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Besser investieren: Die Rule of 40 (und warum Investoren Slack, Uber und Jumia meiden sollten)

Taylor Carmichael

Venture-Capital-Gesellschaften haben eine simple Methode, um zu entscheiden, ob sie in ein junges Software-as-a-Service (SaaS)-Startup investieren wollen oder nicht: Sie heißt Rule of 40 und misst das Umsatz- und Ergebniswachstum in Softwareunternehmen. Sie funktioniert auch dann, wenn diese noch gar keine Profite schreiben. Das Ganze ist denkbar einfach: Du nimmst das jährliche Umsatzwachstum in Prozent (zum Beispiel 50 %) und addierst die Gewinnmarge des Unternehmens (zum Beispiel 10 %). In diesem Beispiel läge der Rule-of-40-Score bei 60, was hervorragend ist. Ein Ergebnis über 40 ist positiv, während ein Ergebnis unter 40 logischerweise anzeigt, dass das Unternehmen durchgefallen ist.

Dieses Modell ist super, um den natürlichen Überschwang einzudämmen, den Investoren manchmal erleben, wenn sie massives Umsatzwachstum sehen: „Unternehmen X wächst 100 % im Jahr. Wow!“ Und da Wachstumsinvestoren ohnehin kein Problem damit haben, in unprofitable Unternehmen zu investieren, ist die (negative) Ergebnisentwicklung schnell mal vergessen. Das ist ein Fehler. Denn manchmal können Unternehmensverluste echt schwerwiegend sein.

Doch auch andersherum funktioniert das Modell, da Value-Investoren Unternehmen mit hohen Margen lieben („Eine Gewinnmarge von 35 %. Herausragend!“), aber gleichwohl nicht darauf achten, wie sich die Umsätze entwickeln. Die Rule of 40 ist nicht nur ein praktisches Modell für junge Start-ups, es lässt sich auch auf Unternehmen anwenden, die am Ende ihres Wachstums stehen, um zu überprüfen, ob mit ihnen Geld zu machen ist.

Doch ursprünglich entstand das Modell zur Beurteilung junger, nicht etablierter Unternehmen, und hier entfaltet es seine ganze Stärke. Schauen wir uns Datadog (WKN: A2PSFR) an, ein Cloud-Analytics-Unternehmen, das kürzlich an die Börse ging. Datadog berichtete sensationelle 82 % Umsatzwachstum im Vorjahresvergleich. Seine Gewinnmarge lag bei minus 9,29 %. Das ist zwar nicht so sensationell, aber wir können darüber hinwegsehen, da der Verlust relativ gering, das Wachstum dafür extrem hoch ist. Für Datadog kommen wir auf einen Rule-of-40-Score von 73, was absolut fantastisch ist. Eine Investition in Datadog muss einem – wenn der Preis stimmt – kein Kopfzerbrechen bereiten, da das Unternehmen solide ist.

Sehen wir uns nun Slack Technologies  (WKN: A2PGZL) an, ein Cloud-Unternehmen mit einer Kollaborationssoftware. Es erzielte im letzten Quartal 57 % Umsatzwachstum gegenüber dem Vorjahreszeitraum, was sehr stark ist. Wachstumsinvestoren werden bei solchen Zahlen hellhörig. Doch warte mal – die Gewinnmarge lag bei minus 94 %. Aua! Slack hat nun einen Rule-of-40-Wert von minus 37! Das ist überhaupt nicht gut, da alles unter 40 schon suboptimal ist. Ein Ergebnis unter null ist ein Warnsignal.

Als ich die Rule of 40 auf mein Familienportfolio anwendete, kamen echt interessante Ergebnisse zustande. Da die Regel so einfach zu nutzen ist, habe ich sie auf alle unsere Aktien angewendet, nicht nur Softwareunternehmen.

Unsere zehn größten Positionen sind Apple (WKN: 865985), Shopify  (WKN: A14TJP), Intuitive Surgical  (WKN: 888024), The Trade Desk  (WKN: A2ARCV), Carvana  (WKN: A2DPW1), Visa  (WKN: A0NC7B), Square  (WKN: A143D6), Ionis Pharma  (WKN: A2ACMZ), Roku  (WKN: A2DW4X) und Amarin (WKN: A0NBNG). Mehrere dieser Aktien sind keine Cloudaktien und fallen damit nicht in das typische Anwendungsgebiet der Rule of 40. Aus reiner Neugierde habe ich es dort einfach trotzdem getan. Hier sind die Zahlen:

