen das Hotel und verlagert sich auf die Vermarktung der Schlösser und Landgüter seiner Familie.

WirtschaftsWoche: Wo werden die Rolling Stones bei ihrem nächsten Frankfurt-Besuch übernachten, wenn es den Hessischen Hof nicht mehr gibt?
Donatus Landgraf von Hessen: Mick Jagger ist ja leidenschaftlicher Schlossbesitzer. Er und seine Bandkollegen werden sicherlich begeistert sein von unserem im spätgotischen Tudorstil erbauten Schlosshotel Kronberg vor den Toren Frankfurts. In der Sommerresidenz der ehemaligen Kaiserin Friedrich, wie Kaiserin Victoria sich nach dem Tod ihres Mannes nannte, hat man das Gefühl, nicht in einem Hotel, sondern bei der Kaiserin zu Gast zu sein.

Wie sehr ist das Geschäft abgestürzt, dass Sie sich zu der drastischen Maßnahme der Schließung des Hessischen Hofes entscheiden mussten?
Das Grandhotel Hessischer Hof war vor der Pandemie sehr profitabel. Die durch Corona bedingten tatsächlichen Verluste im Hotel im laufenden Geschäftsjahr sowie die weiterhin zu erwartenden starken Umsatzeinbrüche in der Business- und Messehotellerie am Messestandort Frankfurt zwingen uns zu dieser schmerzlichen Entscheidung, ein so traditionsreiches Haus zu schließen. Die Entscheidung war letzten Endes aus betrieblicher und strategischer Sicht leider alternativlos. Alle Prognosen weisen klar daraufhin, dass sich die Segmente Tagungen, Messen sowie Geschäftsreisen nur sehr langfristig erholen werden.

Planen Sie, das Hotel an eine Kette zu verkaufen oder erwägen Sie eine spätere Neueröffnung unter Ihrer Ägide?
Die Immobilie ist im Besitz der Hessischen Hausstiftung und wir prüfen aktuell alle Optionen. Eine abschließende Entscheidung über die Zukunft der Liegenschaft steht derzeit noch aus.

Die 63 Angestellten des Hessischen Hofs noch ein Jahr in Kurzarbeit zu schicken, wäre nicht gegangen?
Wir sind uns stets unserer Verantwortung als Arbeitgeber bewusst. Die monatlichen Verluste aus diesem Hotelbetrieb wären langfristig nicht tragbar und werden auch durch staatliche Hilfen nicht aufgefangen. Obwohl wir mit dieser Entscheidung die Zukunft unserer Unternehmensgruppe sichern und über 80 Prozent unserer Belegschaft halten können, war die Entscheidung keine einfache.

Was passiert mit den vielen Antiquitäten, die die Zimmer schmücken?
Was mit dem Hotelinventar passiert, werden wir in den nächsten Wochen und Monaten in Ruhe entscheiden. Die ausgestellten Kunstwerke gehören der Kulturstiftung des Hauses Hessen und gehen an sie zurück.

Wie geht es Ihren anderen Objekten, wie zum Beispiel dem Schlosshotel Kronberg?
Die aktuelle Lage in der Hotellerie ist überall angespannt. Unsere anderen Hotelbetriebe sind stärker auf den Erholungstourismus ausgerichtet. In diesem Segment sehen wir bereits wieder motivierende Entwicklungen bei den Gästezahlen und erwarten eine deutlich schnellere Erholung als in der Business-Hotellerie. Wir konzentrieren unsere Aktivitäten künftig verstärkt auf unsere touristischen Betriebe, die Forst- und Landwirtschaft sowie Weinbau, Events und Kulturveranstaltungen.

Das Hotel Ole Liese in Schleswig-Holstein bewirtschaften Sie erst seit ausgerechnet diesem Jahr selbst. Wie läuft es da?

Unser Landhotel Ole Liese entwickelt sich innerhalb unserer Erwartungen und Zielvorgaben. Die Ole Liese und das Gut Panker liegen einmalig inmitten der Holsteinischen Schweiz auf Sichtweite zur Ostsee. Viele Deutsche haben diesen Sommer im eigenen Land Urlaub gemacht und teilweise eher unbekannte Regionen für sich entdeckt. Von diesem Trend haben wir eindeutig profitiert. Und gerade in den kommenden Herbst- und Wintermonaten entfaltet die Ostsee ihren ganz eigenen Reiz. Als Reiseziel war Deutschland in diesem Jahr so gefragt wie nie.

Wenn man im schweizerischen Waldhotel Maria Sils übernachtet, begrüßt einen ein Mitglied der Eigentümerfamilie persönlich. Sind Sie auch so „Hands-on“ im Kundenkontakt?
In den direkten Hotelbetrieb involviere ich mich nicht, dafür ist die Unternehmensgruppe zu groß und ich zu selten vor Ort. Aber ich unterstütze das Team gern und regelmäßig bei Veranstaltungen und in der Planung. Meine Frau ist stark involviert, wenn Renovierungen in den Hotels anstehen und diese tragen auch ihre Handschrift.

