Deutsche Märkte schließen in 2 Stunden 59 Minuten

Auch in Belgien ist der Ofen aus

Die Pleite von German Pellets beschäftigt Gläubiger seit über einem Jahr. Gründer Peter Leibold hat verbrannte Erde hinterlassen. Auch das Kraftwerk Langerlo, das er vor der Pleite noch gekauft hatte, ist nun insolvent.


Auf dem Firmengelände des Kohlekraftwerks Langerlo in belgischen Gent ist nur noch der Pförtner da. Ein paar Sicherheitskräfte drehen ihre Runden, ansonsten ist das riesige Terrain mit seinen rot-weiß gestrichenen Schlöten wie ausgestorben. Am 20. April hatte ein Insolvenzverwalter die rund 100 Beschäftigten in die Kantine berufen und ihnen mitgeteilt: Der Ofen ist aus. Alle können nach Hause gehen. Das Kraftwerk hat Insolvenz angemeldet.

Bis zuletzt war das Kraftwerk Langerlo auch ein Hoffnungsträger für Tausende Anleihegläubiger des seit einem Jahr insolventen Brennstoffherstellers German Pellets gewesen. German-Pellets-Gründer Peter Leibold hatte das Kohle-Kraftwerk dem Energiekonzern Eon abgekauft, kurz bevor sein Imperium zahlungsunfähig wurde.



Belgische Subventionen in Höhe von rund zwei Milliarden sollten in den nächsten zehn Jahren fließen, sollte das Kraftwerk auf die Verfeuerung umweltfreundlicher Pellets umgerüstet werden. Im Verlauf des German-Pellets-Insolvenzverfahren hatte angesichts eines solchen Geldregens der estländische Pelletshersteller Granuul Invest das belgische Kraftwerk in letzter Minute gekauft. Der Deal: den zweistelligen Millionenbetrag, den Granuul für das Kraftwerk bezahlte, sollten die Estländer je nach Höhe der Umrüstkosten im Verlauf des Verfahrens noch aufbessern. Damit hätte es noch einmal mehr Masse für die deutschen Anleihe-Gläubiger gegeben.

Das Vorhaben in Langerlo ist kläglich gescheitert. 25 Millionen Euro hatte Granuul Invest seit der Übernahme im Juni 2016 schon in das Kohlekraftwerk investiert. Die Estländer hatten davon überwiegend die Löhne der Mitarbeiter bezahlt. Granuul Invest hatte außerdem leere Kassen in Gent vorgefunden. Leibold hatte noch bis kurz vor Schluss als Alleinbefugter rund zehn Millionen Euro Cash aus dem Kraftwerk in andere Töchter und Kanäle geschleust, bestätigen ehemalige Mitarbeiter und andere mit den Vorgängen vertrate Personen. Damit hatte Granuul Invest gerechnet.



Doch dann kam noch eine weitere gravierende Panne dazu: Ein Defekt in einem Wärmetauscher habe den Umbau des Kraftwerks verzögert, schildert es der ehemalige Werksleiter Marc Rommens. Die belgische Regierung habe sich dann geweigert, eine Verzögerung des Umbaus zu akzeptieren –  und die geplanten Zuschüsse gestrichen. Die hohen Subventionen sind mittlerweile in Belgien sehr umstritten. Da kam der Fristverlängerungsantrag aus Langerlo gerade recht, um das ganze Projekt zu stoppen – aus der Traum.

Die Insolvenz von German Pellets war 2016 eine der größten Pleiten im Segment der Mittelstandsanleihen. Von Tausenden Anlegern hatte Leibold 226 Millionen Euro über die Emission von Anleihen und noch einmal 44 Millionen Euro über Genussrechte eingesammelt. Hinzu kamen weitere 546 Millionen US-Dollar über die Ausgabe von Bonds an US-Investoren.


Auch in den USA fast nichts mehr zu holen

Leibold hatte nicht nur in Deutschland Pelletswerke und ein riesiges Vertriebsnetz hochgezogen. Auch in den USA hatte er das ganz große Rad gedreht. Er investierte in riesige Holzpelletswerke in Louisiana und Texas. Dafür verwendete er über den Umweg einer Stiftung auch einen großen Teil der deutschen Anlegergelder.

In den USA ist für deutsche Anleger aller Voraussicht nach ebenfalls fast nichts mehr zu holen. Die Werksstandorte in Louisiana und in Texas laufen beide schon länger unter einem Schutzschirmverfahren nach Chapter 11. Der britische Energie-Konzern Drax hat bereits die Werke in Louisiana für rund 35 Millionen Euro gekauft. Er will auch bei der Versteigerung der Texas-Werke mitbieten.



