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Der berechenbare Entertainer

Monsignore Heribert August hat schon viele Paare getraut. „Es gibt da diesen Moment, wenn die Eheleute aus der Kirche heraustreten und ihren Gästen gegenüberstehen“, sagt der hochdekorierte Kirchenmann, „dann kann man manchmal in ihr Wesen blicken.“ Manche beginnen ausladend zu winken. Andere blicken schüchtern auf den Boden oder suchen nach jemandem. Am 18. Mai 1985 traten Armin Laschet und seine Ehefrau Susanne aus der Kirche St. Aposteln – dem bescheideneren Gemeindezentrum unweit der stolzen Hauptkirche St. Michael im Aachener Stadtteil Burtscheid. „Der Armin war ganz ruhig. Verhalten. Ohne Pomp und große Geste. Er spitzte einfach nur den Mund und wartete ab, was passiert“, erinnert sich der Monsignore.

Damals war Laschet 24 Jahre alt. Heute, gut drei Jahrzehnte später, hat Armin zusammen mit Susanne drei Kinder und tritt als Spitzenkandidat der CDU im Landtagswahlkampf an. Laschet will Ministerpräsident des größten deutschen Bundeslandes werden.

Den gespitzten Mund, gerne bei leicht zur Seite geneigtem Kopf, aus dem dann zwei hellwache Augen ihr Gegenüber abwartend ansehen, kann man bei Laschet auch heute noch beobachten. Auf Empfängen, wenn die Gastgeber ihm Menschen vorstellen, die sie für wichtig halten. Oder wenn er Journalisten Interviews geben soll. Dann gibt es oft diesen kleinen Moment des Abwartens, in dem Laschet schweigt und anderen das erste Wort überlässt.

Fast ist es so, als hätte der kaum mehr als 1,75 Meter große Mann sich auf diesen zweiten Blick der anderen spezialisiert. Darauf, dass die anderen schon noch merken, was in ihm steckt. Auch Spitzenkandidat wurde er erst auf Umwegen. Nach der Wahlniederlage der NRW-CDU 2010 unter Jürgen Rüttgers kandidierte Laschet für den Vorsitz der Landtagsfraktion und unterlag gegen Karl-Josef Laumann. „Der ist authentischer“, hieß es damals an der CDU-Basis über den Westfalen, der heute Patientenbeauftragter der Bundesregierung ist.

Laschet kämpfte weiter. Jetzt mit Laumanns Rückendeckung. Aus der Kampfkandidatur um den Landesvorsitz machte die Parteiregie eine Art Feldzug durch NRW: Vor dem Publikum der Bezirksverbände musste Laschet sich acht Rede-Duelle mit Norbert Röttgen liefern. Röttgen gewann.

Das waren die wohl bittersten Tage im bisherigen Politikerleben von Laschet, der sich da bereits vom Elternhaus einer Aachener Bergmannsfamilie über Mandate in den Parlamenten von Berlin und Brüssel ins Landeskabinett von Jürgen Rüttgers hochgearbeitet hatte. Aber von Röttgen, dem damaligen Bundesumweltminister und Liebling der Kanzlerin, versprach die NRW-CDU sich mehr Glamour.

Bei der Landtagswahl 2012 musste Röttgen eine desaströse Niederlage gegen SPD-Spitzenkandidatin Hannelore Kraft verantworten. Die Mülheimerin Kraft triumphierte laut, der Aachener Laschet heimlich. Endlich machte sein Landesverband ihn zum Chef und die Fraktion zum Oppositionsführer im Düsseldorfer Landtag.

„Wir haben früher immer gesagt: In jeder Karriere sind 20 Prozent Sein, 30 Prozent Schein und 50 Prozent Schwein“, erzählt sein Jugendfreund Heribert Walz. Ein möglicher Beleg für die Schlitzohrigkeit, die man Armin Laschet noch heute nachsagt. Die beiden haben sich mit 14 bei den Ferienspielen der Burtscheider Kirchengemeinde kennengelernt: Völkerball und Fahnenklauen hießen damals die Späße, mit denen Laschet und Walz sich die Sommerferien vertrieben. Heute heißt so was Stadtranderholung.

