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Die besten Städte für Unternehmen

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Die besten Städte für Unternehmen

Wo leben Fachkräfte, was kosten und wie produktiv arbeiten sie? Der große Städtetest der WirtschaftsWoche zeigt, wo sich die Wirtschaft am wohlsten fühlt – und womit Außenseiter Unternehmen locken könnten.

Wo leben Fachkräfte, was kosten und wie produktiv arbeiten sie? Der große Städtetest der WirtschaftsWoche zeigt, wo die Wirtschaft sich am wohlsten fühlt – und womit Außenseiter Unternehmen locken könnten.

Die Spürer suchten nach einer guten Anbindung an das europäische Verkehrsnetz, wenn möglich mit Hafen, nach aufgeweckten Forschern in der Nähe und ausreichend Angebot an erneuerbaren Energien. Sie waren im Saarland unterwegs und in Niedersachsen und entschieden sich dann doch für Grünheide in Brandenburg, nicht weit vom Berliner Stadtrand. Dort will der Konzern Tesla nun eine neue große Fabrik für Elektroautos und Batterien bauen lassen – was das nicht eben industriestarke Berlin auch gleich als seinen Erfolg mit vereinnahmte.

Was macht einen guten Standort aus? Die Daten des Städterankings der WirtschaftsWoche zeigen, wo Firmen die besten Voraussetzungen finden, um gute Geschäfte zu betreiben. Die Ökonomen von IW Consult Köln haben untersucht, wo Unternehmen Fachkräfte finden, was sie kosten, wie stark Städte die Steuerlast für Firmen in die Höhe treiben und wo abseits der starken Industrieregionen interessante Standorte liegen.

Wichtig für Unternehmen sind dabei zum einen die Arbeitskräfte. Je mehr gut ausgebildete Menschen an einem Ort leben, desto wahrscheinlicher ist es, diejenigen auszumachen, die eine Firma weiterbringen. Zwar kann der Test der WirtschaftsWoche keine Aussage darüber treffen, wie motiviert die Einwohner einer Stadt sich ihrer Arbeit widmen. In welchen Kommunen die meisten sozialversicherungspflichtig beschäftigten Akademiker leben, erheben die Zahlen jedoch: Ihr Anteil ist im (erweiterten) Süden Deutschlands am höchsten.

Die meisten Akademiker arbeiten demnach in bayerischen Städten: in München (34,3 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten), knapp gefolgt von Erlangen (34,1 Prozent). Auch Darmstadt (Rang vier; 31,9 Prozent) und Stuttgart (fünfter Platz; 31,4 Prozent) kommen auf ähnlich hohe Werte. In München und Stuttgart – sowie Berlin – hat sich diese Quote zwischen 2013 und 2018 auch am dynamischsten entwickelt, nämlich um 7,2 Prozentpunkte, 5,8 Prozentpunkte beziehungsweise in der Hauptstadt um 6,5 Prozentpunkte.

Unter den fünf bestplatzierten Städten sticht aus Ostdeutschland einzig Jena hervor, das mit einer Akademikerquote von 32,5 Prozent auf dem dritten Platz liegt. Die Stadt prägen die dort ansässigen Hochschulen sowie viele außeruniversitäre Forschungseinrichtungen wie ein Institut der Fraunhofer-Gesellschaft und drei Leibniz- sowie Max-Planck-Institute. Nirgendwo sonst in Deutschland gibt es, auf die Einwohnerzahl gerechnet, so viele Institute aus den Forschungsfeldern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik.

Doch nicht nur die bereits gut ausgebildeten Menschen in einer Region sind für Unternehmen ausschlaggebend: Sie brauchen auch Nachwuchs – und haben daher ein Interesse daran, dass möglichst wenige junge Leute die Schule ohne Abschluss verlassen.

Hier zeichnet das diesjährige Städteranking ein uneinheitlicheres Bild: Sowohl die Städte, denen das am besten gelingt, wie diejenigen, wo die meisten Schüler die Schule ohne Hauptschulabschluss verlassen, liegen im Süden und Osten Deutschlands sowie im Rhein-Main-Gebiet.

Die wenigsten Schulabbrecher verzeichnen Mainz (2,6 Prozent der Schulabgänger), Darmstadt (2,9 Prozent) und Jena (3,1 Prozent). In Erfurt, Chemnitz und Ludwigshafen ist die Quote dagegen zweistellig: Hier verlassen 11,8; 13 beziehungsweise 14,2 Prozent der Schulabgänger die Schule ohne Hauptschulabschluss – und damit mit schlechteren Chancen, ihren Weg auf dem Arbeitsmarkt zu finden.

