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Das Beispiel Madrid zeigt: Eine Abriegelung von Hotspots allein bringt nichts

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Die spanische Hauptstadt ist seit Anfang Oktober vom Rest des Landes abgeschottet. Doch es hapert an Kontrollen, Tests und Kontaktbeschränkungen.

Wegen stark steigender Corona-Zahlen werden nach Madrid und neun Kommunen im Umland zwei weitere spanische Städte im Nordwesten des Landes weitgehend abgeriegelt. Foto: dpa
Wegen stark steigender Corona-Zahlen werden nach Madrid und neun Kommunen im Umland zwei weitere spanische Städte im Nordwesten des Landes weitgehend abgeriegelt. Foto: dpa

Regierungen rund um den Globus graut angesichts steigender Infektionszahlen vor einem erneuten Lockdown. Sie suchen nach weniger einschneidenden Alternativen für Wirtschaft und Bevölkerung. Der Chef des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler, hat dabei die Abriegelung von Risikogebieten vorgeschlagen. „Mobilität ist einer der Treiber dieser Pandemie“, sagte er.

Für die Abriegelung gibt es ein potentes Vorbild: Wuhan. Mit Entsetzen verfolgte die Weltöffentlichkeit im vergangenen Jahr, wie China die Einwohner der Millionenmetropole einschloss, weil dort ein neues Virus aufgetreten war. Doch der Plan funktionierte – heute ist in Wuhan der Alltag wieder eingekehrt.

In Madrid soll dies auch gelingen. Nachdem die spanische Hauptstadtregion wochenlang die höchste Infektionsrate in ganz Europa aufwies, sind seit Anfang Oktober die Stadt sowie acht Vororte vom Rest des Landes abgeschottet. Das Beispiel zeigt aber: Eine Abriegelung allein ist noch kein Garant für die Bekämpfung des Virus. Der Erfolg der Abriegelung Madrids ist bislang umstritten.

Der Alltag in der Abriegelung geht normal weiter. Die 3,2 Millionen Einwohner können sich innerhalb der Stadtgrenzen frei bewegen. Bars und Restaurants sind zwar nur bis 23 Uhr geöffnet, müssen den Abstand zwischen Kunden sicherstellen und dürfen nicht mehr als sechs Personen an einen Tisch setzen. Aber wer nicht gerade in sein Landhaus in der Sierra oder ans Meer fahren will, führt ein ganz normales Leben.

Ganz anders als im März, als in Spanien eine der härtesten Ausgangssperren Europas galt: Aus dem Haus durfte man nur allein und nur um einkaufen, arbeiten oder zum Arzt zu gehen. Selbst Kinder blieben wochenlang in den Wohnungen eingesperrt, denn auch Spaziergänge an der frischen Luft waren verboten. Die Straßen der sonst so lebendigen Hauptstadt waren komplett verwaist.

Straßencafés sind weiter gut gefüllt

Das ist jetzt anders. Auf den ersten Blick deuten nur die vielen leer stehenden Geschäfte auf die herbe Wirtschaftskrise hin – die Straßencafés sind weiterhin gut gefüllt. So angenehm diese Art der Abriegelung ist, so groß sind die Zweifel an ihrer Wirksamkeit.

Ein Problem ist die fehlende Kontrolle. Zwar sollen 7000 Polizisten und Militärs Zu- und Ausgänge der Stadt überwachen. In der Praxis ist von ihnen aber oft weit und breit nichts zu sehen. Und Einzelne erzählen, dass sie ohne Probleme aus Madrid innerspanisch gereist seien – mitten in der angeblichen Abriegelung.

Am zweiten Oktoberwochenende, das mit einem Feiertag am folgenden Montag ein klassisches Ausflugswochenende war, sank der Straßenverkehr aus der und in die Hauptstadt zwar um 52 Prozent im Vergleich zu dem Brückenwochenende im Oktober 2015. Allerdings nahm er auch im Nordwesten des Landes um 24 Prozent ab, wo keinerlei Einschränkungen galten. Die Coronakrise und nicht allein die Sperre hat den Spaniern offenbar die Reiselust genommen.

Den Infektionszahlen wird nicht getraut

Auch ein Blick auf die Infektionen liefert keinen klaren Beleg für den Erfolg der Abschottung. Zwar sind die Neuinfektionen von 287 pro 100.000 Einwohner in einer Woche Ende September auf derzeit 195 Fälle gesunken.