Dort ist zu allem Unglück auch noch das dazu gehörende Hafenterminal in Port Arthur nahe am Golf von Mexiko gleich zweimal in Brand geraten. Einmal im Februar und nun noch einmal vor wenigen Tagen, meldete der Branchendienst Euwid. Die Versteigerung der Texas-Werke hat sich verzögert und dürfte ebenfalls nur einen zweistelligen Millionenbetrag einbringen. Leibold hatte dort aber über seine US-Tochterfirmen mehr als 500 Millionen Dollar von US-Investoren eingesammelt. Diese werden alle vorrangig vor den deutschen Gläubigern bedient.

Immerhin: Gemanagt werden die US-Werke von einem Team der Insolvenzverwalterin Bettina Schmudde. Dafür wird das Team auch von den Amerikanern bezahlt. Aus den Gehältern ihres Management-Teams hat Schmudde bislang rund eine Million Euro der Masse von German Pellets zugeführt. Besser als nichts. Doch im Vergleich zu den 1,7 Milliarden Euro Schulden, die Leibold hinterließ, ist es ein Minibetrag.



Werden die German-Pellets-Anleihegläubiger nun gar nichts mehr von ihrem Geld sehen? Insolvenzverwalterin Schmudde hat zwar fast alle Werke veräußert, aber sie macht ihr Büro am Hauptsitz Wismar noch nicht dicht. Vor allem eine mögliche Geldquelle bleibt ihr noch: das Anfechtungsrecht. Von Gläubigern, die bis kurz vor der Insolvenz ihres Kunden noch ihr Geld eingetrieben haben, kann die Verwalterin die zwangsweise eingezogenen Summen zurückverlangen. Denn einzelne Gläubiger dürfen sich nicht kurz vor einer Insolvenz noch auf Kosten anderer Gläubiger einen Vorteil verschaffen. Dies widerspräche dem deutschen Insolvenzrecht.

Mehrfach ließen Gläubiger vor der Pleite sogar Leibold verhaften, um an ihr Geld zu kommen. Das geht aus Insolvenzunterlagen hervor, die dem Handelsblatt vorliegen. Von Personen, die mit den Vorgängen vertraut sind, ist zu erfahren: da könnte noch eine ansehnliche höhere Millionen-Summe zurückzuholen sein.

KONTEXT

Regeln für Anleger

Was wird hier verkauft?

Immobilien, Erdwärme, Windkraft, Gold in Canada. Die Geschäftsidee klingt oft super. Doch ob die Rechnung aufgeht, können Laien aus den Prospekten nur schwer erkennen. Als Sachwerte eignen sich eher Investments in Dinge, die der Anleger persönlich in Augenschein genommen hat, und von denen er etwas versteht.

Wer verkauft das?

Die Vertrauenswürdigkeit privater Vermittler ist oft schwer zu beurteilen. Sie sind aber allesamt begabte Verkäufer. Wie lange ist der Finanz"experte" im Geschäft? Was hat er gelernt? Ist er Teil eines Strukturvertriebs? Dann wird er zuerst auf Verwandte angesetzt, weil die besonders leichtgläubig sind. Auch Veranstaltungen in eleganten Hotels oder Hochglanzbroschüren täuschen. Sicherer ist die Nachfrage bei einer Verbraucherzentrale, oder bei einem Honorarberater.

Wie hoch sind die Gebühren?

Die Nebenkosten eines Finanzprodukts können leicht zehn Prozent oder mehr betragen. Im Umfeld von Minizinsen ist damit die Rendite schnell negativ. Kosten sind nicht nur das Agio, der Aufschlag, sondern auch sonstige Vertriebskosten und die regelmäßigen Verwaltungskosten.

Vorsicht bei hohen Renditen

Renditeversprechen von sechs Prozent oder gar zehn Prozent sind unrealistisch. Warum sollte da nicht eine Bank einsteigen, oder ein privater Großinvestor? Hohe Renditen und eine sichere Anlage, so etwas gibt es nicht. Hohe Renditen bedeuten immer auch hohes Risiko.

Tragen Sie gutes Geld nicht schlechtem hinterher

Oft bitten geschlossene Fonds um Nachschüsse, damit das Schiff oder die Immobilie gerettet werden kann. Oder sie verlangen gezahlte Ausschüttungen zurück. Das dürfen sie nur, wenn es im Prospekt vorgesehen ist. Anleger eines Fonds zahlen Eigenkapital ein. Das ist im Ernstfall immer nachrangig. Die Bank wird zuerst bedient. Wenn Anleger nochmal Geld nachschicken, ist es häufig am Ende auch noch weg.

