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„Befinden uns am Beginn einer Epidemie“ – Deutschland rüstet sich gegen Corona

Nach neuen Infektionen wächst hierzulande die Sorge. Gesundheitsminister Spahn spricht vom „Beginn einer Epidemie in Deutschland“. Unternehmen rüsten sich.

Eine Frau in Oberhausen trägt vor einer Apotheke eine Mund- und Nasenmaske. Foto: dpa

Eigentlich wollte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn am Mittwochabend bei seinen Parteifreunden von der CDU in Essen auftreten. Doch die Rede zum Politischen Aschermittwoch sagte er kurzfristig ab. Spahn ist in der Hauptstadt gebunden – als Krisenmanager in Sachen Coronavirus Sars-CoV-2.

„Wir befinden uns am Beginn einer Epidemie in Deutschland“, sagte Spahn am Abend. Die bisherige Strategie, die Ausbreitung möglichst einzudämmen, sei nicht aufgegangen. „Die Lage hat sich leider in den letzten Stunden geändert“, so der Gesundheitsminister. Daher habe er seine Kollegen in den Bundesländern gebeten, ein mögliches Inkrafttreten ihrer Krisenpläne für eine Pandemie vorzubereiten.

Die Lungenkrankheit breitet sich in Deutschland und Europa aus. Neue Infektionen wurden in Nordrhein-Westfalen, in Baden-Württemberg und in Rheinland-Pfalz nachgewiesen. Die Zahl der bestätigten Fälle in der Bundesrepublik stieg zuletzt auf mehr als 20, die Dunkelziffer könnte viel höher liegen.

Was die Behörden zunehmend beunruhigt: Die Infektionsketten lassen sich immer schwerer nachvollziehen. Das sei eine „neue Qualität“ im Vergleich zu den ersten Fällen Ende Januar in Bayern, wo es eine klare Verbindung zu einem Infektionsherd in China gab. Gesundheits- und Innenministerium richteten einen gemeinsamen Krisenstab ein. Am Donnerstag wollen Spahn und Innenminister Horst Seehofer (CSU) über Einzelheiten informieren.

Die Pandemiepläne liegen in den Schubladen, müssen aber teilweise aktualisiert werden. Zuständig sind im deutschen Föderalismus bei der Bekämpfung von Infektionskrankheiten zunächst die Länder und Kommunen. Der Bund koordiniert. Angesichts der Gefährdungslage übernimmt die Regierung in Berlin nun eine größere Rolle, um die Zirkulation des Coronavirus einzudämmen.

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Spahn ist aber weiter bemüht, die Bevölkerung zu beruhigen. Der Krankheitsverlauf beim Coronavirus sei einer Grippe nicht unähnlich. In anderen Ländern traten Todesfälle meist bei Menschen mit Vorerkrankungen auf. Dem Robert-Koch-Institut (RKI) liegen nach eigenen Angaben gegenwärtig nicht genug Daten vor, um die Atemwegserkrankung abschließend zu beurteilen. „Die Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung wird in Deutschland aktuell als gering bis mäßig eingeschätzt“, lautet die derzeitige Risikoeinschätzung des für Infektionskrankheiten zuständigen Bundesinstituts.

Doch die Bilder rufen Ängste hervor: Millionenstädte in China stehen unter Quarantäne, in Norditalien riegeln Polizisten und Soldaten ganze Ortschaften ab. Per Videoanruf melden sich deutsche Urlauber, die wegen des Coronavirus in einem Hotel auf Teneriffa eingeschlossen sind, in Nachrichtensendungen.

Und auch mitten in Deutschland bekommen Menschen die Folgen der Epidemie zu spüren: Der Kreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen schließt wegen eines Coronavirus-Falls alle Schulen und Kindergärten. Der dort infizierte Mann habe in den vergangenen beiden Wochen eine „unendliche Vielzahl von Kontakten“ zu anderen Menschen gehabt, heißt es.

Nordrhein-Westfalens Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) sagte, der Mann sei während des Karnevals ansteckend gewesen und habe während dieser Zeit rege am gesellschaftlichen Leben teilgenommen. Seine Frau, eine Kindergärtnerin, ist ebenfalls infiziert. In Baden-Württemberg sprach Gesundheitsminister Manne Lucha (Grüne) zunächst von einem Einzelfall: „Es gibt nach wie vor keinen kursierenden Virus bei uns.“ Dann wurden in dem Land drei weitere Fälle gemeldet.

Spahn hatte bereits Anfang der Woche erklärt, dass viele Maßnahmen möglich seien, um Epidemien einzudämmen. Zwischen der Absage von Großveranstaltungen und der Abriegeln ganzer Städte gebe es Abstufungen. Wichtig sei, dass „angemessen und verhältnismäßig“ vorgegangen werde. Das Infektionsschutzgesetz ermöglicht, bei der Krankheitsbekämpfung wichtige Grundrechte wie die Freiheit der Person, die Versammlungsfreiheit und die Unverletzlichkeit der Wohnung eingeschränkt werden. „Krankheitsverdächtigen“ kann auch ein Berufsverbot auferlegt werden.

Firmen untersagen Reisen in Europa

Schon jetzt sind deutsche Unternehmen betroffen: Veranstaltungen werden abgesagt, Reisesperren ausgesprochen, Beschäftigte werden zwangsweise ins Home Office geschickt. Galten die Beschränkungen anfangs nur für China, weiten viele Konzerne ihre Maßnahmen nun auf Europa aus. Dazu gehören betriebsärztliche Untersuchung für Mitarbeiter, die zuletzt in den betroffenen Gebieten auf Dienstreise waren.