Doch weil sich die Regionalregierung zunächst strikt gegen die Komplettabriegelung gewehrt hatte, steht in dem aufgeheizten politischen Klima nun der Verdacht im Raum, dass sie einfach weniger testet, damit die Infektionszahlen sinken. „Mir bereitet die Reduzierung der PCR-Tests Sorge, die in Madrid um 40 Prozent gesunken sind“, sagte der spanische Gesundheitsminister Salvador Illa vor wenigen Tagen. Die Madrider Regionalregierung argumentiert dagegen, dass sie nun die neuen Antigen-Schnelltests verwendet.

Der Tanz um die Zahlen lässt selbst Experten ratlos zurück: „Niemand weiß derzeit, wie die wirkliche Lage ist. Das macht uns große Sorgen“, sagt Ángela Hernández Puente, Vizechefin der Madrider Ärztegewerkschaft Amyts. „Der Politik ist der parteipolitische Kampf wichtiger als die Bekämpfung des Virus.“

Die Regionalfürstin kämpft gegen die Abriegelung

Madrid ist auch ein Beispiel dafür, dass Abriegelungen von Hotspots in Europa zu Widerstand bei den regionalen Verantwortlichen führen können. Gesundheitspolitik ist in Spanien wie in Deutschland Sache der 17 autonomen Regionen. Die konservative Madrider Regionalregierungschefin Isabel Díaz Ayuso unternahm aus Rücksicht auf die Wirtschaft zunächst gar nichts zur Infektionseindämmung. Mitte September dann versuchte sie, mit chirurgischen Maßnahmen gegenzusteuern: Sie riegelte 45 Madrider Stadtviertel und damit 15 Prozent der Bevölkerung ab, die besonders viele Infektionen aufwiesen.

Illa, der der Explosion von Coronafällen in Madrid ebenfalls lange tatenlos zugesehen hatte, ging das nicht weit genug. Er wollte verhindern, dass das Virus von der Hauptstadt ins ganze Land getragen wird, und beschied deshalb die Abriegelung der gesamten Stadt. Díaz Ayuso versuchte nach Kräften, die Abriegelung zu verhindern, und zog die sinkenden Infektionszahlen als Beweis dafür heran, dass ihre vorsichtigeren Maßnahmen wirkten.

Nachdem ein Gericht Illas Abriegelungsbeschluss für nicht rechtens erklärte, nutzt die spanische Regierung einen anderen juristischen Weg und verhängte vor einer Woche den Alarmzustand in Madrid, um die Abschottung der Stadt weiter aufrechterhalten zu können. Der aber gilt nur für zwei Wochen – dann muss das spanische Parlament eine Verlängerung billigen. Es ist absehbar, dass Illas sozialistisch-linkspopulistische Regierung diese Verlängerung nicht bekommt – und der Streit über die richtigen Maßnahmen anhalten wird.

Experten fordern Schließung von Bars und Restaurants

Das Beispiel Madrid zeigt: Eine Abriegelung bringt nicht viel, wenn sie nicht mit strikten Kontrollen an Autobahnen, Bahnhöfen und Flughäfen einhergeht, ebenso mit massiven Tests, der Pflicht zur Telearbeit, wo sie möglich ist, und mit Quarantäne-Bestimmungen.

Doch selbst das reicht nicht: „Das hilft zwar dem Rest des Landes, aber nicht Madrid selbst“, sagt Manuel Franco, Epidemiologe von der Universität Alcalá de Henares. „Damit in der Stadt die Infektionen sinken, müssen sich die Leute weniger treffen – Restaurants und Bars gehören deshalb geschlossen. So wie Katalonien das schon beschlossen hat.“ Das Alltagsleben, das die Madrider derzeit noch genießen, wäre damit deutlich stärker eingeschränkt.

Glaubt man spanischen Medien, plant die nationale Regierung genau das: Den Berichten zufolge hat sie ein System von vier Alarmstufen erarbeitet. In neun der 17 Regionen würde demnach derzeit eine hohe oder extreme Alarmstufe gelten, die die Schließung aller Bars und Restaurants vorsieht. Der höchste Alarm, der auch für Madrid gelten würde, sieht zudem Einschränkungen der Bewegungsfreiheit vor, etwa eine Abriegelung.

Allerdings sind die Alarmstufen nur eine Richtschnur. Die Entscheidung darüber obliegt nach wie vor den Regionalregierungen.

Mehr: Madrid droht Ausgangssperre: Spanische Regierung kündigt schärfere Maßnahmen an