KONTEXT

Vorbesitzer Eon in der Kritik

Kraftwerkskauf

Im Januar 2016 hat der Energiekonzern Eon das Kraftwerk in Langerlo an German Pellets unter Firmengründer Peter Leibold verkauft. Damals war schon klar, dass die Konzession für die Befeuerung des Kraftwerks mit Kohle im April 2017 auslaufen sollte. Leibold wollte das Kraftwerk auf Holzpellets umrüsten und dafür Milliardensubventionen vom belgischen Staat kassieren.

Insolvenz

Wenige Wochen später, im Februar 2016 ging German Pellets pleite. Die Insolvenzverwalterin und ihr Team fanden in letzter Minute einen Käufer für das Kohlekraftwerk in Belgien, die estländische Granuul Invest. Die Verträge mit der belgischen Regierung konnten gehalten werden. Doch dann sprengten technische Pannen den Zeitplan für die Umrüstung. Das Kraftwerk musste dicht machen. 100 Mitarbeiter stehen ohne Sozialpläne auf der Straße.

Vorwürfe an Eon

Wenige Wochen später, im Februar 2016 ging German Pellets pleite. Die Insolvenzverwalterin und ihr Team fanden in letzter Minute einen Käufer für das Kohlekraftwerk in Belgien, die estländische Granuul Invest. Die Verträge mit der belgischen Regierung konnten gehalten werden. Doch dann sprengten technische Pannen den Zeitplan für die Umrüstung. Das Kraftwerk musste dicht machen. 100 Mitarbeiter stehen ohne Sozialpläne auf der Straße.

KONTEXT

German Pellets: Chronik einer Pleite

Wie alles begann

2005 gründet Peter Leibold im Alter von 47 Jahren in Wismar an der Ostsee ein Werk für Holzpellets. Die aus Sägespänen und Holzresten gepressten Stifte werden vor allem als Brennmittel in Heizöfen verwendet.

Exzessives Wachstum

2012: German Pellets hat FireStixx übernommen und betreibt inzwischen mehrere Werke. Das Unternehmen erhöht den Umsatz angeblich von 286,1 Millionen (2011) auf 519,1 Millionen Euro. Nach einer ersten Anleihe, mit der das Unternehmen 80 Millionen Euro einsammelte, begibt der Brennstoffhersteller nun verstärkt (eigenkapitalähnliche) Genussrechte. Das Volumen an Genussrechten steigt in den kommenden Jahren von fünf auf 44 Millionen Euro.

Private US-Geschäfte

2013: Familie Leibold eröffnet ein Werk in Texas (USA) und startet den Bau des US-Werks Louisiana, das 2015 in Betrieb geht. German Pellets sammelt mit einer neuen Anleihe 72 Millionen Euro ein und begibt Genussrechte für 13,2 Millionen Euro. Das Anleihevolumen steigt später auf mehr als 226 Millionen Euro.

Die Krise beginnt

Sommer 2015: Peter Leibold meldet zum Halbjahr ein Umsatzplus um elf Prozent auf 294 Millionen und einen operativen Gewinn von 26 Millionen Euro. Doch das Unternehmen hat inzwischen 443 Millionen Euro Schulden. German Pellets braucht frisches Eigenkapital. Im Herbst will der Brennstoffhersteller Anleger dazu verleiten, ihre (vorrangigen) Anleihen in (nachrangige) Genussrechte zu wandeln. Creditreform errechnet eine Eigenkapitalquote von nur noch 5,4 Prozent.

Der Insolvenzantrag

10. Februar 2016: German Pellets beantragt Insolvenz in Eigenverwaltung. Das Amtsgericht Schwerin lehnt ab und ordnet vorerst ein klassisches Verfahren an. Bettina Schmudde wird vorläufige Verwalterin. Mehrere Töchter und das US-Werk Louisiana sind später ebenfalls insolvent. Zuvor hatten Lieferanten und Mitarbeiter vergeblich auf Geld gewartet. Die Finanzaufsicht Bafin untersagte dem Unternehmen den Handel mit Genussrechten. Eine für 10. Februar angesetzte Gläubigerversammlung sagte German Pellets kurzfristig ab.

Der Wirtschaftskrimi

12. Februar 2016: Die Staatsanwaltschaft Rostock ermittelt gegen Peter Leibold wegen Verdachts auf Unterschlagung. Der Wiener Finanzier MCF Commodities hatte Strafanzeige gestellt, weil ihm wegen unbezahlter Rechnungen angeblich ein Schaden in Höhe von 27 Millionen Euro entstanden sein soll. Peter Leibold schweigt zu den Vorwürfen. Es gilt die Unschuldsvermutung.