Dabei ist die Quote in Ludwigshafen zwischen 2012 und 2017 um 5,3 Prozentpunkte gestiegen – die drittstärkste Verschlechterung unter den 71 untersuchten Städten. Noch stärker zugenommen hat die Quote in Heidelberg (plus 6,1 Prozentpunkte) und Freiburg (plus 6,9 Prozentpunkte).

Woran das liegen könnte, beschreibt eine Studie der Caritas. Aus Sicht der Autoren hat es mit der Zuwanderung zu tun. In kurzer Zeit ausreichend Deutsch zu lernen und einen Schulabschluss zu machen, sei für viele geflüchtete Jugendliche eine große Herausforderung. Außerdem falle bei ihnen die schulische Vorbildung sehr unterschiedlich aus.

Interessant für Unternehmen ist bei der Standortwahl allerdings nicht nur die Anzahl gut ausgebildeter möglicher Mitarbeiter, sondern auch, wie viel es sie kostet, Fachkräfte zu beschäftigen. Auch darüber gibt der Städtetest Auskunft: Die Arbeitskosten liegen in Ostdeutschland deutlich unter denen im Süden – und in Wolfsburg.

Mit am besten verdienen Mitarbeiter in den Städten mit starker Automobilindustrie: in München (BMW, 54.699 Euro je Arbeitnehmer), Stuttgart (Daimler, 55.175 Euro) und Ingolstadt (Audi, 60.081 Euro) sowie in Wolfsburg (VW, 63.695 Euro), wo sich auch die Gewerkschaftsvertreter besonders gut durchzusetzen wissen. In Chemnitz, Magdeburg, Cottbus, Rostock und Halle liegen die Arbeitskosten dagegen bei weniger als 37.000 Euro je Arbeitnehmer.

Dafür geben sich die deutschen Autostädte in Sachen Gewerbesteuer unternehmensfreundlich. Wolfsburg verlangt – neben Ulm – mit 360 Prozent den geringsten Hebesatz, auch Ingolstadt (400 Prozent Gewerbesteuerhebesatz, dritter Platz) und Stuttgart (420 Prozent, Rang neun) liegen in den Top Ten – ein Versuch, sich trotz hoher Arbeitskosten für Firmen attraktiv zu halten.

41 der 71 untersuchten Städte haben dabei ihren Gewerbesteuerhebesatz zwischen 2013 und 2018 stabil gehalten. Der Rest hat den Satz erhöht, am stärksten Mülheim an der Ruhr, um 70 Prozentpunkte.

Wo also fühlen sich Unternehmen heute schon am wohlsten? Aufschluss darüber gibt die Produktivität. Dafür haben die Wissenschaftler von IW Consult verglichen, wie hoch das Bruttoinlandsprodukt je Erwerbstätigem in den Städten liegt. Wenig überraschend liegen auch hier die starken Industriestandorte vorn: Wolfsburg (163.592 Euro) und Ingolstadt (135.780 Euro) platzieren sich vor Ludwigshafen (112.656 Euro), wo BASF seine Zentrale hat. Für Wolfsburg ist das allerdings eine Verschlechterung von fast 7000 Euro pro jedem Erwerbstätigen im Vergleich zum vergangenen Jahr – möglicherweise noch eine Folge des VW-Dieselskandals.

Gut entwickelt haben sich aber auch einige Außenseiter: Lübeck hat die Produktivität zwischen 2012 und 2017 um 19,4 Prozent gesteigert (Rang neun im Dynamikranking Produktivität), Rostock um 16,1 Prozent (elfter Platz) und Kassel um 16 Prozent (Rang zwölf).

Und auch unter den Städten mit den meisten Patentanmeldungen findet sich neben den üblichen Verdächtigen auf Rang fünf mit Regensburg – knapp 273 angemeldete Patente kommen auf 100.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte – eine ansonsten eher unauffällige Stadt. In Wiesbaden wiederum sind die meisten, nämlich 89 Prozent der Haushalte, mit einer Breitbandversorgung per Glasfaser ausgestattet – ein großer Vorteil in der Arbeitswelt von heute, wo Menschen oft nicht mehr zwingend ins Büro kommen müssen.

Es lohnt sich für Unternehmen also, verschiedene Faktoren zu vergleichen, sollten sie einen neuen Standort suchen. Ob die Autostädte und Ludwigshafen weiterhin wirtschaftlich so stark bleiben, wird mit der konjunkturellen Entwicklung zusammenhängen – und damit, ob es den Unternehmen gelingt, bei Veränderungen wie neuen Antrieben und autonomem Fahren aufzuholen.