„Die Atmosphäre bei den Laschets war streng, aber warmherzig“, erinnert sich Walz, „wenn ich zu Gast in großer Runde beim Abendbrot saß, hatte eines der Kinder immer Küchendienst: Speisen auftragen und spülen.“

Laschet wuchs mit drei Brüdern auf, „die Mutter war immer der Mittelpunkt“, erzählt Walz. Als sie vor wenigen Jahren starb, war halb Aachen bestürzt über den plötzlichen Tod der Frau, die sich mit Töpferkursen und anderem in der Gemeinde engagiert und ganze Nachmittage lang auch auf die Kinder der Nachbarschaft aufpasste. Walz: „Bei den Laschets saßen eigentlich immer irgendwelche Gäste mit am Tisch.“ Vater Laschet, der später vom Bergmann umschulte und Leiter der Burtscheider Grundschule wurde, sieht man heute fast jeden Dienstag bei seiner Wassergymnastik in einem benachbarten Hallenbad.

Vielleicht war diese alltägliche Gastfreundschaft in Laschets Elternhaus Keimzelle für einen historischen Wandel der CDU. Über Jahrzehnte wollte die Partei einfach nicht wahrhaben, dass Deutschland auch Einwanderungsland ist. Als er 2005 erster deutscher Integrationsminister wurde, musste Laschet seiner Partei erst mühsam beibringen, dass junge Zuwanderer eine dramatisch alternde Nation auch entlasten. Obwohl diese Haltung unter Kanzlerin Merkel als „Willkommenskultur“ später zum Bekenntnis der CDU wurde, fremdeln viele in der Partei noch immer damit. Der konservativste Teil der Union nennt Laschet bis heute gehässig „Türken-Armin“.

Walz und Laschet sind immer noch befreundet, beide Familien haben schon viele Urlaube gemeinsam verbracht. Einen Skiurlaub zum Beispiel Anfang der 90-er Jahre im schweizerischen Lenzerheide, Laschets ältester Sohn Johannes war gerade geboren. „Da kam er mit Sommerreifen an“, schüttelt Walz noch heute im Kopf, „das ging natürlich schief.“ Laschets weißer BMW kam den Berg nicht hoch. Der junge Familienvater musste improvisieren. Walz: „Da hat der die Koffer der Familie in ein Kinderbett gepackt, und das schob er dann bis zur Ferienwohnung.“


Lange Überzeugungsarbeit bei Partei und Fraktion

Laschets erstes Auto war ein gebrauchter Mercedes. Das Geld dafür verdiente er sich bei einem Autohändler, für den der damalige Jura-Student Fahrzeuge von München nach Antwerpen überführte. Walz: „Da hat seine Mutter sich fürchterlich aufgeregt und gesagt: Du kannst als Student doch nicht Mercedes fahren.“

Jahre später, als Laschet beim Landesparteitag 2012 seine schwere Dienstlimousine vor den Krefelder Königspalast steuerte, wird er vom ostwestfälischen Europapolitiker Elmar Brok hart am Heck erwischt und gegen einen Baum geschleudert. Der Unfall ging glimpflich aus. Später im Saal folgte die nächste Beule: Bei der Wahl zum Landesvorsitzenden stimmten nur gut 77 Prozent der Delegierten für ihn. Laschet sprach von einem „ehrlichen Ergebnis“. Er galt als Notlösung. „Nach dem Desaster mit Röttgen hatten wir keinen anderen“, sagt ein Fraktionskollege. Es dauerte lange, bis der Verlegenheitskandidat Partei und Fraktion überzeugte.

Laschet und die CDU-Fraktion haben es einander nicht leicht gemacht. Internen Gegner, die sein politisches Gewicht relativieren wollen, tun ihn als Frauenversteher ab. Er sei kauzig. Binde bewährte Fachleute nicht in Entscheidungen ein. Und vor allem sei er schlecht organisiert.

Die Stimmung erreichte einen Tiefpunkt, als Laschet 2015 einen ehrenamtlichen Nebenjob als Dozent der RWTH Aachen aufgeben musste. Ein ganzer Satz von Klausuren, die Laschet seine Studenten schrieben ließ, ging verloren. Danach will er die Noten anhand eigener Notizen rekonstruiert haben, verteilte dabei aber auch Noten an Studenten, die gar keine Klausur geschrieben hatten. Die Notizen, auf die Laschet sich bezog, waren für ihn auf Nachfrage auch nicht mehr auffindbar.

20 Prozent Sein, 30 Prozent Schein, 50 Prozent Schwein: Gut möglich, dass Laschet in jenen Tagen mit seinem eigenen Motto gebrochen hat. Ein paar Monate war es recht still um ihn. Er fastete, nahm etliche Kilo ab, schwor auf den Diät-Buch-Bestseller „Schlank im Schlaf“. In den Debatten des Landtages fiel er plötzlich mit ungewohnten Detailkenntnissen auf, seine Attacken gegen die Landesregierung wurden schärfer, relevanter, gekonnt.

