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Ist Bayerns Kaderproblem selbstverschuldet?

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Ist Bayerns Kaderproblem selbstverschuldet?
Ist Bayerns Kaderproblem selbstverschuldet?

Der FC Bayern steht vor einer schwierigen Saison und knallharten Verhandlungen in den eigenen Reihen.

Zwar entfacht Neu-Trainer Julian Nagelsmann Euphorie, ihm und den Verantwortlichen um Sportvorstand Hasan Salihamidzic sind jedoch die Hände gebunden, sodass weitere kostenintensive Transfer für den dünnen und verletzungsanfälligen Kader derzeit nicht möglich sind.

Sorgenfalten bereiten den Bayern-Bossen erneut zahlreiche auslaufende Verträge mit Topspielern. Vollzug konnte noch in keinem Fall vermeldet werden.

Transferstopp, fehlende Vertragsunterschriften, bislang zu wenig aufstrebende Talente aus den eigenen Reihen - Ist Bayerns Kaderproblem selbstverschuldet?

Das berühmt berüchtigte Festgeldkonto des FC Bayern hat durch die Corona-Krise jedenfalls gelitten.

FC Bayern mit großen finanziellen Einbußen

Seit dem 8. März 2020 haben die Münchner in der Allianz Arena ohne Zuschauer gespielt. Pro Geister-Heimspiel fehlten jeweils bis zu vier Millionen Euro in der Kasse. Dennoch konnte die FC Bayern München AG in der Saison 2019/20 einen Gewinn von 9,8 Mio. Euro nach Steuern erwirtschaften.

Für die Saison 2018/19 lag der Jahresüberschuss noch bei 52,5 Mio. Euro. Der Umsatz fiel 2019/20 im Vergleich zur Vorsaison indes um 52,4 Mio. Euro auf 698 Mio. Euro. (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der Bundesliga)

Für die Saison 2020/21 rechnet der Verein nach SPORT1-Informationen mit einem Umsatzverlust von über 150 Millionen Euro! Eine Prognose, die der nachvollziehbare Hauptgrund für das zögerliche Verhalten auf dem Transfermarkt ist.

Bayern erwirtschaftet hohes Transfer-Minus

Was sich die FCB-Bosse aber ankreiden lassen müssen, ist der stetige Rückgang von Transfererlösen.

Im Jahresabschluss der Saison 2017/18 der FC Bayern München AG findet man unter dem Posten “Einnahmen aus Transfers” eine Summe von 28,2 Millionen Euro. Medhi Benatia erzielte einen Verkaufserlös, die Leihen von Renato Sanches, Douglas Costa und Serge Gnabry brachten Geld.

Für Corentin Tolisso (damals der Rekordtransfer), Kingsley Coman, Niklas Süle, Sandro Wagner, James Rodríguez und Gnabry wurden über 115 Mio. Euro investiert.

Der Jahresabschlussbericht 2018/19 weist Transfereinnahmen in Höhe von 90,3 Mio. Euro aus. Damals wurden Douglas Costa, Arturo Vidal, Sebastian Rudy, Sandro Wagner und Juan Bernat verkauft. Dem gegenüber stehen die Ausgaben für Alphonso Davies, welche bei zehn Mio. Euro liegen sollen. Leon Goretzka kam ablösefrei.

Für die Saison 2019/20 werden 63,9 Mio. Euro an Transfererlösen angegeben. Mats Hummels, Renato Sanches und Marco Friedl brachten Kohle. Die Verträge von Franck Ribéry, Arjen Robben und Rafinha ließ man jedoch auslaufen. Dafür wurde im gleichen Jahr kräftig investiert. Für Lucas Hernández, Benjamin Pavard, Philippe Coutinho, Michael Cuisance, Ivan Perisic und Fiete Arp gab man schätzungsweise über 130 Mio. Euro aus.

Die Zahlen für das Geschäftsjahr 2020/21 liegen noch nicht vor. Sie werden allerdings zeigen, dass die Transfereinnahmen weiter drastisch gesunken sind. Lediglich für Thiago flossen um die 22 Mio. Euro. Etliche Talente wurden nur verliehen. Sven Ulreich ist trotz eines laufenden Vertrages zum Hamburger SV verschenkt worden, damit Alexander Nübel die Nummer zwei sein konnte.

Hingegen wurden in Leroy Sané, sowie die Notkäufe Marc Roca und Bouna Sarr über 60 Mio. Euro investiert. Tanguy Nianzou, Nübel und Erix Maxim Choupo-Moting holte man ablösefrei.

Bitter ist der Blick auf die aktuelle Transferbilanz!

Aufgrund der gescheiterten Vertragsverhandlungen verließ David Alaba den Verein ablösefrei. Ihm folgten Javi Martínez und Jérôme Boateng. Für Trainer Julian Nagelsmann, seine Co-Trainer Dino Toppmöller und Xaver Zembrod, sowie Dayot Upamecano mussten über 60 Mio. Euro an RB Leipzig überwiesen werden.