Der Softwarehersteller SAP erklärte, Mitarbeiter, die sich in den betroffenen Gegenden aufgehalten haben, sollten mindestens 14 Tage von zu Hause aus arbeiten und bei Krankheitssymptomen zum Arzt gehen. Regelmäßige Bürodesinfektionen gehörten seit einigen Wochen ohnehin zum Standardprogramm, sagte ein Sprecher.

Die Deutsche Telekom rät ihren Beschäftigten mittlerweile von Reisen nach Italien ab. Es gebe Notfallpläne, wie man Beschäftigte und kritische Infrastruktur im Fall einer Verbreitung der Pandemie in Deutschland schütze. Details wollte das Unternehmen nicht nennen.

Die wirtschaftlichen Folgen des Ausbruchs lassen sich derzeit noch schwer abschätzen. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) spricht bisher nur allgemein von „Unsicherheiten“ für die Konjunktur. Die Abhängigkeit von Zulieferungen aus China wird für einzelne Sektoren zu einem immer größeren Problem, etwa für die Autoindustrie. Sollte es bei einzelnen Unternehmen zu Liquiditätsengpässen kommen, stünden Hilfen der Kreditanstalt für Wiederaufbau bereit.

Das Kieler Institut für Weltwirtschaft rechnet damit, dass das deutsche Bruttoinlandsprodukt wegen des Coronavirus um 0,2 Prozent niedriger ausfallen könnte. Das Wachstum in China dürfte weitaus stärker betroffen sein. In Hongkong verkündete die Regierung am Mittwoch ein milliardenschweres Konjunkturpaket zur Stützung der Wirtschaft. Unter anderem zahlt sie jedem Bürger über 18 Jahre umgerechnet knapp 1200 Euro in bar aus, um den Konsum wieder anzukurbeln.

Die Grenzen bleiben offen

Unternehmen schätzen die Lage ähnlich wie Altmaier ein: „Viel wird sicher davon abhängen, wie lange uns Corona in Atem halten wird‘“, sagte eine Sprecherin des Elektronikkonzerns Weidmüller. „Wir rechnen derzeit damit, dass nach der Überwindung eine starke Nachfrage einsetzt, welche möglicherweise umsatzschwächere Monate kompensieren kann.“

Reisebeschränkungen innerhalb oder außerhalb des Schengenraumes halten die EU-Staaten derzeit nicht für geboten. „Wir sind gemeinsam der Meinung, dass zu diesem Zeitpunkt Reisebeschränkungen oder gar das Schließen von Grenzen keine angemessene, verhältnismäßige Maßnahme wäre“, hatte es Spahn nach einem Treffen mit seinen Ressortkollegen in Rom formuliert. Das ist aus Sicht der Wirtschaft eine gute Nachricht.

Die Regeln des Schengenraumes erlauben es den Mitgliedstaaten, ihre Binnengrenzen in besonderen Situationen zu schließen. In Deutschland müsste diese Entscheidung das Innenministerium in Absprache mit dem Kanzleramt treffen. Noch gebe es „keine Veranlassung“ für eine Grenzschließung, sagte ein Sprecher.

Auch Hans Kluge, Regionaldirektor für Europa der Weltgesundheitsorganisation (WHO), warnte vor Panik: „Wir ergreifen jede notwendige Maßnahme, es muss aber das Prinzip der Verhältnismäßigkeit gelten.“ Die Todesrate liege weltweit bei zwei Prozent, in China bei einem. „Vier von fünf Patienten haben nur leichte Symptome, und betroffen sind meist ältere Menschen mit Immunschwächen und anderen bestehenden Krankheiten.“ Nur fünf Prozent der jetzt Angesteckten brauche Intensivmaßnahmen wie etwa Sauerstoffzufuhr.

„Die Europäische Union ist noch in der Eindämmungsphase, es ist wichtig, das zu unterstreichen“, betonte EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides: „Wir bereiten uns jetzt auf Szenarien vor, wenn es in Italien oder an anderen Orten in Europa größere Gebiete mit Infizierten geben sollte.“ Vor allem die Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten, müssten geschützt werden.

Wie schnell sich das Virus ausbreiten könne, zeige der jüngste Ausbruch in Italien. Nach Angaben des Zivilschutzes in Rom waren am Mittwochmittag bereits 374 Menschen erkrankt.

Weltweit haben sich nach WHO-Zählungen mehr als 88.000 Menschen infiziert. Um eine weitere Ausbreitung des Virus zu verhindern, setzt die Organisation auf eine Doppelstrategie aus Eindämmung der Infektionscluster und Vorbereitung der örtlichen Gesundheitssysteme, insbesondere in Afrika, das zwar bisher weitgehend von der Infektionswelle verschont geblieben ist, aber kaum in der Lage wäre, eine Epidemie zu bekämpfen. Die Bundesregierung erhöht ihren Beitrag zum Nothilfe-Fonds der WHO um drei Millionen Euro.

Außerhalb Chinas und Italiens gilt die Sorge derzeit besonders der Situation im Iran, bisher kommen aus dem Land nur wenig Informationen. Wie stark sich das Virus inzwischen ausgebreitet hat, lässt sich schwer abschätzen. Das Auswärtige Amt kann daher auch nicht ermitteln, ob sich Deutsche in den iranischen Infektionsgebieten befinden. In abgeriegelten Ortschaften Norditaliens sollen sich keine Deutschen befinden.

Die deutschen Touristen in dem unter Quarantäne gestellten Hotel auf Teneriffa werden diplomatisch betreut, eine Evakuierung ist aber nicht vorgesehen. Die spanischen Behörden hätten mit der Verhängung der Quarantäne die richtige Maßnahme ergriffen, heißt es in Berlin. Die Hotelgäste in Teneriffa müssen zur Vorsicht 14 Tage in dem Hotel bleiben.