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"Beachtliche Maßnahmen": Ministerpräsident Weil nimmt Katar bei "Markus Lanz" in Schutz

Plädierte bei Markus Lanz für einen differenzierten Umgang mit Katar: Stephan Weil, Ministerpräsident von Niedersachsen. (Bild: ZDF)
Plädierte bei Markus Lanz für einen differenzierten Umgang mit Katar: Stephan Weil, Ministerpräsident von Niedersachsen. (Bild: ZDF)

Die Fußball-WM in Katar ist höchst umstritten, das Gastgeberland steht aus zahlreichen Gründen in der Kritik. In der Talkshow von Markus Lanz plädiert Niedersachsens Ministerpräsident für Nachsicht und einen differenzierten Umgang mit dem Wüstenstaat.

Menschenrechtsverletzungen, striktes Verbot von Homosexualität, Ausbeutung von Arbeitsmigranten aus Asien, Korruption bei der Vergabe der WM: Die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar und vor allem das Gastgeberland stehen massiv in der Kritik. Es gibt jedoch auch Stimmen, die Deutschland und die westliche Welt - die diese Vorwürfe vorbringt - darauf hinweisen, dass eine derartige moralische Empörung kaum angebracht sei.

Schließlich hätten auch andere sportliche Großereignisse - wie etwa die Olympischen Spiele in Peking - in Staaten stattgefunden, in denen Menschenrechte unterdrückt werden. Und auch Deutschland habe sich, gerade nach den Gräueltaten im Zweiten Weltkrieg, erst entwickeln müssen, Homosexualität sei auch hierzulande bis in die 1970er-Jahren illegal gewesen. Für einen nachsichtigeren Umgang mit dem WM-Gastgeberland plädierte am Donnerstagabend bei "Markus Lanz" auch der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil (SPD).

Fracking sei eine sichere Methode zur Gasgewinnung, erklärte der Geophysiker Hans-Joachim Kümpel. (Bild: ZDF)
Fracking sei eine sichere Methode zur Gasgewinnung, erklärte der Geophysiker Hans-Joachim Kümpel. (Bild: ZDF)

"Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß"

Katar habe Fortschritte gemacht, meinte Weil. Selbst Deutschland habe teilweise in Sachen Arbeitsbedingungen noch "dunkle Flecken", und natürlich sei die Lage für die Arbeiter "nicht vertretbar". Aber: "Gemessen an dem, was in größeren Teilen der Welt angesagt ist, sind Mindestlohn beispielsweise und andere Maßnahmen durchaus beachtlich", erklärte Weil.

Deutschland habe außerdem "ein völlig anderes Wertesystem". Er plädierte für einen differenzierten Umgang mit dem WM-Gastgeberland: "Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß." Als Ministerpräsident von Niedersachsen muss er auch enge Beziehungen zu Katar pflegen: Das Emirat hält 17 Prozent der VW-Anteile und ist der drittgrößte Investor bei Volkswagen, dem wichtigsten Arbeitgeber in seinem Bundesland. Er könne aus Erfahrung sagen, dass Katar ein "seriöser Geschäftspartner" sei.

Die Talkrunde vom 24. November: (von links) Gastgeber Markus Lanz, Ministerpräsident Stephan Weil, Journalistin Petra Pinzler, Geophysiker Hans-Joachim Kümpel, Journalist Ronny Blaschke. (Bild: ZDF)
Die Talkrunde vom 24. November: (von links) Gastgeber Markus Lanz, Ministerpräsident Stephan Weil, Journalistin Petra Pinzler, Geophysiker Hans-Joachim Kümpel, Journalist Ronny Blaschke. (Bild: ZDF)

Stephan Weil: Fracking verlängerr nur die fossile Energieproduktion

Dass Deutschland weiterhin auf wirtschaftliche Zusammenarbeit mit dem Wüstenstaat setzt, zeigte auch der Besuch von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck in Katar im März. Schließlich gilt es seit dem Beginn des Krieges in der Ukraine, Alternativen zu russischem Gas zu finden. Eine Möglichkeit, diesen Bedarf teilweise zu decken, könnte Fracking darstellen.

Obwohl Niedersachsen über beachtliche Vorkommen an Gas verfügt, die über die umstrittene Methode gefördert werden könnte, lehnt Weil sie ab: Kurzfristig werde es nicht helfen, langfristig stehe der Klimaschutz zudem im Vordergrund, so der SPD-Politiker. Durch Fracking würden wir "die Zeit, in der wir fossile Energieproduktion in Deutschland haben, verlängern. Und das ist ziemlich genau das Gegenteil dessen, was wir uns vorgenommen haben."

Weil wies zudem auf die Bedenken hin, dass durch die Verwendung von chemischen Zusätzen beim Fracking das Grundwasser verseucht werden könnte. Seine Erfahrung sei, dass Anwohner nicht verhandlungsbereit seien, wenn es um das Thema Trinkwasser geht. Wer nicht wirtschaftlich vom Fracking profitiere, reagiere bei der Frage nach etwaiger Wasserverschmutzung "ausgesprochen allergisch", erklärte Weil.

Geophysiker Kümpel: "Absolut sichere Erdgasproduktion" durch Fracking möglich

Diese Bedenken wollte der Geophysiker Hans-Joachim Kümpel zerstreuen: Der ehemalige Präsident der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) erklärte, dass Schiefergas aus Niedersachsen knapp ein Viertel der in Deutschland verbrauchten Menge an Erdgas stellen könnte. Es gebe zwar ein Restrisiko, Fracking sei aber keine "Risikotechnologie". Und auch vor Verunreinigungen müsse man sich nicht fürchten: "Wir hätten eine absolut sichere Erdgasproduktion, ohne dass dem Grundwasser was passiert", beteuerte Kümpel.

Aus wissenschaftlicher Sicht gebe es keinen Grund, Fracking nicht zu erlauben. Kümpel warf der Großen Koalition vor, das Verbot aus rein politischen Gründen erlassen zu haben. Es sei einfach "aberwitzig", dass man Fracking-Gas aus den USA über lange Wege importiere, "obwohl wir eine absolut sichere Gasförderung hier bei uns haben könnten". An diesem Punkt hakte auch Markus Lanz ein und kritisierte die Haltung Weils: "Wenn Fracking böse ist, dann ist es doch überall auf der Welt böse", erklärte Lanz, unter diesen Umständen sei es doch nicht okay, das Gas über LNG-Terminals nach Deutschland zu bringen.

Die ebenfalls anwesende "Zeit"-Journalistin Petra Pinzler teilte hingegen die Skepsis von Weil. Frackinggas sei laut einigen Studien bei der CO2-Bilanz "fast so schlimm wie Kohle", selbst führende Gasexporteuere wie die USA würden inzwischen auf Wasserstoff als Zukunftstechnologie setzen. "Deshalb sollten wir unser Geld nicht in das Spiel von gestern reinstecken", forderte die Umweltexpertin. Zudem seien die Risiken der Technologie nicht überschaubar, Kümpel rede die Gefahren klein, warf sie dem Wissenschaftler vor.