Rechnet man all diese Zahlen zusammen, kommt man zu dem Ergebnis, dass der FC Bayern seit der Saison 2017/18, Salihamidzic wurde 2017 Sportdirektor, ein Transferminus von ungefähr 180 Mio. Euro erwirtschaftet hat. Aber: Der Verein hat neun Meistertitel in Folge eingefahren, gewann 2018/19 das Double und 2019/20 sogar das Triple. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur Bundesliga)

Dennoch muss man feststellen, dass die dauerverletzten Rekordeinkäufe Hernández (80 Mio. Euro) und Tolisso (41 Mio. Euro) bislang eine Fehlinvestition waren. Arp (5 Mio. Euro Jahresgehalt), Costa und Cuisance waren Flops. Sarr und Roca haben Probleme. Sané hat noch nicht eingeschlagen.

Für den Verein ist es umso wichtiger, in dieser Saison Transfererlöse zu erwirtschaften, um in den Kader investieren zu können. Ein Spieler für die rechte Seite und fürs Zentrum sollen noch kommen. Jedoch bleiben passende Kaufangebote für Kandidaten wie Tolisso, Sarr, Joshua Zirkzee und Cuisance bislang aus.

Die Angst vor dem zweiten Fall Alaba

Die größte Kader-Baustelle sind hingegen die auslaufenden Verträge. Mit Hernández und Sané hat der FC Bayern zwei Neuzugänge zu Topverdienern im Kader gemacht, an denen sich viele Mitspieler orientieren. An der Gehaltsspitze liegt Robert Lewandowski mit schätzungsweise über 20 Mio. Euro brutto pro Jahr. Ihm folgen Manuel Neuer und Thomas Müller.

Es sind Gehalts-Spähren, in die Spieler der zukünftigen Achse des Vereins ebenfalls hineinstoßen wollen, aber wohl nicht können, weil die Bosse sparen müssen.

Jedoch soll ein zweiter Fall Alaba mit aller Macht vermieden werden. Doch so einfach ist es nicht. 2022 laufen die Verträge von Süle, Goretzka, Tolisso und Christian Früchtl aus.

Nach SPORT1-Informationen ist die Tendenz bei Süle, dass er nicht verkauft wird. Eine Vertragsverlängerung ist aber auch noch nicht in Sicht. Bei Goretzka stocken die Verhandlungen, obwohl der Spieler am liebsten bleiben möchte.

Wie schon in den vergangenen Jahren wird Salihamidzic auch im kommenden Sommer nicht durchatmen können, weil 2023 die nächsten Top-Verträge auslaufen. Nämlich die von Lewandowski, Neuer, Müller, Gnabry, Joshua Kimmich, Coman, Choupo-Moting und Zirkzee.

Die Bayern stehen vor einem Dilemma. Denn für eine Vertragsverlängerung mit Goretzka, Kimmich und Co werden die Spieler auf Gehaltserhöhungen pochen, die pro Einzelfall bei neuen Langzeitverträgen bis zu 20 Mio. zusätzlich kosten können.

Bayern will weiter Stärke zeigen

Das Problem aus Bayern-Sicht: Der Markt für Bayerns goldene 95er-Generation ist riesig. Sollten die Vertragsverhandlungen scheitern, können sich Goretzka und Co. als ablösefreie Spieler die Vereine selbst aussuchen und ein dickes Handgeld kassieren.

Der FC Bayern wird somit gezwungen sein, in allen Fällen eine zeitnahe Verlängerung oder einen Verkauf hinzubekommen. Ansonsten ist Vertrags-Theater in der laufenden Saison programmiert - wie zuletzt bei Alaba.

Zukünftig, das teilte Ex-Präsident Uli Hoeneß bei SPORT1 bereits mit, wolle man in Vertragsverhandlungen knallhart sein. Wer das Vertragsangebot des FC Bayern nicht annehme, könne gehen, so heißt es.

Nach SPORT1-Informationen haben bereits in diesem Sommer viele Spieler persönlich erfahren, dass der Verein in puncto Gehaltszahlungen den Gürtel enger schnallt als in den Jahren zuvor.

Welche Talente schaffen den Durchbruch?

Da kostenintensive Vertragsverlängerung anstehen und teure Transfer vermieden werden soll, liegen die Hoffnungen vor allem auf Nagelsmann.

Hansi Flick machte es ihm vor, indem er Jamal Musiala sogar zum Nationalspieler entwickelt hat. Sein Nachfolger aus Leipzig soll noch mehr Talente vom Campus zum Profi machen. Bestenfalls zum neuen Müller, Alaba oder Philipp Lahm.

Doch wer bietet sich an?

Nagelsmann traut Christopher Scott einiges zu. Armindo Sieb, Taylor Booth, Torben Rhein, Josip Stanisic und Lucas Copado haben viel Potential. Erfahrungsgemäß reicht Talent allein beim FC Bayern aber nicht aus, weshalb völlig unklar ist, ob sich einer dieser Spieler wirklich dauerhaft im A-Team festbeißen kann. Zudem steht Nagelsmann wie seine Vorgänger unter akutem Titeldruck und kann sich eigentlich keine Leerphasen erlauben, wenngleich er in München eine “Ära prägen” soll (Oliver Kahn).

Was den FC Bayern auszeichnet, ist die wirtschaftliche Vernunft in Krisen-Zeiten. Dafür steht das neue Führungs-Trio um Präsident Herbert Hainer, Vorstandsboss Kahn und Salihamidzic ein. Umso mehr wird ihre Expertise zukünftig am Verhandlungstisch gefragt sein, um die Wettbewerbsfähigkeit des Vereins sicherstellen zu können.

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