Den Durchbruch schafft Laschet beim Landesparteitag im vergangenen Juni in Aachen: Er besteigt das Rednerpult mit drei Stößen Papier, so dick, dass er sie kaum noch tragen kann. Wieder jener gespitzte Mund, mit dem er diesmal einem eher verdutzten Publikum gegenübersteht. Laschet blickt nach links unten in die erste Reihe zu seiner Frau Susanne, die ihn nur selten bei offiziellen Terminen begleitet. Dann legt er los: „Das sind nur drei der Gesetze und Verordnungen, mit denen Rot-Grün unser Land blockiert“, ruft der Oppositionsführer dem jubelnden Saal zu, einer der Stapel fällt ihm vor die Füße. Genüsslich zitiert Laschet aus der Landeskatzenverordnung: „Sofern Tiere versterben, ist das zu berücksichtigen, weil der Tod der größtmögliche Schaden des Tieres ist.“ Diesmal bekommt er 93,4 Prozent. Wohl auch ein ehrliches Ergebnis. Laschet nimmt den Erfolg ganz ruhig entgegen. Wieder der spitze Mund. Ganz so wie damals, als er mit seiner Susanne aus der Traukirche kam. Zum vielleicht ersten Mal in seinem Leben umarmt ihn ein kompletter Saal. Die Landespartei duldet ihn nicht mehr nur. An diesem Tag in Aachen hat sie ihn akzeptiert.

„Der Armin hat sich entspannt“, hieß es danach in seiner Fraktion. „Endlich hört er auch mal zu“, sagt ein anderes Mitglied, das sonst selten Lob für Laschet übrig hat. Wahrscheinlich müsste es besser heißen: nicht „endlich“ sondern „inzwischen wieder“. Denn wenn man Anna Verres fragt, welchen Eindruck sie vor rund zehn Jahren als Praktikantin von Laschet gewonnen hat, sagt die heute 32-Jährige: „Er kann gut zuhören.“ Verres hat keinen Grund, Laschet zu fürchten. Sie kennt ihn ohnehin fast nur noch aus dem Fernsehen. Damals arbeitete sie in der Pressestelle von Laschets Integrationsministerium. Wie war Laschet als Chef? „Respektvoll. Er hat alle mit Namen angesprochen. Sogar mich als Praktikantin.“

Freunde, Nachbarn, ehemalige Mitarbeiter: Im persönlichen Umfeld von Laschet muss man überhaupt lange nach Vorwürfen gegen ihn suchen. Ist der ehemalige Chorknabe von Sankt Michael privat ein Langweiler? „Er liest unheimlich viel“, sagt Jugendfreund Walz, „das war immer schon so.“ Beim Studium in München soll er es auf dem Oktoberfest auch mal krachen lassen haben. Auch nicht so aufregend. Jugendstreiche? Walz muss lange nachdenken. Und dann kommt so was: „Als Kinder haben wir vor eine Parkuhr getreten, so dass es richtig gescheppert hat. Dann hat der Armin sich gekrümmt wie ein Verletzter. Aber in Wirklichkeit hat er sich gebogen vor Lachen, weil zwei ältere Damen so besorgt um ihn waren.“

Monsignore August, der Laschet schon lange vor dessen Hochzeit kannte, bleibt im Ungefähren: „Wenn es im Dorf irgendeinen Blödsinn gab, waren die Laschet-Brüder eigentlich immer dabei.“ Details behält er für sich. Stattdessen erzählt August, dass Laschet schon in ganz jungen Jahren Mitbegründer einer Gruppe von Burtscheider Jugendlichen war, die einen ungewöhnlichen Pakt schlossen: Jeder opferte zehn Prozent seines Taschengeldes für soziale Zwecke. Hat er das auch wirklich gemacht? „Ja, das hat er“, sagt August, „der Armin hat klare Prinzipien, und an die hält er sich.“

Vorhersehbarkeit ist keine gute Eigenschaft für einen Entertainer. Aber Berechenbarkeit ist vielleicht eine ganz gute Eigenschaft für einen Ministerpräsidenten. Das Tückische an heutigen Wahlkämpfen ist: Meistens gewinnt der bessere Entertainer.

Der Autor Thomas Reisener koordiniert als Chefreporter die landespolitische Berichterstattung der Rheinischen Post. Der Original-Text wurde in der RP vom 28. Januar 2017 veröffentlicht.

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