Unternehmen Jährliches Umsatzwachstum Gewinnmarge Rule-of-40-Ergebnis Aktienrendite 2019
Apple 1 % 22 % 23 (durchgefallen) 39 %
Shopify 48 % – 6 % 42 (bestanden) 130 %
Intuitive Surgical 21 % 30 % 51 (bestanden) 11 %
The Trade Desk 42 % 17 % 59 (bestanden) 78 %
Carvana 107 % – 4 % 103 (bestanden) 120 %
Visa 12 % 53 % 65 (bestanden) 32 %
Square 44 % – 1 % 43 (bestanden) 3 %
Ionis Pharma 39 % 50 % 89 (bestanden) 16 %
Roku 60 % – 2 % 58 (bestanden) 241 %
Amarin 92 % – 28 % 64 (bestanden) 24 %

Nachdem ich mein eigenes Portfolio analysiert hatte, habe ich die Rechnung noch auf einen Haufen anderer Unternehmen angewendet. Mir fiel auf, dass Innovative Industrial Properties (WKN: A2DGXH), ein REIT mit Fokus auf Cannabis, auf ein Resultat von astronomischen 207 kam. Wenn 40 ein großartiges Unternehmen ist, dann ist 207 fünf Mal so gut. Die Innovative-Industrial-Properties-Aktie ist recht teuer (das Kurs-Umsatz-Verhältnis liegt bei 44) – jetzt wissen wir auch, warum. Andere Unternehmen mit herausragenden Resultaten sind Shockwave Medical  (WKN: A2PEF3), Guardant Health  (WKN: A2N5RY) und StoneCo  (WKN: A2N7XN) mit Ergebnissen von 166, 118 und 117.

Ich führte zudem eine Rule-of-40-Kalkulation für 100 Aktien durch und fand 42 Stück, die ein höheres Ergebnis hatten als 40. Die Durchschnittsrendite dieser 42 Aktien im Jahr 2019? Ein Plus von 49 % allein in diesem Jahr. Die Unternehmen, die einen Score unter 40 erzielten, hatten schwächere Renditen: Diese 58 Aktien kamen auf eine Durchschnittsrendite von 25 %. Nicht schlecht, aber definitiv schlechter als die Highflyer. Die Unternehmen, die einen Rule-of-40-Score unter null aufwiesen, schnitten am schlechtesten ab: Sie hatten eine durchschnittliche Aktienrendite von 11 % und underperformten den Markt.

Vielleicht ist es das Beste an der Rule of 40, dass sie Wachstumsinvestoren davon abhalten kann, gefährliche Aktien zu kaufen, die die Renditen mindern. Uber (WKN: A2PHHG) etwa wird als Wachstumsaktie gehandelt. Die Zahlen zeigen jedoch, dass Ubers Wachstum im letzten Quartal nur spärliche 14 % betrug. Die Gewinnmarge ist dabei eine Katastrophe: Minus 66 %, was einen grottenschlechten Score von minus 52 ergibt. Scores unter 0 bedeuten meist, dass die Aktie abgestraft wird. Tatsächlich hat die Uber-Aktie seit ihrem IPO im Mai 30 % verloren.

Ein weiteres Beispiel ist Jumia (WKN: A2PGZM), Afrikas E-Commerce-Unternehmen. Das Umsatzwachstum liegt bei starken 58 %, wird jedoch von der fürchterlichen Profitmarge von minus 140 % überschattet. Da das Rule-of-40-Ergebnis aktuell bei minus 82 liegt, sollten Investoren die Aktie vielleicht erst mal meiden. Die vergangene Performance sieht dementsprechend aus: 63 % Kursverlust seit dem Börsengang im April stehen auf dem Zettel.

Du solltest die Rule of 40 auf jede Aktie anwenden, bevor du sie kaufst. Das Umsatzwachstum und die Gewinnmarge zu addieren gibt Investoren einen schnellen und informativen Wert, mit dem sie die Gesundheit eines Unternehmens messen können. Und es sind die starken und gesunden Unternehmen, die langfristig die stärksten Renditen für Investoren abliefern.

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Taylor Carmichael besitzt Aktien von Amarin, Apple, Carvana Co., Intuitive Surgical, Ionis Pharmaceuticals, Roku, Shopify, Square, The Trade Desk und Visa. The Motley Fool besitzt und empfiehlt Apple, Guardant Health, Intuitive Surgical, Ionis Pharmaceuticals, Roku, Shopify, Slack Technologies, Square, The Trade Desk und Visa. The Motley Fool besitzt die folgenden Optionen: Short Januar 2020 125 $ Calls auf The Trade Desk, Long Januar 2020 60 $ Calls auf The Trade Desk, Short Januar 2020 70 $ Puts auf Square, Short Januar 2020 155 $ Calls auf Apple, Long Januar 2020 150 $ Calls auf Apple, Short Januar 2020 155 $ Calls auf Apple und Long Januar 2020 150 $ Calls auf Apple. The Motley Fool empfiehlt Innovative Industrial Properties, ShockWave Medical und Uber Technologies.

Dieser Artikel erschien am 25.9.2019 auf Fool.com und wurde für unsere deutschen Leser übersetzt.

Motley Fool Deutschland 2019