Sie betreiben auch ein Weingut im Rheingau. Wie läuft es da?
Den Lockdown haben wir natürlich auch sehr deutlich zu spüren bekommen. Die Gastronomie und die Hotellerie sind für eine Zeitlang komplett als Kunden entfallen und dies fast überall auf der Welt. Wir sind auch sehr stark im Export mit unseren Weinen vertreten, deswegen zog sich diese Thematik für uns fast einmal um den gesamten Erdball. Wir sind bis jetzt relativ gut durch die Krise gekommen, da wir breit aufgestellt sind in unseren Kundensegmenten und somit Verluste in stärker getroffenen Branchen etwas kompensieren konnten.


„Beim Weingenuss geht es darum, dass man zusammenkommt“

Die Brauereien mussten wegen Corona herbe Einbrüche hinnehmen, weil die Menschen zu Hause offenbar weniger Bier trinken als in Restaurants und Kneipen. Kann sich Wein als Premiumgetränk davon abkoppeln?
Wir haben erfreulicherweise einen deutlichen Zulauf an Privatkunden verzeichnet. Doch nicht jeder möchte sein Glas Wein zu Haus trinken. Die Schließung von Restaurants war auch dem Weinkonsum abträglich. Der Lebensmitteleinzelhandel verzeichnet vor allem im Preiseinstiegs-Segment Zuwächse. Davon profitierten wir aber nur indirekt, da wir mit unserer Preisstellung im oberen Premiumbereich einzuordnen sind.

Wie schädlich ist es für die Winzer, dass Corona-bedingt reihenweise Weinfeste abgesagt werden müssen?
Die Lage für die Winzer ist sehr angespannt. Neben den Weinfesten entfallen auch Einnahmen aus Events und Familienfeiern. Die Verluste durch geschlossene Gastronomie und abgesagte Weinfeste konnten bei uns nur bedingt durch Zuwächse im Onlineverkauf oder Handel kompensiert werden.

Manche Winzer setzen auf Online-Weinproben. Haben Sie da Angebote in Planung?
Wir hatten bereits während des Lockdowns einige sehr gut angenommene Online-Weinproben. Allerdings ist dieses Format nicht ansatzweise vergleichbar mit einem „Live-vor- Ort“-Erlebnis. Denn gerade beim Weingenuss geht es auch darum, dass man zusammenkommt.

Sie haben 2012 einen Teil der Familien-Immobilien aus der Familienstiftung in eine gemeinnützige Kulturstiftung überführt. Kann es helfen, noch mehr Vermögen dorthin umzulagern?
Die Entscheidung war richtig und wichtig, um dem Stiftungszweck und der geschichtlichen Verantwortung auch über einen Erbersatzsteuertermin, der alle 30 Jahre die Familienstiftung ereilt, nachkommen zu können. Das Ziel beider Stiftungen ist die Erhaltung und Pflege des kulturellen Erbes des Hauses Hessen. Es gibt derzeit keine Pläne, die bestehende Aufteilung zu ändern.

Die erstgeborenen Söhne tragen in Ihrer Familie eine große Last, nämlich das Erbe für die kommende Generation zu erhalten und vielleicht sogar zu mehren. Bereiten Sie Ihren Sohn schon auf diese Aufgabe vor?
Ich würde weniger von einer Last als vielmehr von einer sehr spannenden Herausforderung, insbesondere augenblicklich, in unserer sich rasant verändernden Welt, sprechen. Die Erhaltung und Pflege sowie der zeitgemäße Umgang mit einem so reichen kulturellen und unternehmerischen Erbe ist sicherlich nicht immer ganz einfach, insbesondere wenn man eine Jahrhunderte alte Familientradition fortführen möchte, kann aber auch sehr erfüllend sein. Meinen Sohn kann ich darauf im Grunde nur durch Vorleben vorbereiten.

Was macht Ihnen die größte Freude an Ihrer Verantwortung?

Ich möchte das Jahrhunderte alte kulturelle Erbe und den großen denkmalgeschützten Bestand des Hauses Hessen sinnvoll nutzen, beleben, nicht verstauben lassen und einer breiten, interessierten Öffentlichkeit zugänglich machen. Zusätzlich soll alles auf sicheren wirtschaftlichen Beinen für künftige Generationen stehen. Gelingt das, bin ich glücklich. Und privat ist es mir die größte Freude mit meinen Kindern und meiner Frau auf Gut Panker in Schleswig-Holstein über Weiden und Felder zu laufen und einfach nur die Schönheit der Landschaft zu erleben.

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