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Krupp-Manager Berthold Beitz – der letzte Ruhrbaron

Berthold Beitz war einer der einflussreichsten deutschen Manager. In „Das Geheimnis der Freiheit“ wurde am Mittwochabend das Lebenswerk des Industriellen gewürdigt.

Das Ehepaar Beitz – Else (Judith Rosmair) und Berthold (Sven-Eric Bechtolf). Foto: dpa

Es ist ein Sommer in den siebziger Jahren – und der Firma Friedrich Krupp, eines der traditionsreichsten Unternehmen der deutschen Industrielandschaft, geht es mal wieder miserabel. Der Stahlkocher aus dem Ruhrgebiet steckt wegen der Ölkrise tief in den roten Zahlen. Doch weitere Bankkredite lehnt Firmenpatriarch Berthold Beitz ab – und holt sich stattdessen den iranischen Schah Mohammad Reza Pahlavi als Teilhaber ins Boot.

In dieser Gemengelage gibt der Großindustrielle Beitz, im Film gespielt von Sven-Eric Bechtolf, eine Biografie über den letzten Krupp-Erben Alfried von Bohlen und Halbach in Auftrag. Verfassen soll sie der Historiker Golo Mann (Edgar Selge), Sohn des Schriftstellers Thomas Mann, dem mit seiner historischen Biografie „Wallenstein“ kurz zuvor ein Bestseller gelungen ist.

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10.000 Mark pro Monat soll Mann dafür erhalten. Doch das Buch, mit dem Beitz auch die enterbten Nachfahren Alfried Krupps besänftigen will, soll nie erscheinen. Zu unterschiedlich sind die Vorstellungen des Auftraggebers und des Autors darüber, was genau den Kern des Kruppschen Vermächtnisses ausmacht: Sind es das Leben und Wirken des letzten Krupp-Erben, der sein gesamtes Vermögen nach seinem Tod der gemeinnützigen Krupp-Stiftung überließ?

Oder ist es nicht vielmehr die Person Berthold Beitz, die sich zwar selbst stets im Hintergrund sieht – aber dem Unternehmen Krupp ab 1952 erst als Generalbevollmächtigter und später als Stiftungs- und Aufsichtsratschef seinen eigenen Stempel aufdrückte wie kein Zweiter?

Auf der einen Seite der melancholische Historiker Mann, dem es zeitlebens nicht gelingt, aus dem Schatten seines berühmten Vaters zu treten – auf der anderen Seite der machthungrige Selfmade-Man Beitz, der nie ein Buch gelesen haben will: Aus den Begegnungen der beiden zwischen 1973 und 1981 entwickelte Regisseur Dror Zahavi in „Das Geheimnis der Freiheit“ (gesendet am Mittwoch, 20.15 Uhr, in der ARD) eine vielschichtige Biografie zweier Männer, die die deutsche Nachkriegsgeschichte sehr unterschiedlich erlebten und prägten.

Dabei kam Beitz die Rolle des unfreiwilligen Helden zu: Weil er als Leiter einer Erdölgesellschaft in Polen während des Holocausts Hunderte seiner jüdischen Angestellten vor der Zwangsdeportation bewahrte, wird er zu Beginn des Films von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ ausgezeichnet. Doch bis er die Auszeichnung entgegennimmt, vergehen viele Jahre. Zu schwer wiegen die Schuldgefühle angesichts der Tausenden, die der Manager damals nicht zu retten vermochte – im Film etwas behelfsmäßig dargestellt durch Geister, die Beitz immer wieder vor Augen erscheinen.

„Ich habe erlebt, was es heißt, keine Macht zu haben“, sagt Beitz in einer Szene. Es ist eine Anspielung auf die unzähligen Grausamkeiten der NS-Zeit an, die er selbst erleben musste. Und liefert damit die Erklärung für seinen Machthunger: „Wenn sie das gesehen haben, dann wollen sie so viel Macht, wie sie nur haben können.“

Es zählt zu den Stärken des Films, dass vor dieser düsteren historischen Kulisse nie der Blick auf den Konzern verloren geht. Denn auch, wenn das Motiv der Macht als Reaktion auf den totalitären Irrsinn des Dritten Reichs zunächst überzeugend scheint: Für Krupp und später Thyssen-Krupp bedeutet die Machtfülle des letzten Ruhrbarons bis heute eine schwere Hypothek.

Erst nach Beitz’ Tod 2013 brachten nachfolgende Manager-Generationen den überfälligen Kulturwandel. Zuvor hatten Fehlentscheidungen einzelner Führungskräfte, darunter auch Beitz, das Unternehmen mehrfach an den Rand des Ruins gebracht.

Diese Zweischneidigkeit der Macht – wer viel davon hat, kann viel richtig, aber auch viel falsch machen – kommt in Zahavis Film immer wieder subtil zur Geltung. Zum Beispiel in der Szene, in der Beitz den früheren Krupp-Chef Heinz Petry im persönlichen Gespräch zurechtweist. „Wissen Sie, wie viele Vorstandsvorsitzende unter mir gearbeitet haben?“, fragt Beitz, und gibt die Antwort selbst. „Ich auch nicht. Aber ich weiß, dass ich jeden einzelnen entlassen habe, wenn es nicht funktioniert hat.“ Die Freiheit des einen wird zur Unfreiheit des anderen.

Bis zu seinem Tod im Jahr 2013 gehörte er zu den mächtigsten Männern in der deutschen Wirtschaft. Foto: dpa